Russische Schüler Zurück in die Sowjet-Vergangenheit

Den Lehrplan in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf: Russlands Schüler sollen wieder Bücher lesen, die in der Sowjetzeit Pflichtlektüre waren. Das sieht ein neuer Lehrplanentwurf vor. Patriotische Propagandaschinken könnten Werke von Kommunismus-Kritikern, etwa "Doktor Schiwago" von Boris Pasternak, verdrängen.

Von Fritjof Meyer


Der Lehrplan für den Literaturunterricht liegt dem Bundesrat, Länderkammer der Russischen Föderation, zur Beschlussfassung im Herbst vor. Im Schulunterricht stehen dann Werke von Antikommunisten nicht mehr auf dem Stundenplan: Gestrichen wird, was von Kommunismus-Kritikern stammt - etwa die nach der Wende eingeführte Pflichtlektüre des "Doktor Schiwago" von Boris Pasternak und "Die Baugrube" von Andrej Platonow.

Präsident Putin (rechts, mit Silvio Berlusconi und Buch): Findet Geschmack an Sowjet-Insignien
AFP

Präsident Putin (rechts, mit Silvio Berlusconi und Buch): Findet Geschmack an Sowjet-Insignien

Aus dem umfassenden Werk der großen Lyrikerin Anna Achmatowa, die nach fünf Gedichtbänden von 1922 bis 1958 Schreibverbot hatte, sollen nur noch drei rein patriotische Gedichte memoriert werden. Warlan Schalamows "Geschichten aus Kolyma", dem sibirischen Zwangsarbeiterzentrum der Stalinzeit, entfallen künftig, wenn es nach dem Willen der russischen Reaktionäre geht.

Stattdessen sollen die Schüler "Das Lied des Sturmvogels" lernen, das Maxim Gorki verfasst hat, der Schachpartner Lenins und Freund Stalins. Gorkis Lobpreis der sowjetischen Sklavenarbeit am Weißmeerkanal ist aber noch nicht als Lernstoff vorgesehen. Die heranwachsenden Russen müssen jedoch, falls der Entwurf in Kraft tritt, den sowjetischen Propagandaschinken "Wie der Stahl gehärtet wurde" von Nikolai Ostrowski kennen und nun auch wieder das Kriegs- und Bürgerkriegsepos "Der Stille Don" von Michail Scholochow. Dessen Lektüre und Besprechung dürfte ein ganzes Schuljahr der russischen Elf-Klassen-Schule ausfüllen. In der deutschen Ausgabe von DTV umfassen die drei Bände dieser Kosakengeschichte 1473 Seiten.

Renaissance von Hammer und Sichel

Bildungsexperten und einige Repräsentanten des geistigen Lebens im heutigen Russland haben deshalb eine Beschwerde an das russische Schulministerium gerichtet, das den Lehrplanentwurf verfasst hat. Sie befürchten "eine gewisse Restauration" in der Jugenderziehung. Anzeichen für eine Volte in die Vergangenheit sind nicht zu übersehen: Eine staatsnahe Jugendorganisation namens "Gemeinsam schreiten", allgemein "Putin-Jugend" genannt, beruht noch auf freiwilliger Mitgliedschaft, für die aber von Amts wegen heftig geworben wird.

Unterdessen sehen die Medien sich einem starken, auch polizeilichen Druck zur Gleichschaltung mit den Regierungsinteressen ausgesetzt. Die alten Symbole des Sowjetsterns samt Hammer und Sichel sind gültige Insignien der Armee und der Gerichte. Sie schmücken auch weiterhin die Bronzetüren des Außenministeriums am Smolensker Platz in Moskau. Präsident Wladimir Putin ließ der Melodie von Stalins Staatshymne nur einen neuen Text unterlegen. Er billigte gar die Aufstellung einer Stalin-Büste auf dem Kriegsehrenmal "Popoklonnaja gora" in der Nähe von Moskau.

Satiriker Sorokin: Freispruch bei der Berufung
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Satiriker Sorokin: Freispruch bei der Berufung

Putins Jugendorganisation "Gemeinsam schreiten" verbrannte öffentlich - vor dem Bolschoi-Theater - Exemplare des Buches "Der himmelblaue Speck" von Wladimir Sorokin und zeigte ihn wegen Pornografie an. Der Satiriker schildert darin, nicht eben geschmackvoll, einen schwulen Geschlechtsakt zwischen Stalin und seinem Nachfolger Nikita Chruschtschow.

Das böse Buch erscheint in der achten Auflage; über 100000 Exemplare sind verkauft. Sorokin stuft die Aktion gegen sich als einen Versuch ein, "die Zensur wieder einzuführen". Noch siegte die gerechte Sache: Von der Berufungsinstanz wurde Sorokin freigesprochen. Als Schullektüre allerdings eignet sich sein Roman weniger.




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