Schlaue Zuwanderer Ostdeutsche Vietnamesen überflügeln ihre Mitschüler

Die Pisa-Ergebnisse in Deutschland könnten hervorragend sein, aber die Migranten drücken den Schnitt - stimmt dieses Vorurteil? Eine neue Studie aus Brandenburg zeichnet ein ganz anderes Bild: Schüler mit vietnamesischen Eltern schlagen ihre einheimischen Mitschüler locker.
Von Marina Mai

Trang besucht die 10. Klasse eines Gymnasiums im Berliner Osten und ist stolz auf ihre Noten. "Nur in Latein habe ich eine Drei", sagt die vietnamesische Schülerin. Ansonsten hat Trang, 16, nur Einsen und Zweien auf dem Zeugnis. Mehr Einsen als Zweien. Und sie hat ein klares Ziel: Sie möchte nach dem Abi Medizin studieren.

Dazu braucht sie das verhasste Latein. "Würde ich das erst im Studium lernen, müsste ich länger studieren", weiß die Tochter von früheren DDR-Vertragsarbeitern. Das will sie ihren Eltern nicht zumuten, denn die müssen ihr Geld mit einem eigenen Geschenkartikelladen schwer verdienen und können das Studium nicht finanzieren. Samstags und in den Ferien hilft Trang beim Verkaufen.

Ihr Schulerfolg ist typisch für die zweite Generation der DDR-Vertragsarbeiter. Im Land Brandenburg besuchen 74 Prozent der Kinder von Vietnamesen im Sekundarschulalter ein Gymnasium. Das geht aus einer neuen Studie hervor, in Auftrag gegeben von Karin Weiss. Die Integrationsbeauftragte von Brandenburg sagt: "Damit sind die Kinder vietnamesischer Eltern in der Schule erfolgreicher als die Kinder einheimischer Herkunft."

Ihre Ergebnisse stehen in auffälligem Widerspruch zum Bild der Pisa-Studie, die Schülern aus Einwandererfamilien Lerndefizite bescheinigt. Und Karin Weiss ist davon überzeugt, dass die Bildungserfolge anderer Migrantengruppen in ihrem Bundesland und den anderen neuen Bundesländern ähnlich hoch sind - "dazu bereiten wir gerade Studien vor".

"Überall in Ostdeutschland bessere Erfolge"

In Brandenburg leben 47.000 Menschen mit einem ausländischen Pass und 132.000 Menschen mit "Migrationshintergrund". Das bedeutet, mindestens ein Elternteil wurde nicht in Deutschland geboren. Es sind immerhin sechs Prozent der Bevölkerung. Und die Zahl steigt. In den Kitas haben schon elf Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Die größte Gruppe der Zuwanderer sind russlanddeutsche Spätaussiedler. An zweiter Stelle stehen Polen, gefolgt von Vietnamesen, die zu DDR-Zeiten als Arbeitskräfte angeworben wurden. Die für die westdeutschen Bundesländer typischen Gruppen der Türken und Araber spielen praktisch keine Rolle.

Bevor Weiss vor zwei Jahren Integrationsbeauftragte der Landesregierung wurde, forschte sie an der FH Potsdam zur Migration. "Wir haben in allen ostdeutschen Bundesländern deutlich bessere Schulerfolge ausländischer Schüler als in allen westdeutschen Bundesländern", sagt sie.

Laut amtlicher Schulstatistik besuchten 2007 bundesweit 19 Prozent aller Schüler mit ausländischem Pass ab der fünften Klasse ein Gymnasium. In Sachsen sind es 52 Prozent, in den anderen ostdeutschen Ländern zwischen 34 und 39 Prozent. Und während bundesweit zwölf Prozent aller ausländischen Schüler auf Förderschulen gehen, sind es in Thüringen, Sachsen und Brandenburg nur gut halb so viele.

Armut kein entscheidender Faktor

Vor Karin Weiss hat sich niemand die Mühe gemacht, über die Schulerfolge von Einwandererkindern in Ostdeutschland zu forschen. Die Pisa-Studien haben diese Schüler nicht als eigene Gruppen ausgewiesen. "Wir berichten die Ergebnisse für Teilgruppen im Migrationskapitel erst, wenn diese zehn Prozent des Jahrgangs ausmachen", begründet das der Kieler Professor Manfred Prenzel, Mitautor der Pisa-Studie. Und das sei in keinem Ost-Land der Fall.

Karin Weiss kann sich darüber empören. "Es ist schade, dass in der ganzen Debatte über Migranten in den Schulen diese Erfolgsgeschichten aus den neuen Bundesländern nicht vorkommen. Denn man sollte davon lernen." Mangels Studien kann Weiss nur Vermutungen anstellen, warum nichtdeutsche Schüler im Osten so erfolgreich sind. "Das liegt ganz sicher an der Herkunft aus Kulturkreisen, in denen Bildung ein hoher Wert ist", mutmaßt sie.

70 Prozent der Zuwanderer in Ostdeutschland stammen aus Osteuropa und Asien. Jüdische Kontingentflüchtlinge aus Russland, Ukrainer, Chinesen und Vietnamesen bringen eine sehr hohe Bildungsorientierung mit - und das, obwohl viele Familien in Deutschland auf Hartz-IV-Niveau leben. "Die Eltern der erfolgreichen vietnamesischen Kinder sprechen schlecht Deutsch, arbeiten oftmals sieben Tage in der Woche und haben wenig freie Zeit, weil sie sich aus wirtschaftlicher und sozialer Randständigkeit herausarbeiten. Sie betreiben Textilgeschäfte, Imbissstände und ähnliche Kleinunternehmen", so Weiss.

Einwanderung als Chance

Sie fordert die Bildungsforscher auf, die Situation im Osten als Herausforderung anzunehmen. "Die Ergebnisse hier widerlegen die These, dass die Bildungserfolge von Migranten so gering seien, weil die soziale Situation der Familien schlecht sei." Vielmehr seien hervorragende Ergebnisse trotz schwieriger wirtschaftlichen Situation der Familie möglich. Einwanderung, folgert Karin Weiss, könne eine Chance für den Bildungsstandort Deutschland sein - wenn die Weichen richtig gestellt würden.

Weiter sieht Weiss einen Zusammenhang zwischen früherem Kitabesuch der Gymnasiasten und ihren Schulerfolgen. Der Osten hat eine deutlich höhere Dichte an Kindergärten; dort haben die Kinder bereits selbstverständlich Deutsch gesprochen. In den Westländern war der Zugang zu Kitas für Zuwanderer besonders schlecht. "Außerdem gibt es nirgendwo im Osten Schulen mit 80 Prozent Schülern mit Migrationshintergrund", sagt Weiss. Das fördere die Integration. Auch sozial.

In der Studie gibt mehr als die Hälfte der vietnamesischen Schüler Deutsche als beste Freunde an. Auch Trangs beste Freundin ist eine Deutsche. Wie auch anders? In ihrer Klasse im Ostteil Berlins ist sie die einzige Vietnamesin und hat je einen Mitschüler aus der Türkei, Russland und Chile. Alle anderen in ihrer Klasse sind Deutsche. Trang war auch zwei Jahre lang Klassensprecherin.

Bessere Chancen in Vietnam?

Was ebenfalls eine Rolle spielen könnte: "Der Bevölkerungsrückgang im Osten führt dazu, dass Schulen stärker von Schließungen bedroht sind. Da sind Lehrer möglicherweise ganz anders motiviert, sich um schwierige Schüler zu kümmern, die erst während ihrer Schulzeit einwandern." Deren Anteil ist unter den Zuwandererkindern im Osten sogar besonders hoch. Und Lehrer in Osten haben oft russische Sprachkenntnisse, was den Zugang zu Schülern aus Russland erleichtert.

Trang ist mit 16 Jahren eine der ältesten Vietnamesinnen der zweiten Generation in Ostdeutschland. Der Grund: In der DDR durften die Vertragsarbeiterinnen bis Anfang 1989 keine Kinder zur Welt bringen. Wer schwanger war, musste entweder ausreisen oder abtreiben. Älter als 19 sind somit nur die wenigen, die nach 1990 aus Vietnam nachgeholt wurden. Ob die heute erfolgreichen Abiturienten ihre Zukunft in Deutschland sehen, ist noch offen. Eine Studie hat kürzlich nachgewiesen, dass viele türkische Akademiker in die Türkei auswandern wollen.

Für vietnamesische Abiturienten und Studenten gibt es solche Studien noch nicht. Aber in Internet-Foren diskutieren sie über Jobchancen in Vietnam. Und wie Trang orientieren sie sich schon bei der Fächerwahl oft am Arbeitsmarkt im Herkunftsland der Eltern.

Wer einen deutschen Abschluss in Medizin, Wirtschaftswissenschaften oder Informatik hat, ist am Mekong eine heiß begehrte Fachkraft und muss sich nicht auf die "Generation Praktikum" einrichten. Viele ehemalige Vertragsarbeiter träumen ohnehin von einer Rückkehr nach Vietnam im Rentenalter - gemeinsam mit den Kindern, die dann studiert haben.

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