Reisen trotz Schulpflicht Jetzt machen wir mal 14 Wochen Ferien

Eltern können ihre Kinder von der Schulpflicht befreien lassen, wenn sie einen wichtigen Grund dafür haben. Reisen zum Beispiel, findet eine Hamburger Familie. Und unterrichtet ihren Sohn jetzt auf dem Campingplatz.

Strand in Montenegro: Jens W. ließ seinen Sohn beurlauben, um länger reisen zu können
Getty Images/Lonely Planet Image

Strand in Montenegro: Jens W. ließ seinen Sohn beurlauben, um länger reisen zu können


Jonas, 9, ist in diesem Jahr in die dritte Klasse gekommen. Doch nach den Sommerferien ging für ihn der Unterricht nicht wie üblich in einem Hamburger Klassenzimmer los, sondern unter freiem Himmel in Montenegro.

Es war heiß, über 30 Grad im Schatten. "Wir haben einen Campingtisch unter windschiefe Kiefern gestellt", erinnert sich Vater Jens W. an den ersten Schultag. In der Pause sprangen sie kurz in die Adria.

Obwohl die Reise offiziell beantragt und genehmigt wurde, will er anonym bleiben. Die Schule wolle nicht, dass die Schulpflichtbefreiung an die große Glocke gehängt werde, sagt er.

Das Thema ist heikel, Jens W. hat es auf der Suche nach Tipps für die Beurlaubung selbst erlebt. In Internetforen habe er sich durch eine Menge Beschimpfungen wühlen müssen, sagt er.

Jens W. hat nichts gegen die Schulpflicht. Sie sei vernünftig, um Kinder vor Fanatismus oder Gleichmut der Eltern zu schützen. Oder Eltern vor Kindern, die den Schulbesuch verweigerten. Doch das Fernweh lässt ihn und seine Freundin nicht los.

Reisen schweißt zusammen

Schon kurz nach Jonas' Geburt fuhr die kleine Familie ein knappes Jahr mit dem Bus durch Afrika. Als vor dreieinhalb Jahren Tochter Luna geboren wurde, kauften sie einen größeren Bus, vermieteten die Hamburger Wohnung noch einmal unter und fuhren erneut los.

Kaum wieder da, wurde Jonas eingeschult. Längere Reisen hätten fortan tabu sein müssen. Doch das Paar kennt zwei andere Eltern, die ihre Kinder für längere Reisen aus dem Unterricht genommen haben.

Das Hamburger Schulgesetz regelt in Paragraf 28, dass Schüler "aus wichtigem Grund" bis zu sechs Wochen beurlaubt werden können. W. hält das Reisen selbst für einen wichtigen Grund: "Lange Reisen bedeuten, lange selber fremd zu sein. Das schützt vor Fremdenfeindlichkeit."

Die Kinder bekämen ein Gefühl für das alltägliche Leben in anderen Regionen der Welt, sähen Schulen aus Lehm und Schulkinder, die auf dem Boden sitzen. Zum anderen schätzt W. das Familienleben. Das Reisen schweiße Jonas und seine kleine Schwester zusammen, sagt er.

Als offizielle Begründung taugen weder das Weltenbürgertum noch die Kleinfamilienerfahrung. Die Schulpflicht gilt in ganz Deutschland, die Einzelheiten zur Beurlaubung regeln die Länder, die Unterschiede allerdings sind nicht groß: Mal ist es die Behörde, die über den Urlaubsantrag entscheidet, mal die Schulleitung; manche Länder definieren Zeiträume, die maximal zulässig sind, andere lassen dies wiederum offen.

Bildungsreise kein "dringender Ausnahmefall"

Was allerdings ist ein "wichtiger Grund"? Oder wie es in Thüringen und Bayern in den Schulgesetzen heißt: "dringender" oder "begründeter Ausnahmefall"? Die Schulbehörden geben sich dabei auffällig uneindeutig.

"Eine generelle Aussage ist untunlich", teilt etwa das Thüringer Ministerium für Bildung mit. Der Rechtsbegriff sei bewusst unbestimmt, um die individuelle Leistung und Lebenssituation des Schülers berücksichtigen und eine angemessene Entscheidung treffen zu können.

Gleichzeitig wissen die Eltern dadurch nicht, wann sie Aussicht auf Erfolg haben. Klar ist: Selbst als Bildungsreise definierte Urlaube sind kein "dringender Ausnahmefall". Die Begründung aus Thüringen und Hamburg: Schule müsse nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch zur Erziehung beitragen und Lernprozesse in der Gruppe ermöglichen. Der Auftrag könne nicht durch eine außerschulische Reise ersetzt werden.

Die Genehmigung kam schnell und unbürokratisch

In einem Internetforum las Jens W., dass man gute Chancen auf Genehmigung des Urlaubs habe, wenn man angebe, seinen Lebensmittelpunkt in ein anderes Land verlegen zu wollen und sich vor der endgültigen Entscheidung über Arbeits- und Wohnungsmarkt informieren müsse. Das sei in seinem Fall gar nicht gelogen, sagt er: "Wir können uns wirklich vorstellen, eine Zeit lang im Ausland zu leben."

Das Paar argumentierte, dass weder sie als Lehrerin noch er als Handwerker sich allein in den Sommerferien ein Bild von der Situation auf dem ausländischen Arbeitsmarkt machen könnten. Nach einem Gespräch mit der Klassenlehrerin und der Schulleitung von Jonas ging ein offizielles Schreiben an die Schulbehörde. Die Genehmigung zur Beurlaubung sei dann "schnell und unbürokratisch" gekommen, wie Jens W. sagt.

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Schüler erzählen von ihren Sommerferien: "Tagsüber im Bett rumgegammelt"

Statistiken über solche Beurlaubungen führen die Länder nicht. Die Frage, ob eigenmächtige Urlaubstage unter Angabe falscher Gründe an Schulen in Bayern eine Rolle spielen, wurde von der Pressestelle ignoriert. Aus Thüringen heißt es, die Gesetze ließen dafür keinen Spielraum. Hamburg wägt ab und sagt, es gebe dazu "kaum" Möglichkeiten: Die Überwachung der Schulpflicht werde "recht professionell gehandhabt".

Sie unterrichtet Deutsch, er Mathe

Jens W. schätzt, dass bei den meisten Eltern eine längere Reise schon an Verdienstausfall, Reisekosten und der Frage, was mit Haus oder Wohnung derweil passiere, scheitere. Auch müssen sich die Eltern zutrauen, das Kind selbst zu unterrichten. Schließlich muss es nach der Pause den Anschluss schaffen.

In der Grundschule sei das noch verhältnismäßig einfach, sagt Jens W.: "Wenn Jonas in Naturkunde die Einheit über Eichhörnchen verpasst, dann hat er halt zwei, drei schöne Arbeitsblätter zu Eichhörnchen weniger in seiner Mappe." Naturkunde und Fremdsprachen bekomme er auf der Reise ohnehin hautnah mit.

Für Deutsch und Mathe hatte das Paar schon vor den Sommerferien die Schulbücher besorgt. Sie unterrichtete Jonas in Deutsch, er in Mathe. Eine Stunde Elternunterricht täglich habe gereicht, um den Stoff zu vermitteln, sagt W.

Aber: "Frontalunterricht, bei dem sich nur ein Schüler und ein Lehrer gegenübersitzen, ist hart." Jonas habe sich nach der Reise sehr auf die Schule gefreut.

Namen der Familienmitglieder geändert



insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
lit 10.12.2016
1. für LehrerInnen äußerst schwierig....
und unbefriedigend. Seit ich lehrer bin (2000), ist dies ein thema: die neverending-story. Die lehrer müssen in den klassen und an elternabenden sagen, dass schulpflicht besteht und davon keine ausnahmen gemacht werden. Gehen die eltern dann zum rektor, kommen sie meistens mit einer erlaubnis wieder heraus. Dies ist die handhabung wie ich sie kennengelernt habe, über jahre. Meines erachtes spiegelt sich in dieser thematik nur eines von vielen führungproblemen an schulen.
ditor 10.12.2016
2. Disziplinlosigkeit
Wenn man etwas erkennen kann an solchen Themen, dann dass eine angeblich um sich greifende Disziplinlosigkeit eher nicht an den Schülern liegt. Sie wird an unseren Schulen regelrecht gelehrt. Regelmäßiger Unterrichtsausfall ,der natürlich auch nicht nachgeholt wird, passt ins gleiche Schema.
christiewarwel 10.12.2016
3. Augenmaß & Flexibilität
Will man ein Kind optimal fördern, sind Augenmaß und Flexibilität an Stelle einer stupiden Schulpflicht mehr als sinnvoll. Das eine Kind langweilt sich im Unterricht, das nächste leidet unter den Hänseleien der Anderen, das übernächste wiederum kommt nicht mit, weil die Voraussetzungen nicht stimmen ect. pp. Hier sollten Lehrer und Eltern die Möglichkeit haben, individuell zu entscheiden: Mehr Schulunterricht ("Nachsitzen" oder "Förderstunden"), Klassenwechsel, zeitlich begrenzter Unterricht in außerschulischer Form ... das alles kann im Einzelfall sinnvoll sein. Indes, es muß eine Einzelfallentscheidung sein.
larry_lustig 10.12.2016
4. sicher grenzwertig
Wofür ich überhaupt kein Verständnis habe, ist die Schulpflicht vor den Sommerferien nach der Zeugniskonferenz. Da läuft ausser Frühstück und Quiz eh nichts mehr, aber den Eltern wird oft unmöglich gemacht einige hundert Euro preiswerter Urlaub zu machen.
jujo 10.12.2016
5. ....
Grundsätzlich halte ich eine befristete Abwesenheit von der Schule für förderlich für das Kind, ( eigene Erfahrung ) wenn die Rahmenbedingungen stimmen, z.B. das Kind keine Lernprobleme hat und einige Fehlwochen in der Grundschule locker kompensieren kann. Das müßte es ja auch bei einer längeren Krankheit. Meine Tochter war bis sie ins Gymnasium kam schon eine weitgereiste Seemannstochter, Kannte die Zoos von Bombay, Colombo und Madras, war in Tansania auf Safari, konnte mit unseren tuvalesischen Seeleuten notdürftig in deren Sprache kommunizieren, (inzwischen alles vergessen) Wir argumentierten gegenüber der Schule so, das wir den sozialen Kontakt zum Vater als wichtiger erachteten als die Abwesenheit über eine überschaubaren Zeitraum von der Schule.
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