Schauspieler-Casting Essen sucht den Superstar

Rein, raus, Kopfschütteln, Absage. An der Essener Schauspielschule platzen Träume im Akkord: Nur acht von 900 Kandidaten werden genommen. Almut Steinecke hat den harten Aufnahmetest an der Folkwang-Schule verfolgt.


Angst. Aufregung. Ameisen im Bauch. Der Magen von Sophia Kukuwitakis, 21, zieht sich zusammen. Beim Vorsprechen eben war sie so seltsam ruhig, so bleiern taub. Das ist nicht gut. "Ich kam überhaupt nicht in die Rolle. Von 100 Prozent habe ich vielleicht 60 gegeben", flüstert die Deutsch-Griechin, als sie aus dem Saal tritt. Gleich wird entschieden, ob sie weiter kommt in der Schauspielprüfung. Bis dahin heißt es: Warten vor der Tür, hoffen, Händekneten im Flur. Sophia lehnt sich gegen die Wand.

Aufnahmeprüfung an der Folkwang-Schule in Essen: Wer übersteht das erste Vorsprechen, wer kommt in die nächste Runde? Neben Sophia versuchen es heute 70 weitere Kandidaten, gut 900 sind es in den beiden Prüfungswochen. Es gibt viele junge Menschen, die noch für das klassische Theater brennen. Die Begeisterung spiegelt sich in ihren Gesichtern, als sie im Vorbereitungsraum auf dem Teppich hocken. Hanns-Dietrich Schmidt, 51, Professor für Dramaturgie und Theaterarbeit, hat sich auf ein Podest gestellt, um die Frischlinge zu begrüßen. "Da ist jetzt kein Monsterstress drauf, wir sind nicht das letzte Gericht", versuchte der Prüfungsleiter die Situation zu entspannen.

Es hilft nichts. Als die Kandidaten in Gruppen aufgeteilt werden, wuseln alle wild durcheinander und verteilen sich auf die Prüfungssäle einen Stock tiefer. Auch Sophia hastet die Treppen hinunter, im Kopf die Szenen, die vorzubereiten waren - eine klassische, eine moderne und ein selbstverfasster Text. So schreibt es die Prüfung vor. Aus der Vorrunde, dem ersten Vorsprechen, schaffen es knapp 200 in die zweite, davon etwa 60 in die dritte, in die vierte kommen gerade mal 30. Am Ende erhalten acht von 900 einen Studienplatz.

In den Prüfungssälen mit geschwärzten Fenstern, abgewetztem Holzboden und Vorhängen aus schwerem Samt an den Wänden bieten jetzt Schauspiel-Studenten höherer Semester Aufwärmtraining an. Sophias Gruppe wird von Marieke Kregel, 25, aufgelockert. "Lauft mal alle durcheinander", ruft sie. Ihr Pferdeschwanz schaukelt, während sie die Übungen eifrig mitmacht. "Jetzt rennen. Jetzt recken. Jetzt nach vorne fallen lassen, die Hände ausschütteln, als wolltet ihr was wegschmeißen. Weg, weg, weg!"

"Vorsprechen ist auch für Prüfer emotional"

Und raus, raus, raus aus dem Raum, einer nach dem anderen wird wieder hereingerufen. Die Jury: Professor Schmidt, Nadja Kevan, 51, Professorin für Bewegungslehre bei Folkwang, und Matthias Thömmes, 25. Der Student im vierten Semester hat zwar "nicht ausschlaggebendes Mitspracherecht, aber er soll trotzdem dabei sein. Da sind wir basisdemokratisch", erklärt Schmidt.

An einem unscheinbaren Holztisch entscheiden die Juroren über Existenzen. Ehrlich sein, aber möglichst nicht verletzend. Wobei "mich als Prüfer weniger die Machtfrage interessiert", sagt Schmidt. "Spannender ist, den Moment zu erspüren, in dem ich selbst berührt werde. Vorsprechen ist ein emotionaler Vorgang. Auch beim Prüfer."

Im Flur fiebern die Kandidaten auf alten Sofas und rauchen Kette, wie Sophia. Zwei Monate lang hat sie sich auf diesen Tag vorbereitet. Schauspielerei ist ein Muss für sie, kein Hecheln nach Ruhm. "Wenn du nur berühmt werden willst, bist du beim Theater falsch. Spielen ist für mich eine Realitätsflucht, eine Droge, eine Sucht", sagt die zerbrechlich wirkende Dunkelhaarige. "Noch sitzt meine Nervosität im Kopf, ich hoffe, dass sie bald durchrutscht in den Bauch."

Letztes Jahr war es eine Tortur - ihre Premiere bei Folkwang und ihr erstes Vorsprechen überhaupt, "da ging gar nichts mehr". Viele Proben in der Zwischenzeit haben ihr gezeigt: Angst, richtig genutzt, im rechten Moment gepackt und ins Gegenteil gewendet, kann eine schöpferische Kraft für die Rolle entfalten.

Reingehen, rauskommen, Kopfschütteln, tschüß

Darauf hatte auch Martin Krah, 22, aus Essen gesetzt, der gerade vor der Jury spielt. Die Tür schwingt auf, Martin grinst schief, "der Harry war echt scheiße"! Er meint die Figur aus dem Stück "Ein Leben lang" von William Saroyan, in deren Haut er eben schlüpfte. Aber nicht tief genug, "ich war zu oberflächlich". Einen Tag zuvor hat Martin die Rolle an einer Rostocker Schauspielschule vorgespielt, "da meinte man, ich wäre zu freundlich. Jetzt habe ich den Harry arschiger gemacht". Aber die konstruktive Aufgeregtheit stellte sich nicht ein: "Ich musste mich echt trimmen, nervös zu werden - ich war zu ausgelaugt von Rostock."

Seine Befürchtungen bewahrheiten sich rasch, die Entscheidung teilt die Jury immer sofort mit: Martin kommt aus dem Saal, schüttelt den Kopf - durchgefallen. Auch vor den anderen Sälen die immer gleiche Szene: Reingehen, rauskommen, Kopfschütteln, Absage. Träume platzen im Akkord. Martin, der schon zum siebten Mal vorsprach, wirkt abgestumpft, aber nicht verzweifelt. "Neunmal ist Durchschnitt, Klaus-Maria Brandauer hat's 30-mal probiert", sagt er und packt seinen Wanderrucksack, um durchzustarten an die Berliner Universität der Künste.

Annett Krause, 23, hatte heute ihren elften Versuch und flog ebenfalls gerade raus. Sie zuckt die Schultern: "Kein Prüfer hat je meinen Berufswunsch generell in Frage gestellt" - auch in Essen heute nicht. Parallel sprach Annett noch in Rostock und Leipzig vor und kam dort in die zweite Runde, die erst in einigen Monaten startet, anders als in Essen. Annett ist sicher, dass sie es irgendwann schaffen wird. Mit Ausdauer. Mit Herzblut. "Die Schauspielerei ist für mich eine Nische im System, da bin ich zuhause, in die Nische will ich!"

Will Sophia auch. Doch sie glaubt, dass es schief lief, als sie vorhin aus Büchners "Leonce und Lena" deklamierte - und nur diese ausbremsende Ruhe dabei in sich fühlte. Zuvor war ihr auch noch ein "Danke" rausgerutscht, als ihr jemand "Toi Toi Toi!" wünschte. "Darauf darf man doch nichts erwidern, das bringt doch Unglück!" Warten, hoffen, Händekneten. Dann ist es soweit. Reingehen, rauskommen, nicken - ja! Sie ist weiter und lacht überglücklich.

In der zweiten Runde fliegt sie raus.

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.