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01. September 2016, 09:20 Uhr

Sachsens Bildungssystem

Warum ein Notendurchschnitt von 1,9 nicht fürs Gymnasium reicht

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Oberschule oder Gymnasium? Die zehn Jahre alte Lily wusste bis kurz vor Ferienende nicht, wo sie eingeschult wird. Jetzt ist sie dank Eilverfahren auf dem Gymnasium - doch sicher ist ihr der Platz nicht.

Lilys* Einschulungsbescheid ist 19 Seiten lang und 5000 Euro wert. Er kommt vom Verwaltungsgericht Dresden und legt fest: Die Zehnjährige darf aufs Gymnasium. Zumindest vorerst. "Unsere Tochter hat sich unglaublich gefreut", sagt Lilys Mutter. "Die letzten Ferientage waren eigentlich die schönsten für sie."

Noch bis zum 2. August - sechs Tage vor Schulbeginn - war völlig offen, auf welche weiterführende Schule Lily gehen darf: Oberschule oder Gymnasium. In Sachsen geben die Schulen eine Empfehlung ab, die Maßstäbe hat die sächsische Landesregierung festgelegt. Sie lauten: Nur wenn der Notendurchschnitt in den Fächern Deutsch, Mathematik und Sachunterricht höchstens Zwei ergibt und das Kind in keinem der Fächer eine Vier hat, darf es auf ein Gymnasium gehen.

Eine Drei in Mathe hat Lily den Schnitt versiebt, da nützte ihr auch ihr Gesamtdurchschnitt von 1,9 nichts. Die Eltern können sich nicht über die Empfehlung hinwegsetzen. Außer sie klagen, so wie Lilys Eltern, und bekommen vorläufig recht. Die Kosten des Eilverfahrens - bemessen am Streitwert von 5000 Euro - trägt das Land Sachsen. Doch sicher ist Lily der Platz am Gymnasium noch nicht.

"Wir sind beileibe keine Helikopter-Eltern", sagt Lilys Vater. "Wir haben uns aus dem Schulgeschehen eigentlich immer rausgehalten." Doch jetzt gehe es um Gerechtigkeit: "Es kann ja nicht sein, dass ein Kind mit einem Notendurchschnitt von 1,9 nicht aufs Gymnasium darf. Ich sehe es nicht ein, dass Kinder in Sachsen anders behandelt werden als im Rest der Republik."

Im föderalen Bildungssystem Deutschlands regelt jedes Bundesland den Zugang selbst. In den meisten Ländern dürfen die Eltern mittlerweile selbst entscheiden, wo ihr Kind zur Schule geht. Dadurch steige zwar die Zahl der Gymnasiasten, zeigt eine Studie, Ungleichheiten beim Zugang, etwa aufgrund der sozialen Herkunft der Kinder, verstärkten sich aber nicht.

"Hin und her in der Bildungspolitik ist ein Unding"

Die Chancengleichheit innerhalb Deutschlands beurteilte das Dresdner Gericht in Lilys Fall nicht, wog im Eilverfahren aber die Folgen ab: "Die Versagung des Gymnasialzugangs hat weitreichende und schwerwiegende Konsequenzen, die durch die Möglichkeiten eines späteren Übertritts in das Gymnasium nicht annähernd ausgeglichen werden können." Der Beschluss liegt SPIEGEL ONLINE vor.

In Sachsen liege der Anteil der Schüler, die einen späteren Wechsel aufs Gymnasium schaffen, unter fünf Prozent, sagt Lilys Mutter. Bundesweit zeigt sich, dass der Bildungsaufstieg vor allem nach der zehnten Klasse gelingen kann, aber auch hier schaffen den Sprung weniger als zehn Prozent der Schüler.

Mehr noch beschäftigte das Gericht, dass die Verwaltungsvorschrift, die die Details der Gymnasialempfehlung regelt, sich mit der Koalitionsmehrheit ändert. In den vergangenen Jahren wechselte die Notenvorgabe von 2 auf 2,5 und wieder zurück. Die Zahl der Gymnasialzulassungen ging daraufhin um bis zu fünf Prozent zurück.

Wäre Lily ein paar Jahre älter und hätte unter der Großen Koalition in Sachsen die vierte Klasse abgeschlossen, hätten ihre Eltern nicht vor Gericht streiten müssen. "Das Theater in diesem Land ist ein vollkommenes Unding", sagt Lilys Vater.

Krebserkrankung der Mutter wirft Lily aus der Bahn

In Lilys Fall hätten sich die Eltern zudem mehr Unterstützung und Verständnis der Schule gewünscht. Anfang der vierten Klasse wurde bei Lilys Mutter Brustkrebs diagnostiziert. Auf Anraten von Psychologen besprachen die Eltern die schwere Krankheit mit ihrer Tochter, doch der Tod des Vaters eines Mitschülers wirft Lily schließlich aus der Bahn.

Sie solle versuchen, den Jungen zu trösten, sei ihr in der Schule gesagt worden - mit der Begründung, ihre Mama habe ja etwas ähnliches. "Meine Tochter hat gedacht, ich müsse auch sterben", berichtet Lilys Mutter. Ihre Angst habe sich auch auf die Leistung in der Schule ausgewirkt.

Erst das Gericht würdigte die psychische Belastung und zog in Betracht, dass sich Lily in Mathe noch verbessert. Aber selbst, wenn nicht: In Lilys Fall sei die "äußerste Grenze für die Ungeeignetheit am Gymnasium nicht erreicht". Nur wenn Schüler die Lernchancen der Mitschüler in "unerträglicher Weise belasten", dürften sie von der Schulform ausgeschlossen werden, heißt es in dem Beschluss des Verwaltungsgerichts.

Prozess geht in die nächste Runde - ohne Lilys Wissen

Die Opposition im sächsischen Landtag fordert nun Konsequenzen aus dem Urteil: SPD-Politikerin Sabine Friedel sieht als Minimum, den Elternwillen zu stärken und Schüler nur dann vom Gymnasium abzuweisen, wenn sie unerträglich stören könnten.

Eigentlich möchte sie aber ebenso wie Cornelia Falken von der Linken, dass die Entscheidung über die Schulform viel später fällt, "in der 6., 7., 8. Klasse".

Durch das Eilverfahren konnte Lily pünktlich zum Schulbeginn im Gymnasium eingeschult werden. Dort habe sie sich sehr gut eingelebt, sagt ihre Mutter: "Sie ist sehr stolz und hat schon viele Freunde gefunden."

Allerdings: Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, und der Freistaat Sachsen hat gegen den Beschluss Beschwerde eingelegt. Jetzt soll das Oberverwaltungsgericht entscheiden. Zum laufenden Verfahren gibt das Kultusministerium keine Auskunft. Für Lilys Eltern aber ist das ein Schock.

So offen wie bisher wollen sie mit ihrer Tochter jetzt nicht mehr sprechen, sagt Lilys Mutter: "Das haben wir ihr nicht gesagt, um Gottes Willen, nein." Das Urteil erwarten sie mit Sorge. "Wir können das Kind nicht wieder vom Gymnasium nehmen. Das wäre für eine Zehnjährige eine Gräueltat."

* Name geändert

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