Rheinland-Pfalz Warum Schüler den Religionsunterricht abschaffen wollen

In Rheinland-Pfalz wehren sich Jugendliche gegen den Einfluss der Kirche in den Schulen - und wollen die Verfassung des Bundeslandes ändern. Die Bildungsbehörde wehrt sich gegen ihren Vorstoß.

Konfessioneller Religionsunterricht oder Gemeinschaftsunterricht?
Friso Gentsch/ DPA

Konfessioneller Religionsunterricht oder Gemeinschaftsunterricht?

Ein Interview von Franca Quecke


Die Kirche soll weniger Einfluss haben, der christliche Glaube in der Schule nicht mehr so eine große Rolle spielen. Das fordert die Landesschülervertretung in Rheinland-Pfalz. Sie will, dass der Religionsunterricht abgeschafft - und deshalb die Landesverfassung geändert wird, wonach Schulen in Rheinland-Pfalz grundsätzlich "christliche Gemeinschaftsschulen" sind.

Die katholische Kirche in Rheinland-Pfalz will sich auf eine SPIEGEL-Anfrage nicht dazu äußern. Das Bildungsministerium wehrt sich gegen den Schüler-Vorstoß und argumentiert mit dem Grundgesetz. "Bekenntnisfreie Schulen sollen nach dem Willen des Verfassungsgebers die Ausnahme sein", teilt die Behörde dem SPIEGEL mit. Das sei nicht damit vereinbar, alle öffentlichen Schulen als bekenntnisfreie Schulen zu erklären.

Im Übrigen stelle die aktuelle Formulierung von Artikel 29 der Landesverfassung - anders als in früheren Zeiten - sicher, dass die Schulen in Rheinland-Pfalz allen Schülerinnen und Schülern offenstehen, unabhängig vom Glauben. Religionsunterricht sei zudem wichtig für die Identitätsfindung von Kindern und Jugendlichen, heißt es von der Behörde. Schülersprecherin Lucia Wagner will sich damit jedoch nicht zufrieden geben.

SPIEGEL: Frau Wagner, warum wollen Sie die Verfassung ändern?

Wagner: Vor einem Monat haben wir die Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts gefordert. Artikel 34 unserer Verfassung besagt allerdings, dass Religionsunterricht an allen Schulen ein ordentliches Lehrfach ist - mit Ausnahme von bekenntnisfreien Privatschulen. Wenn jetzt also alle Schulen bekenntnisfrei wären, wäre das Problem gelöst. Allerdings sind Artikel 29 zufolge alle öffentlichen Grund-, Haupt- und Sonderschulen christliche Gemeinschaftsschulen. Wenn wir also den Religionsunterricht in seiner bisherigen Form abschaffen wollen, müssen wir erst einmal Artikel 29 ändern.

SPIEGEL: Die neue Forderung nach bekenntnisfreien Gemeinschaftsschulen ist also Mittel zum Zweck.

Wagner: Am Anfang ja, mittlerweile nicht mehr. Als wir uns wegen des Religionsunterrichts mit der Verfassung auseinandergesetzt haben und dabei auf den Artikel gestoßen sind, waren wir geschockt. Mir war nicht klar, dass noch so viel Kirche in der Verfassung und in den Schulen steckt. An meiner alten Grundschule gab es zwar auch regelmäßig Gottesdienste, zum Beispiel zur Einschulung. Ich habe allerdings nicht damit gerechnet, dass alle Gemeinschaftsschulen offiziell christlich sind.

SPIEGEL: Was genau stört Sie denn daran, wenn sich eine Schule christlich nennt?

Wagner: Wir finden es nicht in Ordnung, dass ein Staat, der von sich behauptet, Staat und Kirche voneinander zu trennen, Schulen als christlich festlegt. Das ist diskriminierend für Menschen aller anderen Religionen oder ohne Glauben. Wenn man es sowieso nicht merkt, kann man es auf dem Papier auch einfach ändern.

SPIEGEL: Und warum wollen Sie den Religionsunterricht abschaffen?

Wagner: Es gibt heutzutage weniger junge Menschen, die katholisch oder evangelisch sind. Stattdessen glauben sie an die unterschiedlichsten Religionen oder gar nicht. Deshalb fordern wir ein verpflichtendes Schulfach, bei dem alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet werden. In Brandenburg wird das beispielsweise schon so ähnlich umgesetzt. Über verschiedene Religionen, Weltanschauungen und Kritik daran soll umfassend aufgeklärt werden. Im Optimalfall erledigen das staatliche Lehrer und keine Gemeindereferenten, die die Kirche schickt.

SPIEGEL: Wie waren die Reaktionen auf Ihre Forderungen?

Wagner: Wir haben sehr viele sehr positive Leserbriefe und Mails von den unterschiedlichsten Leuten erhalten, Verbände und Jungendparteien unterstützen uns ebenfalls. Einige Eltern haben uns sogar geschrieben, dass sie ihre Kinder gerne auf Schulen mit Ethikunterricht schicken würden, ob wir Tipps für sie hätten. Die einzigen, die sich querstellen, sind das Bildungsministerium und die Kirchen.

SPIEGEL: Das Bildungsministerium in Mainz ließ mitteilen, dass man es "weder für erforderlich, noch für zielführend" halte, den bekenntnisorientierten Religionsunterricht abzuschaffen. Dafür müssten das Grundgesetz, die Landesverfassung und zudem noch Vorschriften im Schulgesetz und in den Schulordnungen geändert werden.

Wagner: Das ist doch kein Grund, nichts zu tun! Politiker und Politikerinnen sind doch dafür da, die Gesetzeslage zu überarbeiten. Staatssekretär Hans Beckmann von der SPD hat zu unserer Forderung gesagt, dass die Schulen bereits für Vielfalt und Offenheit stehen würden. Aber wenn alle gemeinsam unterrichtet würden, würde das Offenheit und Vielfalt doch viel mehr fördern. Man schottet sich nicht ab, sondern lernt voneinander.

SPIEGEL: Sie besuchen gerade die 12. Klasse. Glauben Sie, dass Sie die Abschaffung des Religionsunterrichts selbst noch in der Schule miterleben werden?

Wagner: Ich denke, der öffentliche Diskurs ist der erste Schritt. Momentan ist er leider auch der einzige, den wir gehen können. Wir beobachten, dass die Kirchen noch einen großen Einfluss auf die Politik ausüben, deshalb wird sich so schnell vermutlich nichts ändern. Seit den Fridays-for-Future-Debatten wird jungen Menschen zwar öfter zugehört als früher - viel mehr passiert aber auch nicht.



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