Schleswig-Holsteins Bildungserfolg "Das habe ich nicht zu hoffen gewagt"

Schleswig-Holstein belegt beim Bildungstrend 2015 einen Spitzenplatz. Bildungsministerin Britta Ernst erklärt, wie das Bundesland das geschafft hat.
Schulbibliothek in Bonn (Symbolbild)

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Britta Ernst, SPD, war von 2014 bis 2017 Bildungsministerin in Schleswig-Holstein, seit 2017 ist sie in gleicher Funktion in Brandenburg tätig. 2021 fungiert sie turnusgemäß als Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Seit 1998 ist Ernst mit dem SPD-Politiker Olaf Scholz verheiratet.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ministerin, herzlichen Glückwunsch. Schleswig-Holstein hat beim Bildungstrend 2015 enorm aufgeholt und ist unter den besten drei Bundesländern. Waren Sie vom Abschneiden überrascht?

Ernst: Ich war mir sehr sicher, dass wir uns nicht verschlechtert haben und bin sehr gespannt nach Berlin gefahren, wo wir die Ergebnisse erfahren haben. Dass wir so gut abschneiden, habe ich nicht zu hoffen gewagt. Es braucht Zeit, zu positiven Veränderungen zu kommen. Das Ergebnis jetzt ist wirklich sehr beeindruckend.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn seit der vorigen Studie 2008/09 in Schleswig-Holstein im Bildungswesen passiert, dass Sie so aufgeholt haben?

Ernst: Schleswig-Holstein hat sich nach den Pisa-Ergebnissen sehr stark mit schwächeren Schülern und Gerechtigkeitsfragen beschäftigt. Das Wichtigste ist das Programm "Lesen macht stark", eine gezielte Leseförderung. Wir haben heute nachgerechnet: Seit 2006 sind 77.000 Schülerinnen und Schüler gefördert worden. Zusätzlich haben wir rund 600 Lesecoaches ausgebildet, die an unseren Gemeinschaftsschulen schwache Schüler unterstützten. Und da wir die große Veränderung im Fach Deutsch haben, sind wir davon überzeugt, dass das Programm ein entscheidender Punkt war.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Lesecoaches?

Ernst: Das sind Lehrer, die sich anderthalb Jahre für diese Aufgabe fortgebildet haben. In der Schule sollen sie die Leseförderung auf lange Sicht im Blick haben. Sie sind sowohl für die Schüler wie auch - didaktisch - für Lehrkräfte da.

Sehen Sie hier die Ergebnisse der einzelnen Länder im Vergleich

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch andere Erfolgsrezepte?

Ernst: Ja. Zum einen haben wir rechtzeitig begonnen, unser Schulsystem zu einem Zweisäulenmodell umzubauen. Das heißt, neben dem Gymnasium gibt es nur noch eine Gemeinschaftsschule. Da diese Diskussion abgeschlossen ist und es einen Schulfrieden gibt, konnten wir uns stärker auf die Qualität von Schule und Unterricht konzentrieren.

Außerdem bescheinigt uns eine aktuelle Studie, dass unsere Lehrkräfte sich gut fortbilden, fast 90 Prozent regelmäßig. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Fachdidaktik. Und der IQB-Ländervergleich bestätigt noch mal, dass fachlich guter Unterricht zu höheren Leistungen führt.

SPIEGEL ONLINE: Richtet man den Blick auf die tatsächlichen Prozentzahlen statt auf die Position im Länderranking, fällt auf, dass es noch Nachholbedarf gibt: Nur 54 Prozent der Schüler erreichen den Bildungsstandard beim Lesen von deutschen Texten, im Englischen sind es sogar unter 50 Prozent.

Ernst: Wir ruhen uns jetzt ja nicht aus. Aber zur Interpretation der Daten muss man sagen: Die Ergebnisse beziehen sich auf die Regel- und Mindeststandards zum Erreichen des mittleren Schulabschlusses. Er findet bewusst ein Jahr vor dem Abschluss statt. Die Schüler haben also noch ein Jahr Zeit, die Standards zu erreichen. Das heißt: Über die Hälfte erreicht den Standard schon ein Jahr bevor er gefordert ist.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort: Nicht ausruhen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisiert zum Beispiel, dass es in Schleswig-Holstein zukünftig zu wenig Lehrer für die Inklusion gibt. Wie wollen Sie das gute Ergebnis halten?

Ernst: Wir investieren ganz massiv in den Ausbau der Unterrichtsversorgung und der Lehrkräfte und haben gerade vergangene Woche ein Gutachten vorgelegt, das uns im Bereich Inklusion ein Defizit von 500 Lehrstellen attestiert. Wir haben als Landesregierung gesagt, dass wir das als Aufgabe der nächsten Landesregierung sehen und auch umsetzen wollen.