Angehende Lehrer in Berlin Jeder zweite Bewerber lehnt Referendariatsplatz ab

Sie haben sich beworben, eine Zusage gekriegt - und wollen dann doch lieber woanders hin: In Berlin trifft das auf die Hälfte der angehenden Lehrer zu. Die Gewerkschaft schlägt Alarm, der Senat wiegelt ab.

Schulklasse in Berlin
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Schulklasse in Berlin


Berlin kann seine angehenden Lehrer nicht halten: Fast jeder zweite angehende Referendar hat den ihm angebotenen Platz in Berlin abgelehnt, berichtet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Berlin.

Neue Zahlen aus der Senatsbildungsverwaltung für die Einstellungsrunde ins Referendariat vom Februar 2017 ergeben laut der GEW, dass von 1039 Zusagen, die an reguläre Lehramtsabsolventen erteilt wurden, 484 nicht angenommen wurden. 47 Prozent der Referendare sind demnach nicht interessiert.

Die Senatsverwaltung hält diese Zahlen für wenig aussagekräftig. "Darunter sind viele Doppelbewerber", sagt Sprecherin Beate Stoffers. Auch aus anderen Bundesländern würden sich Referendare in Berlin bewerben, die sich bei einer Zusage an ihrem Wohnort dann für diesen entschieden. Den Vorwurf, Berlin könne seine Lehramtsstudenten nicht halten, weist sie deshalb zurück.

Die Plätze würden in der Regel im Nachrückverfahren besetzt: Zurzeit seien 2002 Referendare in Ausbildung sowie 569 Quereinsteiger. "Wir haben nur noch einen kleinen Puffer", so Stoffers. 2700 Plätze gäbe es insgesamt.

GEW: "Roten Teppich ausrollen"

Tom Erdmann, Vorsitzender der GEW Berlin, macht für die Absagen hingegen die Rahmenbedingungen in Berlin verantwortlich: "Offenkundig sind die Arbeitsbedingungen in Berliner Schulen nicht so attraktiv, als dass sich ausreichend Bewerberinnen und Bewerber vorstellen könnten, langfristig in Berlin zu arbeiten", sagte Tom Erdmann, Vorsitzender der GEW Berlin.

Berlin liege bei der Bezahlung seiner Referendare im Bundesvergleich weit hinten, so Erdmann. In Berlin bekommen Referendare laut "Tagesspiegel" knapp 1200 Euro, in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen rund 160 Euro mehr. Auch aus dem Haus der Bildungsverwaltung gibt es inoffizielle Signale, höhere Bezüge wären angemessen .

"Wenn wir die Fachkräfte in ausreichendem Maße für Berliner Schulen gewinnen wollen, muss die Stadt den angehenden Lehrkräften den roten Teppich ausrollen", sagt Erdmann. Bewerber sollten etwa frühzeitig erfahren, an welche Schule sie kommen. Wünsche sollten vor allem bei familiären Verpflichtungen noch stärker berücksichtigt werden.

Berlin braucht dringend neue Lehrer, allein in diesem Sommer müsse das Land 1200 neue Pädagogen einstellen, um den Bedarf zu decken, berichtet der RBB. Schon seit Jahren leidet die Hauptstadt unter einem Mangel an Lehrern, vor allem an Grundschulen. Deshalb werden viele Quereinsteiger eingestellt - und Lehrer aus Österreich oder den Niederlanden rekrutiert.

sun



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