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04. April 2006, 14:11 Uhr

Schmoren in Schmorsdorf

Einmal Landleben und zurück

Was passiert, wenn man Jugendliche aus der Großstadt in ein 36-Seelen-Dorf schickt? Die Berlinerinnen Polina, 15, und Leah, 16, testeten die Einöde. Sie staunten über Misthaufen, Teich-Eishockey und die Partys der Landjugend. Von Antonie Rietzschel

Ich soll Dorfmutti spielen. Ausgerechnet ich, die mit 15 Jahren die Eltern anbettelte, mir einen Mopedführerschein zu finanzieren. Weg wollte ich, und wenn es nur mit einer "Schwalbe" war, die 50 Stundenkilometer draufhatte. Die Flucht gelang erst mit 18 Jahren, den Führerschein in der Tasche und ein eigenes Auto auf dem Hof.


Natürlich ist die Landschaft rund um Schmorsdorf in der Sächsischen Schweiz traumhaft. Als Kind brauchte ich nie einen Fernseher. Allerdings rief nichts, was in den nächsten Jahren kam, bei mir euphorische Wallungen hervor. Ich hielt mich fern von den Dorffesten mit Wolle Petry in Maxen. Mit den Leuten da konnte ich nichts anfangen. Genauso wenig wie mit denen, die nie aus ihrer Jugendfeuerwehruniform rauskommen. Weil ich bei diesen Freizeitaktivitäten nicht aufkreuzte, galt ich als arrogant. Mir war es egal.

Ich bin also nicht der Dorftyp und lebe schon seit Jahren in Dresden. Klar ist es lustig, zwei Berliner Marken in mein Heimatdorf mit 36 Einwohnern zu schicken. Alle finden Schmorsdorf lustig. Schon wenn jemand den Namen hört, gibt's den immergleichen Witz: "Esst ihr da Schmorbraten?" Polina, 15, und Leah, 16, versuchen es zum Glück gar nicht erst, als ich sie vom Bahnhof abhole. Sie sind gespannt auf mein Dorfprogramm. Ich bin es auch. Hund Gassi führen, Pferde knuddeln, Misthaufen trampeln, Teich-Eishockey und meine Schocktherapie: Geburtstagsparty im Jugendclub. Dieses Wochenende werde ich das erste Mal mit der typischen Dorfjugend feiern. Die Zwei aus Berlin sind begeistert.

Schwof auf'm Hof

Polina schaut mich herausfordernd an: "Wie ist das hier mit Rechtsextremismus?" Ich verdrehe innerlich die Augen. Nein, bei uns gibt es keine Rechten. Weder in Schmorsdorf noch in Maxen ist das Problem bisher aufgetaucht. Polina spricht von Langeweile und Perspektivlosigkeit auf dem Dorf. Es passiert etwas Merkwürdiges: Genervt von ihrem Klischeegeraspel, ergreife ich Partei für den Maxener Jugendclub. Ausgerechnet für die Leute, die mich zwar kennen, aber nie grüßen, wenn wir uns aus Versehen bei der Sonnenwendfeier in die Arme laufen.

"Wir haben hier Jugendliche, die sich engagieren", sprudelt es aus mir heraus. Angefangen hat es damit, dass die Dorfjugend für ein eigenes Clubhaus gekämpft hat. Sie wollten nicht mehr an der Bushaltestelle abhängen. Dass der Jugendclub anfangs Biertrinkerunion hieß, ist wieder eine andere Sache. Sie haben eine Theaterbühne aufgebaut. Jugendliche aus allen Dörfern spielen Märchen oder selbst geschriebene Stücke.

Ich fand's eine prima Sache und habe auch mitgemacht - mein Beitrag zur gegenseitigen Annäherung. Der Jugendclub organisiert die Dorffeste und Fußballturniere, ein Heimatmuseum ist entstanden. Zugegeben: Für Berliner ist das nicht gerade ein Ersatz für die Loveparade.

Mit Roland Kaiser in die Nacht

Die kleine Welt der Dorfjugend betreten wir am Abend. Sie besteht aus schauriger Blümchentapete und Bierbänken. Der Chef des Jugendclubs heißt Thomas, er begrüßt uns mit Gegröhle und schiebt uns an die Bar. Nicht nur aus den Lautsprechern schallt "Santa Maria – Insel, die aus Träumen geboren…" - die versammelte Mannschaft singt mit Roland Kaiser. Polina und Leah haben gehofft, heute tanzen zu können, aber von den Toten Hosen gibt es nur "Wir würden nie zum FC-Bayern München gehen". Sind hier ja schließlich alle Dynamo-Dresden-Liebhaber.

Das Geburtstagskind ist 30 und das anwesende "Jungvolk" Mitte 20: "Wir haben Nachwuchsprobleme", erklärt uns Thomas. "Liegt nur daran, dass der Jugendclub seit Jahren eine eingeschworene Gruppe ist. Neulinge haben es schwer, akzeptiert zu werden", flüstert mir meine Bierbanknachbarin ins Ohr. Die wirkliche Jugend feiert heute in Mühlbach bei Hohli. Thomas will sich jugendnah geben und zur Party des Nachwuchses gehen. Ich fahre ihn hin, die Mädels auf der Rückbank.

Thomas erzählt uns, dass er bei seinen Eltern in der Bäckerei arbeitet. Zusammen mit seinem Bruder. Sein Traum ist ein anderer: "Ein Jahr nach Österreich, in einer Après-Ski-Hütte arbeiten. Das wär's!" Aus Maxen möchte er nicht für immer weg. Er hat von Freunden gehört, die sich im Westen nicht wohl fühlen, keinen Anschluss finden. "So gute Freunde wie auf dem Dorf werdet ihr nie finden, Mädels."

Wir sind auf der zweiten Party gelandet. Polina und Leah sind altersmäßig guter Durchschnitt. Ein alter Grundschulkollege begrüßt mich. Es ist Tommy, 19, der im Sportunterricht immer durchdrehte, wenn sein Team im Völkerball versagt hat. Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen. Kfz-Mechaniker wollte er werden, doch die Firma ging pleite. Jetzt lernt er auf dem Bau. "Es muss irgendwie gehen", sagt er, eine Aussage, bei der es mich schüttelt.

Ich frage ihn, warum er es nicht woanders probiert. "In den Westen gehe ich nicht. Da rennen nur Affen 'rum, und man findet keine Freunde." Interessant, das von jemanden zu hören, der sich vielleicht einmal in der Woche traut, in die große Stadt Dresden zu fahren. Thomas trinkt sein Bier auf einen Zug leer, wir gehen. Um halb zwölf ist die Party für uns zu Ende.

Daheme ist es doch am schönsten

Nächster Tag, kurz vor der Abreise der Mädels: "Und, war das für euch eine Erfahrung wert?", fragt mein Vater Leah und Polina. "Hier sind alle wie eine große Familie. Jeder kennt sich. Bei uns in Berlin kennst du nicht mal die Leute im eigenen Haus", erklärt Polina. Sie hat Recht. Hier kennen sich alle seit der Kindheit und teilen alles, auch die Angst, in eine fremde Welt geworfen zu werden. Sie winden sich um die Entscheidung herum, woanders ein neues Leben anzufangen. Sie arrangieren sich mit dem Dorfleben. Irgendwie geht es immer. Bloß nicht weg müssen.

Aber kann man ihnen das wirklich zum Vorwurf machen? In Dresden komme ich auch nicht über die Namen meiner Mitbewohner hinaus. Ich finde es schön, am Wochenende nach Hause zu kommen, von dieser hektischen Stadt auszuruhen. Dorfleben wird niemals aussterben. In Zukunft werde ich auch grüßen, wenn mir Thomas oder ein anderes Jugendclubmitglied vor die Füße läuft. Aber so einen Geburtstag mache ich nicht noch mal mit. Da hört das Wurzelschlagen auf.

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