Sarkozy macht Schule Lehrer boykottieren Abschiedsbrief im Unterricht

Es ist ein erschütterndes Dokument: Mit 17 schrieb ein Franzose an seine Familie einen Abschiedsbrief, bevor Nazis ihn erschossen. Seine letzten Zeilen sollen nach dem Willen von Präsident Sarkozy jedes Jahr in den Schulen verlesen werden. Viele Lehrer halten das für eine pathetische Inszenierung.

Von Katrin Schmiedekampf


"Meine kleine geliebte Mutter, mein kleiner geliebter Bruder, mein kleiner lieber Papa! Ich werde sterben! Was ich von Dir, geliebte Mama, verlange, ist, dass Du tapfer bist. Ich bin es und will es sein wie die, die vor mir gegangen sind. Gewiss hätte ich gern gelebt. Aber ich wünsche mir von Herzen, dass mein Tod zu etwas nütze ist... Euer Guy, der Euch liebt."

Umstrittene Aktion: An einer Pariser Schule verliest ein Junge den Abschiedsbrief von Guy Môquet
AFP

Umstrittene Aktion: An einer Pariser Schule verliest ein Junge den Abschiedsbrief von Guy Môquet

Diese letzten Zeilen des 17-jährigen kommunistischen Widerstandkämpfers Guy Môquet, der am 22. Oktober 1941 von den Nazis erschossen wurde, soll zu Beginn jedes Schuljahres an allen Oberschulen Frankreichs verlesen werden. Das verlangte Nicolas Sarkozy, der neue Präsident, gleich bei seinem Amtsantritt im Mai - stets am 22. Oktober sollen sich Schüler und Lehrer an Môquet erinnern, für Sarkozy ein großes Symbol.

An Frankreichs Schulen stößt der eigenmächtig angesetzte Gedenktag auf Unmut. Zahlreiche Lehrer wehrten sich gegen die "staatlich verordnete Geschichtsinterpretation". Warum sie wütend sind? In Frankreich schreiben die Lehrpläne zwar die Inhalte vor, nicht aber die Wahl der Lehrmittel. Jeder Lehrer darf selbst entscheiden, welches Buch er benutzt - und welchen Brief er im Unterricht verliest. So soll es auch bleiben, finden die Lehrer.

Außerdem halten viele den Brief für ungeeignet, um ihren Schülern den Widerstand gegen das Nazi-Regime näher zu bringen. Denn davon ist in Môquets erschütterndem Abschiedsbrief nicht die Rede. Lediglich dem Vater, einem inhaftierten Kommunisten, versichert der Sohn, alles getan zu haben, um seinem Beispiel zu folgen. Ohne den Text in einen zeitlichen Zusammenhang zu bringen, erziele er nur eine emotionale Wirkung - sonst gar nichts. So sehen es manche Lehrer.

Abschiedsbrief zum Leise-Lesen

Die Lehrergewerkschaft SNES rief die Pädagogen dazu auf, das Verlesen des Briefes zu boykottieren. Der konservative Lehrerverband SNALC äußerte zwar ebenfalls Bedenken, mochte sich aber nicht gegen den Staat stellen. Die Lehrer reagierten ganz unterschiedlich: Manche folgten Sarkozys Anordnung, manche drückten ihren Schülern den Brief zum Selber-Lesen in die Hand. Andere gaben eine Unterrichtseinheit zum Thema "Widerstand" oder folgten dem Boykottaufruf - und behandelten den Brief überhaupt nicht.

An vielen Schulen, unter anderem an der Pariser Carnot-Schule, demonstrierten die Lehrer und Schüler noch aus anderen Gründen: Sie wehrten sich gegen die "politische Vereinnahmung" von Guy Môquet. Sarkozy, der an dieser Schule eigentlich an einer Zeremonie teilnehmen wollte, sagte die Teilnahme "aus Termingründen" kurzfristig ab. Das war schlau - denn Justizministerin Rachida Dati wurde bei der Gedenkzeremonie in einer anderen Schule in Villejuif bei Paris ausgepfiffen, mehrere andere Minister wurden ebenfalls ausgebuht.

Sarkozys Redenschreiber Henri Guiano sprach von einer "kleinen Minderheit von Lehrern", die ideologische Absichten vertreten würden. Er forderte patriotisches Verhalten ein. "Mit der Einwanderung, der Globalisierung und der Desintegration der Arbeit gibt es ein Identitätsproblem", sagte Guiano. Die Nation sei wieder zum grundlegenden politischen Thema geworden.

Doch eben dieser Hinweis auf den politischen Hintergrund des Abschiedsbriefes erzürnt viele Franzosen. Nicht jeder ist wie Sarkozy der Ansicht, der Brief sei ein Beispiel für mutige und aufopferungsvolle Vaterlandsliebe und der 17-Jährige ein "Beispiel für die Vergangenheit und für die Zukunft".

In einem Artikel mit dem Titel "L'Histoire par Nicolas Sarkozy" nahm eine Vereinigung von Historikern Sarkozys Umgang mit der Geschichte unter die Lupe, berichtet die "Neue Zürcher Zeitung". Der "neue nationale Traum" des Präsidenten suggeriere Einheit, wo Konflikte herrschten, und verharmlose die Vergangenheit. In Sarkozys Augen sei Môquet kein Kommunist mehr, der gegen die Kapitalisten kämpfte, sondern ein Märtyrer für das Vaterland. Die Geschichte werde verklärt.

Rugby-Nationaltrainer spielt inzwischen für Sarkozy

"Sarkozy, Môquets Werte sind nicht dieselben wie deine!", stand auf einem Plakat junger Kommunisten. Erziehungsminister Xavier Darcos brachte in Rekordzeit eine Verordnung durch, die Schulleiter dazu aufrief, ihren Schützlingen den Brief zu verlesen. "Ich verstehe den Streit nicht. Die Initiative hat einen pädagogischen Hintergrund, keinen politischen."

Auch Bernhard Laporte, Trainer der französischen Rugby-Nationalmannschaft, war von Sarkozys Vorschlag tief beeindruckt. Vor dem Auftaktspiel der Rugby-Weltmeisterschaft ließ er in der Umkleidekabine den Abschiedsbrief verlesen - zwecks moralischer Stärkung. Viele Franzosen fanden die Aktion geschmacklos, sowohl gegenüber Môquet als auch gegenüber dem gegnerischen Team - schließlich handelte es sich um argentinische Sportler, nicht um ein deutsches Erschießungskommando.

Die französischen Rugby-Spieler waren von dem pathetischen Brief ergriffen - doch viel Kraft gab er ihnen wohl nicht: Sie verloren das Spiel gegen die Argentinier. Inzwischen hat der Rugby-Nationaltrainer Laporte seinen Beruf gewechselt. Er spielt seit heute für Sarkozy. Der Staatschef ernannte ihn - ungeachtet eines Verdachts auf Steuervergehen - zum Staatssekretär für Sport.

Mit Material von AFP, dpa und AP

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