Rekord an Kreuzberger Schule Fünf deutsche und 334 ausländische Schüler

An einer Hauptschule in Berlin sprechen nur noch fünf Schüler Deutsch als Muttersprache, der Anteil der Migrantenkinder nähert sich der 100-Prozent-Marke. Die Kreuzberger Schule ist zum Politikum geworden - der Rektor rät deutschen Eltern sogar davon ab, ihr Kind dort anzumelden.

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Die Eberhard-Klein-Oberschule im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg steht vor einem mindestens in der Berliner Schulgeschichte einmaligen Rekord. 334 der 339 Schüler sind nichtdeutscher Herkunft. Bekannt wurde die außergewöhnliche Quote durch eine Anfrage der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Es sei "weder der Schule noch der Schulaufsicht möglich, eine verträglichere Zusammensetzung der Schülerschaft herbeizuführen", antwortete Schulsenator Klaus Böger (SPD).

Grundschüler in Kreuzberg: Anteil von Kindern mit Muttersprache Deutsch sinkt
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Grundschüler in Kreuzberg: Anteil von Kindern mit Muttersprache Deutsch sinkt

Die Berliner Blätter berichteten in den letzten Monaten mehrfach über die Hauptschule, in der "die Lehrer die einzigen Deutschen sind" (so die "B.Z.") oder "auf die kein einziges deutsches Kind mehr geht" ("Tagesspiegel"). Nach Angaben der Senatsverwaltung ist das übertrieben, aber nur leicht. Der Anteil von Schülern nichtdeutscher Herkunft in der Klein-Oberschule sei in den letzten Jahren stetig gestiegen, von 85,9 Prozent auf aktuell 98,5 Prozent. Auch in mehreren Nachbarschulen sehen die Quoten demnach ähnlich aus: An der Gerhart-Hauptmann-Realschule liegt der Anteil der Schüler ausländischer Herkunft bei 90,4 Prozent, an der Borsig-Realschule bei 86 Prozent.

Senator Böger bestätigte, dass deutsche Eltern die Anmeldung ihrer Kinder für die Schule zurückgezogen hätten, als sie den geringen Anteil deutscher Schüler erkannten. Sie hätten befürchtet, "dass dies zu einer Belastung ihrer eigenen Kinder und ungenügenden Lernfortschritten führen könnte".

Migranten schuld an Pisa-Blamage?

In seiner Anfrage hatte der Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu - selbst ehemaliger Schüler der Klein-Oberschule - sich auf eine Äußerung des Schulleiters bezogen. Der Rektor hatte im Dezember in der "B.Z." gesagt: "Wenn sich deutsche Eltern hierher verirren, fühle ich mich verpflichtet, ihnen zu raten, ihre Kinder an einer anderen Schule anzumelden." Der Bildungssenator bezeichnete diese Aussage zwar als "ungeschickt" und bedauerte sie ausdrücklich, nahm aber den Schulleiter zugleich in Schutz - denn der habe die Pflicht, Eltern über die Zusammensetzung der Schülerschaft zu informieren.

"Verträgliche Zusammensetzung nicht möglich": Senator Böger
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"Verträgliche Zusammensetzung nicht möglich": Senator Böger

In Berlin ist das Verhältnis zwischen Schülern deutscher und ausländischer Herkunft längst zum Politikum geworden, in einigen anderen Ballungsgebieten wie etwa im Ruhrgebiet oder in Hamburg ebenfalls. Bildungspolitikern bereitet die unausgewogene Zusammensetzung an vielen Schulen erhebliches Kopfzerbrechen, auch mit Blick auf die Schülerleistungen insgesamt.

So erklärte Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann, als die abermals mäßigen Ergebnisse beim internationalen Schulvergleich Pisa im Dezember bekannt wurden: "Die Ausländer- und Aussiedlerkinder ziehen den ganzen Schnitt runter, das ist seit Jahren eine Erkenntnis aller Kultusminister. Das ist kein Vorwurf an die Kinder, das ist einfach die Analyse", so der CDU-Politiker.

Bildung als Schlüssel zur Integration

Laut Pisa erzielten türkische Jugendliche beispielsweise in Mathematik durchschnittlich knapp 100 Punkte weniger - damit sind sie gegenüber Schülern aus deutschen Familien knapp zwei Jahre im Rückstand. Dabei sind die Zugangschancen zu höherer Bildung für Kinder aus Einwandererfamilien in Deutschland besonders schlecht; anderen Ländern wie Frankreich, Kanada oder den Niederlanden gelingt die Integration wesentlich besser. Eines der deutschen Hauptprobleme: Schlechte Deutschkenntnisse und Zugehörigkeit zur bildungsfernen Schicht kommen häufig zusammen - Migrantenkinder brauchen daher besonders intensive Förderung, bekommen sie aber nur selten. Zudem sind die Chancen auf einen Bildungsaufstieg im stark gegliederten, nach oben nahezu undurchlässigen Schulsystem gering.

Grafik: Ausländische Schüler
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Grafik: Ausländische Schüler

Dass Bildung für eine gelungene Integration die entscheidende Rolle spielt, geht aus einer aktuellen Studie der Körber-Stiftung hervor. "Migranten-, aber auch Arbeiterkinder filtert das deutsche Schulsystem mit seinem geringen Maß an sozialer Durchlässigkeit noch immer heraus", sagte der Grünen-Europaabgeordnete Cem Özdemir am Donnerstag. Die Untersuchung habe unter anderem ergeben, dass auch die Ignoranz von Lehrern über die Herkunftskultur ihrer Schüler verantwortlich für deren Desinteresse sei. An deutschen Schulen herrsche ein Mangel an interkultureller Kompetenz vor, sagte Özdemir. Zugleich müssten aber auch türkische Familien lernen, dass "der entscheidende Punkt für die Akzeptanz in der Gesellschaft die Bildungsfrage ist".

Mit der Integration ausländischer Schüler müsse man sich mehr Mühe geben, fordern auch Bildungsexperten wie Wilfried Bos. Der Hamburger Erziehungswissenschaftler leitete die internationale Grundschul-Leseuntersuchung Iglu und meint: "Wir haben es mit 30 Jahren verfehlter Einwanderungspolitik zu tun, dafür zahlen wir jetzt den Preis." Das sprachliche Verständnis sei der Schlüssel zu guten schulischen Leistungen - zum Beispiel auch bei Textaufgaben in Mathematik oder den Sachtexten im Biologiebuch.

"Rückzug in ethnische Nischen

An der Klein-Oberschule sind etwa 85 Prozent der Jugendlichen türkischer und zehn Prozent arabischer Herkunft; hinzu kommen albanische, afrikanische, vietnamesische und die fünf deutschen Schüler. Entsprechend groß sind die Verständigungsprobleme. Trotzdem sprach der Kreuzberger Schulrat Detlef Erhardt im "Tagesspiegel" von "erfolgreicher Arbeit" und verwies auf die guten Quoten bei den Schulabschlüssen und die wenigen Abbrecher im Vergleich zu anderen Hauptschulen.

Auch nach Auffassung von Öczan Mutlu, 37, führt ein hoher Ausländeranteil nicht zwangsläufig zu unüberwindbaren Schwierigkeiten. Aber wenn eine der Sprachen in einer Schule dominiere, "ziehen sich die Kinder in ihre ethnischen Nischen zurück", und Lehrer hätten keinen Zugang mehr, so der grüne Bildungspolitiker.

Als Beispiel nennt Mutlu, der mit fünf Jahren aus der Türkei nach Kreuzberg kam, seine eigene Schulzeit: Bis zur vierten Klasse sei er in einer so genannten Ausländerregelklasse gewesen, fast ohne Kontakt zu deutschen Schülern. Danach wechselte er auf die Zille-Grundschule, mit 27 Schülern aus zwölf Nationen in seiner Klasse: "Unsere gemeinsame Sprache war Deutsch", so Mutlu. Später schaffte er erst das Realschulzeugnis, dann das Abitur, die Ausbildung zum Informationselektroniker und schließlich das Elektrotechnik-Studium in Berlin - eine Bildungskarriere, die in Deutschland noch als große Ausnahme gilt.

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