Romane übers Erwachsenwerden Wenn ich mal groß bin

Gerade noch auf dem Schulhof, jetzt schon in der kalten Krisenwelt: Wer heute erwachsen wird, schlittert schnell in eine depressive Stimmung. So beschreiben es junge Autoren in ihren Romanen über Jugendliche im Aufbruch. Anne Haeming erklärt, welche Newcomer-Schmöker sich wirklich lohnen.


Man denke nur einmal an Holden Caulfield, den berühmten Helden aus Jerome D. Salingers Roman "Fänger im Roggen". Holden ist 16 und schon aus mehreren Schulen rausgeflogen, hat keinen Bock mehr, also haut er erst einmal nach New York ab und hängt dort ein paar Tage rum. Er geht ins Museum, ins Theater, flaniert durch die Großstadt. Auch wenn der Junge in den drei Tagen unterwegs einiges erlebt, von Begegnungen mit Prostituierten bis hin zu einer Nacht in der Bahnhofshalle, eines spürt man in dem Roman an keiner Stelle: echte Zukunftsangst. Zweifel daran, was aus ihm werden soll, kommen Holden überhaupt nicht in den Sinn.

Der Roman erschien vor knapp 60 Jahren. Eine Grundstimmung, die letztlich derart unerschütterlich wirkt, ist beinahe undenkbar in heutigen Geschichten, die ums Erwachsenwerden kreisen. Stattdessen dominieren: Depressionen.

"Adoleszenz"-, "Coming of age"- oder auch "Initiations"-Romane heißen im Fachbegriff solche Bücher. In der Haltung der jugendlichen Protagonisten neuerer Texte spiegelt sich das Krisenhafte unserer Ära: Sie wollen sich nicht festlegen, sie können sich nicht entscheiden, alles, was über ihren unmittelbaren Horizont hinausgeht, interessiert kaum. Fünfjahrespläne für die eigene Karriere aufstellen? Nichts scheint unmöglicher.

Dieses Bild zeichnen zumindest die Bücher, in denen junge Menschen zwischen dem Ende ihrer Schulzeit und dem ersten Semester an der Universität die Hauptrollen spielen. Sie dröhnen sich zu, manchmal mit härteren Sachen, meist ist es Alkohol. Trinkspiele gehörten lange nur zur Mutproben-Phase unter Minderjährigen, inzwischen sind sie auch bei älteren Semestern Teil des abendlichen Repertoires. Es ist eben beunruhigend zu wissen, dass es nicht die nächsten Jahrzehnte beruflich immer geradeaus gehen wird. Und dass die eigenen Eltern keine Ahnung haben, wie sich das anfühlt. Da ist jede Gelegenheit zur Realitätsflucht willkommen.

Welche Bücher angenehm verblüffen und wo sich junge Autoren schnell beim Kalauern erschöpfen - ein Überblick über sechs Bücher.

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VPolitologeV, 20.04.2010
1. -.-
Ok, ich formuliere es mal als Literaturwissenschaftler freundlich: Wenn Hegemanns gesammelte Wortkotze das empfehlenswerteste Buch der Reihe ist - was hätten für Wälder leben können ohne die anderen Bücher!!! Und wenn Sie denken, das war unfreundlich - ich kann es gerne auch anders ausdrücken.
sam clemens, 20.04.2010
2. Abgesehen ...
... davon, dass depressive Krisen schon seit jeher zum Erwachsenwerden und zur entsprechenden Literatur gehören (Werther!!!) - wer ist eigentlich dafür verantwortlich, dass inzwischen bei so vielen Einführungstexten bei SPON steht "xy erklärt ...", "SPON erklärt, warum ..." (am besten in 10 Punkten) usw.? Auch Internetmedien sollen zuerst informieren und dem Leser ermöglichen, sich ein eigenes Urteil zu bilden. SPON kommt zur Zeit vor allem mit vorgefertigten Meinungen, denen man nur noch zustimmen muss. Wollt ihr das wirklich? Zu den Büchern, abgesehen von dem oben Geschriebenen: "Axolotl ...", "Feuchtgebiete" - und all diese Borderline-Texte - leben von so etwas wie dem wohligen Grusel des viktorianischen Zeitalters - das Beschriebene ist eine literarische Realität, keine Dokumentation! Wer daraus auf die tatsächliche Verfasstheit der Jugend schließt, hat weder von Jugend Ahnung noch von Literatur!
sam clemens, 20.04.2010
3. Noch was ...
... besonders treffend die Bemerkung über das Studentenleben "Höchst dramatisch für den Protagonisten, von außen gesehen passiert nicht viel" oder so ähnlich. Das kann man auch über die hier vorgestellte Literatur sagen. Zu Axolotl: Darüber ist ja nun genug geredet und geschrieben worden. Meiner Meinung nach ist es mit der literarischen Qualität nicht weit her.
marvinw 20.04.2010
4. Natürlich ist es so
---Zitat--- Wer heute erwachsen wird, schlittert schnell in eine depressive Stimmung. ---Zitatende--- Natürlich ist es so. Die Erwachsenengeneration heute ist in den 80-ern aufgewachsen, mit guter Stimmung und viel Fortschritt. Jetzt wird alles nur abgebaut, sieht euch die Leute über 40 an: keine Kinder, kein Wohneigentum, Leben von Kredit zu Kredit. Das müssen sich heutige Kinder angugecken und sie werden lernen extremere Parteie zu wählen ob es ihnen schmeckt oder nicht, wenn CDU/SPD/FDP den Arbeitnehmer verrät, was bleibt übrig?
Darla, 20.04.2010
5. Oh Mann...
Schon wieder Saure Gurken Zeit? In schönster Regelmäßigkeit höre ich seit meiner Jugend - und ich habe dieses Jahr meine 20jährige Abifeier - wie schrecklich es ist, in dieser Welt aus Jugendlicher groß zu werden. Bei uns waren es Drogen und Sekten, dann kamen Drogen und NullBock, dann Drogen und totales politisches Desinteressen, jetzt sind es Drogen und Depression. Himmel, man kann auch alles überintellektualisieren und dabei das Leben vergessen. Wir haben alle mit Problemen zu kämpfen gehabt - zu meiner Zeit hieß es noch, wir würden alle den Hungertod sterben, weil es keine Ausbildungsplätze gibt. Die Generation Golf war, bestimmten Publikationen zu Folge, dem Untergang geweiht. Heute sagt man, wie gut wir es doch hatten! Und siehe da, wir alle leben noch. Vielleicht wäre es sinnvoller, den Menschen literarisch Raum einzuräumen, die Perspektiven zu bieten haben, optimistisch sind und trotz Problemen die Lust auf das Leben und Neues nicht verlieren. Aber so ein Buch würde es wohl nie in die Bestsellerlisten schaffen - es wäre wahrscheinlich zu oberflächlich für die Literaturkritiker.
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