Religiös geteiltes Berlin Versöhnen statt spalten

Die Berliner sagen Ja zum Ethikunterricht für alle - und Nein zu "Pro Reli". Die Schlappe der Initiative ist eindeutig. Ihr will die SPD aber entgegenkommen und mehr Religion ins Fach Ethik einbauen. Bürgermeister Wowereit kritisierte die "Polarisierung" durch die Kirchen.


Die Kampagnen-Macher der Initiative "Pro Ethik" geben sich nach ihrem Kantersieg versöhnlich - und machen dem christlichen Lager am Tag nach der großen Schlappe der Initiative "Pro Reli" erste Zugeständnisse. Der Berliner SPD-Landesvorsitzende Michael Müller sagte, der Senat sei bereit, eine Umgestaltung des Unterrichtsfaches Ethik zu prüfen.

Berlins SPD-Chef Müller: Zugeständnis an die Verlierer
DDP

Berlins SPD-Chef Müller: Zugeständnis an die Verlierer

Ethik gibt es als Pflichtfach in Berlin erst seit drei Jahren. Darum "muss man über die Inhalte, über den Lehrplan, über die Ausbildung der Lehrer mit Sicherheit noch reden", sagte Müller in einem Interview mit dem Sender Radio Eins. Das gelte auch für die Frage, welchen Raum das Wissen über Religionen im Ethikunterricht habe. "Das kann man auch im Unterricht noch verbessern, und darauf wollen wir gerne reagieren und dazu auch Gespräche führen."

Mit einem Volksentscheid hatte die von Kirchen, CDU und FDP unterstütze Initiative "Pro Reli" am Sonntag versucht, Religion in Berlin als gleichberechtigtes Wahlpflichtfach neben Ethik einführen zu lassen. Im Volksentscheid am Sonntag fiel die Forderung klar durch: Statt der erforderlichen 25 Prozent sprachen sich nur 14,2 Prozent der Wahlberechtigten dafür aus. Damit bleibt Ethik für die Berliner Schüler Pflicht, Religion kann weiterhin als zusätzliches Wahlfach genommen werden.

"Pro Reli" verliert auch bei den abgegebene Stimmen

Überraschend verpasste "Pro Reli" nicht nur das 25-Prozent-Quorum, sondern verfehlte auch die Mehrheit unter den abgegebenen Stimmen. Nach Angaben des Landeswahlleiters erzielte die Initiative nur 48,5 Prozent Zustimmung, 51,3 Prozent stimmten mit Nein.

Insgesamt kamen lediglich 29,2 Prozent der 2,45 Millionen Stimmberechtigten in die Wahllokale. Unterstützt worden war die Initiative unter anderem von Bundeskanzlerin Angela Merkel und einigen Politikern der SPD, außerdem von zahlreichen Prominenten wie den Moderatoren Günther Jauch und Tita von Hardenberg sowie dem Fußball-Nationalspieler Arne Friedrich.

In allen Stadtteilen des früheren Ost-Berlin erteilten die Wähler "Pro Reli" eine klare Absage mit rund 70 Prozent Nein-Stimmen, in Berlin-Mitte stimmt 55 Prozent gegen das Wahlpflichtfach Religion. Im Westen hingegen holte die Initiative unter den abgegebenen Stimmen in allen Staddteilen die Mehrheit. In Steglitz-Zehlendorf mobilisierte "Pro Reli" sogar stark genug, um mit 27 Prozent das Quorum von einem Viertel aller Stimmberechtigten zu erfüllen.

Der evangelische Landesbischof Wolfgang Huber sieht nun eine tiefe Ost-West-Kluft in der Hauptstadt. "Das Ergebnis zeigt eindeutig, dass ein Riss durch die Stadt geht", sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Huber erklärte, das massive Auseinanderklaffen von Zustimmung und Ablehnung habe ihn überrascht. "Es ist eine politische Aufgabe, den Riss nicht zu vertiefen." Die Kirchen wollten den Senat jetzt beim Wort nehmen: "Es gilt zu überprüfen, ob die Behauptung zutrifft, dass im Fach Ethik mehr Werte vermittelt würden als im Unterrichtsfach Religion."

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte im Deutschlandfunk an Landesbischof Huber gewandt, die Kirche müsse selbst diskutieren, ob diese "Polarisierung" richtig gewesen sei. Er glaube, das Vorgehen habe den Kirchen insgesamt geschadet.

Im gescheiterten Volksentscheid sieht Wowereit indes "ein Zeichen der Gemeinsamkeit". Das Ergebnis sei ein Erfolg und "ein Sieg für die Gemeinsamkeit, für den gemeinsamen Werteunterricht für alle Schüler, egal ob sie katholisch, protestantisch, jüdisch, Moslems oder Atheisten sind. Wichtig ist, dass sie sich gemeinsam über gemeinsame Werte austauschen". Der Senat werde weiterhin den freiwilligen Religionsunterricht an den Schulen unterstützen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat das Scheitern des Berliner Volksentscheids zum Religionsunterricht bedauert. "Es ist ja bekannt, dass die Bundeskanzlerin sich ein anderes Ergebnis gewünscht hätte", sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm am Montag vor Journalisten in Berlin. Sie bedauere den Ausgang, "aber die Entscheidung ist gefallen und ist zu respektieren".

cht/AP/dpa/AFP



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