Sachsen Ministerium verbietet rassistisches Schulbuch

Von "negriden", "europiden" und "mongoliden Rassekreisen" ist in einem sächsischen Schulbuch die Rede - erst auf Druck der Öffentlichkeit wird es aus dem Verkehr gezogen. Das Buch ist offenbar kein Einzelfall.

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Welche Augen-, Gesichts- und Haarformen gehören zu welchen "Rassekreisen"? Mit solchen Fragen mussten sich im vergangenen Herbst Zehntklässler einer Oberschule am Stadtrand von Dresden befassen - und entsprechende Zeichnungen ausschneiden und zuordnen. Dazu werden vermeintliche Rassemerkmale genannt und gezeigt: der Gelbton der Haut, wulstige Lippen oder bestimmte Körperformen.

Die rassistischen Aufgaben sind Bestandteil des Themenhefts "Naturwissenschaften: Biologie, Chemie, Physik - Farben", das 1998 vom einstigen DDR-Verlag "Volk und Wissen" herausgegeben wurde. Das Buch ist in dieser Form seit einigen Jahren nicht mehr im Handel erhältlich, wird aber offenbar immer noch im Schulunterricht eingesetzt.

Bekannt geworden war der Fall durch eine Kleine Anfrage der Grünen-Landtagsabgeordneten Petra Zais. Sie war von Eltern auf die Nutzung des Schulbuchs aufmerksam gemacht worden. Der Fall aus Dresden sei ein Einzelfall, betonte der sächsische Kultusminister Christian Piwarz in seiner Antwort im Dezember.

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Oberschule in Sachsen: Rassismus in Schulbüchern

"Im derzeit gültigen Lehrplan ist das Thema 'Evolution des Menschen' verpflichtender Inhalt in Klassenstufe 10 im Fach Biologie an Gymnasien und Oberschulen", so Piwarz, "der Begriff 'Menschenrassen' ist gestrichen und der beabsichtigte Kontext der Artzugehörigkeit durch überwiegend genetische Gemeinsamkeiten aller Menschen gestärkt."

Im Übrigen gebe es seit 2017 in Sachsen kein staatliches Zulassungsverfahren für Schulbücher mehr. "Seither ist der Schulleiter dafür verantwortlich, dass der Lehrplan eingehalten und dafür geeignete Unterrichtsmaterialien eingesetzt werden", erklärte ein Sprecher des Kultusministeriums auf SPIEGEL-Anfrage.

Wie werden Schulbücher genehmigt?
Wer entscheidet, ob ein Schulbuch im Unterricht eingesetzt werden darf?
Der Einsatz von Unterrichtsmaterial ist zunächst Landessache. Welche Regelungen gelten, entscheiden die Bundesländer in Eigenregie.
Welche Länder sind bei der Zulassung von Schulbüchern besonders lax?
Die liberalste Regelung hat Sachsen. Dort wurde die Schulbuchzulassung 2017 abgeschafft, seither entscheiden alleine die Schulleiter beziehungsweise die Fachkonferenzen an den Schulen, welches Unterrichtsmaterial genutzt wird. Dabei müssen die vom Land vorgegebenen Lehrpläne eingehalten werden - es bleibt aber Sache der Schule, mit welchen Büchern das geschieht oder ob beispielsweise Lernsoftware oder andere Materialien eingesetzt werden. Ähnliche Regelungen gibt es in Berlin.
Welche Bundesländer sind besonders streng?
Zu den Ländern mit den strengsten Zulassungsregeln gehören Bayern und Nordrhein-Westfalen. Diese Bundesländer sind bei Schulbuchverlagen einerseits beliebt (wegen der großen Schülerzahlen), andererseits aber wegen der umfangreichen Prüfungen der Bücher auch gefürchtet.

Der Leiter der betroffenen Oberschule hatte das Themenheft erst nach breitem öffentlichem und politischem Druck aus dem Verkehr gezogen. Ministeriumssprecher Dirk Reelfs bestätigte, dass alle sächsischen Schulen am Dienstag angewiesen wurden, ihre Schulbuchbestände daraufhin zu überprüfen, ob es das Buch mit den rassistischen Aufgaben bei ihnen noch gebe. Wenn das der Fall sei, dürfe es nicht mehr eingesetzt werden.

Für Petra Zais ist das ein unbedingt notwendiger Schritt. Denn sie habe, sagt die Landtagsabgeordnete, vom Einsatz des Buchs auch in anderen Schulen gehört. "Es gab außerdem Zuschriften aus anderen Bundesländern mit zum Teil erschreckenden Beispielen für rassistisches Arbeitsmaterial", berichtet Zais.

Eine Mail stammt von der Mutter einer Neunjährigen aus Hessen. Demnach wurde in der vierten Kasse einer Grundschule ein Arbeitsblatt mit einem Wilhelm-Busch-Gedicht genutzt, um den Kindern Wissen über adverbiale Bestimmungen beizubringen. In dem Gedicht heißt es unter anderem: "Ein Mohr, aus Bosheit und Pläsier, beschießt das Elefantentier."

Der "böse Mohr" wird anschließend vom Elefanten malträtiert, die dazugehörigen Zeichnungen auf dem Übungsblatt zeigen den Menschen sehr affenähnlich. "Das Übungsblatt erhält keinerlei Hinweise auf die heutige rassistische Konnotation, ordnet den Text also nicht in einen historischen Kontext ein", schreibt die Mutter der Grundschülerin.

Sie halte es für unangemessen, "Grundschulkindern den Text als pure Grammatikübung auszuhändigen", schrieb die Mutter weiter. Der Schulbuchverlag, der das Übungsblatt veröffentlicht hatte, erklärte auf SPIEGEL-Anfrage, dass der Bogen als Kopiervorlage bereits vor 15 Jahren ausgetauscht wurde - trotzdem wird er bis heute von Lehrern im Unterricht genutzt.

Der Vorwurf mangelnder Sensibilität ist demnach denen zu machen, die überholtes Unterrichtsmaterial jahre- und jahrzehntelang ohne Nachdenken weiter benutzen. Vielleicht sollten Lehrer alle paar Jahre mal einen Blick in ihr jeweiliges Schulgesetz werfen.

So heißt es in § 1 des sächsischen Schulgesetzes, dass Schüler lernen sollen, "allen Menschen vorurteilsfrei zu begegnen, unabhängig von ihrer ethnischen und kulturellen Herkunft, äußeren Erscheinung, ihren religiösen und weltanschaulichen Ansichten und ihrer sexuellen Orientierung sowie für ein diskriminierungsfreies Miteinander einzutreten".

Die Unterrichtsmaterialien dürfen dem nicht widersprechen.

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