Religionsunterricht Wo das Vaterunser fremd klingt

Katholisch, evangelisch, vielleicht noch Ethik - so sieht Religion an deutschen Schulen aus. Meistens. Inzwischen haben auch kleine Glaubensgemeinschaften einen Platz, etwa die syrisch-orthodoxe Kirche. Wer weiß schon, wie Gebete auf Aramäisch klingen? Ein Unterrichtsbesuch.

SPIEGEL ONLINE

Wenn Augin Yalcin ins Klassenzimmer kommt, stehen die Schüler auf, machen das Kreuzzeichen, falten die Hände und beten das Vaterunser. Auf Aramäisch. So beginnt der syrisch-orthodoxe Religionsunterricht in Rheda-Wiedenbrück. Dann lesen die Grundschüler die biblische Geschichte von Jesus und den Fischern, in der Hauptschule geht es um das Sakrament der Taufe.

Im fliederfarbenen Pullover und mit randloser Brille steht Augin Yalcin vor der Tafel. Zwei Mädchen kichern, weil der Lehrer sie gefragt hat, ob sie ihr Kind lieber Hasret oder Hannelore nennen würden. Da hebt ein Junge mit Gelfrisur den Arm, wie bei vielen in der Klasse spannt sich um sein Handgelenk ein Bändchen mit bunten Heiligenbildchen: "Am besten ist ein Kompromiss, also beide Namen."

Während der Stunde wird Deutsch gesprochen, nur die Gebete und Lieder sind auf Aramäisch. Die Sprache klingt fremd, erinnert ein bisschen an Arabisch - auch die Schriftzeichen. Von rechts nach links schreiben und lesen die Schüler. Gelernt haben sie die Sprache aber nicht in der Schule, sondern in der Gemeinde und von ihren Eltern.

Von den Mennoniten bis zu Buddhisten

Seit 2000 gibt es syrisch-orthodoxen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen. Anfangs fehlte es an allem - Lehrer, Inhalte, Ansprechpartner, Material. Inzwischen besuchen etwa 2500 Schüler die Stunden, die von 24 Lehrern an 96 Schulen angeboten werden.

Das Recht auf Religionsunterricht ist im Grundgesetz verankert, auch für Minderheiten. Elf davon in zehn Bundesländern machte die Juristin Claudia Corlazzoli bei ihrer Doktorarbeit ausfindig, darunter Weltreligionen wie das Judentum und der Buddhismus, christliche Glaubensgemeinschaften wie die Mennoniten und die Altkatholiken oder orthodoxe Gruppen. Den viel diskutierten Islamunterricht hat sie nicht mit einbezogen in ihre Untersuchung.

Religion ist in den meisten Bundesländern ein ordentliches Lehrfach. Wer fehlt, wird ins Klassenbuch eingetragen. Die Note steht im Zeugnis und ist versetzungsrelevant.

Bis es für die syrisch-orthodoxe Kirche soweit war, musste in Nordrhein-Westfalen einiges geschehen. Zunächst wurde ermittelt, wo überhaupt Unterricht stattfinden könnte. Mindestens zwölf Teilnehmer müssen dafür an einer Schule sein. Oft wird jahrgangsübergreifend unterricht, manchmal sitzen auch Kinder aus verschiedenen Schulen in einem Klassenzimmer.

Ein Automechaniker als Lehrer

Dann ging die Suche nach den Lehrern los. Vorgabe des Schulministeriums: Abitur oder ein vergleichbarer Abschluss. Die Kirche warb Ingenieure, BWLer und einen Automechaniker mit religiösen Kenntnissen an. Die angehenden Lehrer besuchten - parallel zu ihren ersten Unterrichtsstunden - drei Jahre lang Kurse am Institut für Lehrerfortbildung in Mülheim an der Ruhr, einer Einrichtung der katholischen Kirche.

Augin Yalcin wurde durch Zufall Lehrer. "Vor acht Jahren rief mein Cousin an und fragte, ob ich nicht nach Rheda-Wiedenbrück kommen will, die Gemeinde suche jemand für den Schulunterricht", erzählt er. Und klingt dabei so, alles könne er es noch immer nicht so richtig glauben, dass er inzwischen beim Land Nordrhein-Westfalen mit einem vollen Lehrauftrag angestellt ist.

Yalcin ist in der Türkei geboren, kam mit zehn Jahren nach Deutschland, machte hier Abitur, besuchte im Kloster Warburg das Priesterseminar der syrisch-orthodoxen Kirche und studierte zwei Jahre Theologie in Damaskus. Eigentlich wollte er in Deutschland weiter an die Uni, aber dann nahm er das Angebot einfach an.

Mit seinen 30 Jahren wirkt Augin Yalcin auch heute noch ein bisschen wie der große Bruder seiner Schüler. Manche begrüßen ihn mit Handschlag, aber alle nennen ihn respektvoll Malfono, Lehrer. Die meisten der Kinder und Jugendlichen kennt er aus der Kirche, wo er nebenbei als Gemeindereferent arbeitet. Freundlich, aber bestimmt erinnert Yalcin am Ende der Stunden an das nächste Ministrantentreffen.

Lehrplan auf Probe

Einen Lehrplan gab es zunächst nicht. Deshalb entschlossen sich die Verantwortlichen von Kirche und Ministerium, das Regelwerk aus Hessen zu übernehmen. Vorübergehend. Seit 2008 liegt ein eigener Lehrplan für syrisch-orthodoxen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen vor.

Solche "maßgeschneiderten Lösungen" lobt Claudia Corlazzoli in ihrer Doktorarbeit, die beim Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung ausgezeichnet wurde. Überhaupt zieht die Juristin ein positives Fazit: "Die Kultusministerien sind flexibel und kreativ bei der Gestaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen." Schließlich gelte es, sowohl den religiösen Minderheiten als auch dem staatlichen Lehrauftrag gerecht zu werden. In Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz gelinge das besonders gut.

Einmalig in Deutschland ist beispielsweise der Unterricht der Unitarier, einer freien Religionsgemeinschaft. Um die 35 Kinder und Jugendliche jeden Alters und aller Schularten kommen samstags nach Frankfurt am Main ins Gemeindezentrum, wo sie in kleinen Gruppen von vier Lehrern betreut werden.

Es fehlt an Büchern

Oft ein Problem sind bei speziellem Unterricht die Lehrmaterialien. "Am Anfang hatte ich nur das Gotteslob und Bücher aus dem Priesterseminar - alles viel zu schwer, zu trocken", erinnert sich Augin Yalcin von der syrisch-orthodoxen Kirche. Stundenlang bereitete er den Unterricht vor, entwarf Arbeitsblätter und beschriftete Folien.

Inzwischen hat er ein erstes Arbeitsbuch für Neunt- und Zehntklässler in Nordrhein-Westfalen herausgegeben. Es trägt den Titel "Shmuni & Shabo" und handelt von den Sakramenten. Die Geschichten, Rätsel und Textaufgaben sind in elf Lektionen unterteilt. Am Rand stehen kurze Gebete oder Bibelzitate auf Aramäisch. Ein zweites Arbeitsbuch für Siebt- und Achtklässler wird gerade lektoriert. Thema: Heilige. Weitere sollen folgen.

Für Elisabeth Stratmann-Paulun, Rektorin an der Ketteler-Hauptschule in Rheda-Wiedenbrück, ist der syrisch-orthodoxe Religionsunterricht eine Bereicherung. Augin Yalcin sieht sie als Vermittler. Er erfülle eine Brückenfunktion. Schließlich kenne er die Gemeinde, die Familien. Das sei oft "äußerst hilfreich".

Die syrisch-orthodoxe Kirche ist angekommen im Schulalltag. Gesangsgruppe und Priester wirken inzwischen auch beim ökumenischen Abschlussgottesdienst mit. Dann ist auch das Vaterunser auf Aramäisch zu hören.

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.