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Emmanuels Alltag: Büffeln und Betteln

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Roma-Kinder in Frankreich Emmanuels winzige Chance

Emmanuel wohnt in einem besetzten Haus in Frankreich und darf nun mit neun Jahren zum ersten Mal zur Schule. Doch seine Chancen als Kind einer Roma-Familie stehen schlecht: Die französische Einwandererpolitik schlingert zwischen Integration und Ausgrenzung.
Von Alexander Moritz

Emmanuel ist mit Abstand der Älteste seiner Klasse. Denn obwohl er bereits neun Jahre alt ist, besucht er die erste Klasse. Er wurde in Frankreich geboren, seine Eltern sind Roma. Eigentlich herrscht in Frankreich für alle Kinder im Alter zwischen sechs und 16 Jahren Schulpflicht - unabhängig davon, woher ihre Eltern kommen oder welchen Status sie haben. Dennoch geht nur ein Drittel der etwa 2000 Kinder, die zurzeit in französischen Roma-Lagern leben, in die Schule. Viele verbringen stattdessen den Tag in der Metro, spielen Akkordeon und betteln um ein paar Euro.

Auch Emmanuels Adoptivmutter Tita, 48, bestreitet ihren Lebensunterhalt, indem sie Passanten um kleine Spenden bittet. Seitdem ihr Mann vor einem Jahr bei einem Hausbrand ums Leben kam, muss sie alleine für Emmanuel sorgen. "An guten Tagen bekomme ich zehn Euro. Ich schäme mich, dass ich betteln muss, aber ich habe keine Wahl. Vom Staat bekommen wir nichts", sagt sie.

Vor fast zehn Jahren kam sie mit ihrem Mann aus der Region Bihor an der rumänisch-ungarischen Grenze nach Frankreich. Laut dem französischem Innenministerium leben etwa 16.000 Roma in illegalen Lagern aus selbst gezimmerten Baracken oder in ungenutzten Gebäuden. Das ist zwar nur eine Minderheit der etwa 400.000 Roma in Frankreich, von denen die meisten gut integriert leben, doch sie bestimmt das Bild der Roma in den französischen Medien.

Vier Familien in einer Wohnung

Tita und Emmanuel wohnen in einem kleinen Zimmer eines leer stehenden Hauses in einer Vorstadt von Lyon. Ein Lüfter röhrt, an der Wand hängt ein "König der Löwen"-Bettlaken. Die Etagenwohnung teilen sie sich mit drei anderen Familien, der Boden klebt und das Schloss der Eingangstür ist kaputt. Lange werden sie wohl nicht mehr bleiben können. Der Räumungsbescheid ist schon da.

Ihr Sohn gehe gerne zur Schule, sagt Tita. Sie selbst kann kaum lesen und schreiben, Französisch spricht sie kaum. Emmanuel soll es einmal besser haben. Dass er jetzt gemeinsam mit französischen Kindern in einer Schule lernt, macht seine Mutter stolz.

20 Minuten braucht Emmanuel mit Bus und Trambahn bis zur École élémentaire Berthelot. Die 8,40 Euro für das Nahverkehrsticket wurden gespendet, in der Schulkantine bekommt er kostenlos Mittagessen. Die Aufnahme in den Grundschulen funktioniere recht gut, berichtet Elisabeth Gagneur. Sie leitet den Vereins Classes, der sich seit 2006 für den Schulbesuch von Roma-Kindern in Lyon einsetzt.

Ohne Impfung und Versicherung

Hilfe benötigen viele Roma-Eltern bei Behördengängen, weil sie nur schlecht Französisch sprechen. Für die Kinder fehlt es oft an einem Impfpass, oft haben die Familien keine feste Adresse. Für sie wird dann ein Postfach beim Sozialhilfezentrum eingerichtet. Bei den Behörden und in der Politik habe sich ein Problembewusstsein entwickelt, berichtet Gagneur. Dass Roma in die Schule gehen sollen, sei zumindest in Lyon bei allen Beteiligten akzeptiert.

Das französische Schulsystem ist darauf angelegt, fremdsprachige Kinder aufzunehmen. Es gibt besondere Französischkurse und auch an den weiterführenden Schulen Willkommensklassen für Kinder, die noch nie in der Schule waren. Bis zu 18 Stunden Französisch pro Woche, dazu jeweils eine Stunde Mathe, Musik, Kunst und Sport gemeinsam mit französischen Schülern. Die weitere Einbindung in den Unterricht soll dann individuell erfolgen, je nach dem Sprachniveau der Schüler.

Die meisten ihrer Schüler seien Kinder von Einwanderern aus ehemaligen französischen Kolonien - Algerien, Kambodscha oder Mali -, nur etwa ein Drittel seien Roma, sagt Andrea Rölke. Die Hamburgerin ist Französischlehrerin am Collège Gabriel Rosset und betreut dort das Angebot für Nichtmuttersprachler.

Während durch Initiativen wie Classes die Einschreibungen an Vor- und Grundschulen zunehmen, sehen die Zahlen der weiterführenden Schulen schlecht aus. Von den 261 Kindern, die Classes bis Juni 2013 in Lyon betreute, gingen nur 30 auf ein Collège. Elisabeth Gagneur sagt, die Kinder werden ab einem bestimmten Alter in der Familie gebraucht, um auf die Geschwister aufzupassen oder Geld zu beschaffen. Außerdem seien die weiterführenden Schulen weniger dazu bereit, Roma aufzunehmen. "Nach zwei oder drei Jahren Grundschule können einige noch nicht richtig lesen und schreiben. Da wird es am Collège schwierig."

Das größte Problem: Zwangsräumungen

Das größte Problem bleiben die häufigen Zwangsräumungen von Roma-Häusern. Laut dem Europäischen Zentrum für die Rechte der Roma wurden in Frankreich in 2013 die Wohnstätten von über 20.000 Roma zwangsgeräumt, mehr als doppelt so viele wie noch im Jahr zuvor. Statistisch betrachtet war also jede Person, die in einem illegalen Camp lebt, mindestens einmal von einer Räumung betroffen. Danach kommen die Kinder häufig tage-, manchmal wochenlang nicht in die Schule, manche bleiben ganz weg. Im Herbst 2013 machte der Fall der 15-jährigen Leonarda Schlagzeilen: die Polizei holte das Mädchen während eines Schulausflugs ab, anschließend wurden sie und ihre Familie ins Kosovo abgeschoben.

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Angesichts dieser restriktiven Roma-Politik erscheinen die Erfolge von Classes sehr klein. "Wenn die Menschen auf der Straße schlafen müssen, kann ich verstehen, dass Schulbildung eventuell nicht an erster Stelle steht", sagt Elisabeth Gagneur.

Auch Emmanuels Mutter Tita weiß, dass sie bald wieder ein neues Zuhause suchen muss. Beim letzten Rauswurf habe ihr die Polizei 20 Minuten Zeit gegeben, um zu packen. Zurück nach Rumänien zu gehen, kommt für sie nicht infrage: "Dort werden wir noch schlechter behandelt. Roma werden in Rumänien nicht einmal berührt. Und hier kann Emmanuel eine Schule besuchen."