Rollentausch Wenn Schüler ihren Lehrern Noten geben

Einmal den Spieß umdrehen und den Lehrer bewerten - davon träumen viele Schüler. Indien macht diesen Traum wahr: Zweimal jährlich sollen Schüler Zeugnisse verteilen. Und wenn ein Lehrer wiederholt schlecht abschneidet, droht ihm sogar die Kündigung.


Für indische Pädagogen brechen unruhige Zeiten an. An allen von der Zentralregierung geführten Schulen sollen Schüler der Klassen fünf bis zwölf künftig ihre Lehrer beurteilen - und damit erheblichen Einfluss darauf ausüben, ob diese weiter beschäftigt werden. Bereits in der ersten Oktoberwoche geht es los. Die Schüler erhalten eine Einführung und können dann zwischen den Noten sehr gut, gut oder schlecht wählen. Bei der Beurteilung bleiben sie anonym.

Schülerprotest in Indien: "Do not sleep in the class room"
AFP

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Die Bewertung soll nicht folgenlos bleiben, im Gegenteil: Zweimal pro Jahr, im Oktober und im Februar, schreiten die Schüler zur Abstimmung. Schon bei 40 Prozent mit der Note "schlecht" sollen Lehrer eine Ermahnung erhalten und möglichst die Unterrichtsklasse wechseln. Und wenn Lehrer beide Male von mindestens 60 Prozent der Schüler als "schlecht" bewertet wird, sollen sie sogar entlassen werden.

Lehrerverbände protestierten empört gegen die Neuregelung. "Wie kann man von einem Fünftklässler eine Beurteilung erwarten, auf deren Basis wir sogar entlassen werden können?", zürnte K.M. Yadav, Präsident einer Lehrervereinigung.

"Wir freuen uns schon sehr auf diese Beurteilungen", zitiert die Zeitung "Indian Express" dagegen einen Neuntklässler, der glaubt, eine Reihe "guter, aber unterschätzter Lehrer" werde davon profitieren. Der Schüler wollte anonym bleiben und äußerte schwere Vorwürfe: Es gebe Vorfälle, bei denen Lehrer Schüler geschlagen und beleidigt hätten. Und manche blieben hinter dem Lehrplan zurück und forderten dann Schüler auf, sie für Nachhilfe zu bezahlen, um die Prüfungen zu schaffen. "Jetzt können wir hoffen, dass diese Lehrer entfernt werden", so der Schüler.






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