Schulreform Schweizer wollen Schreibschrift abschaffen

Die Tage von "Schleifchen-s" und "Köpfchen-e" sind in der Schweiz gezählt: Kantone und Lehrerverband wollen die Schreibschrift nicht mehr lehren. Auch in Deutschland ändert sich etwas.
Grundschüler an der Tafel: Ist die Schreibschrift überflüssig?

Grundschüler an der Tafel: Ist die Schreibschrift überflüssig?

Foto: AP

Seit 67 Jahren mühen sich Schweizer Schüler mit der "Schnürlischrift" ab. Sie ist in den meisten der 21 deutschsprachigen Kantone Standard, wenn schriftliche Arbeiten verfasst werden. Nun soll die Schreibschrift abgeschafft werden, berichtet die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ). Sowohl die Mehrheit der Kantone als auch die Lehrer wollten stattdessen eine Basisschrift mit nicht verbundenen Buchstaben einführen, die einfacher zu erlernen ist.

Die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz hatte die Kantone und pädagogischen Hochschulen befragt, wie die Schriftenfrage im neuen Lehrplan 21 geregelt werden solle. Zwar sei die Umfrage noch nicht ausgewertet, doch praktisch alle Kantone und pädagogischen Hochschulen sprachen sich für die Basisschrift aus, wie sie im Kanton Luzern bereits gelehrt wird, so die NZZ.

"Die Basisschrift ermöglicht es den Schülern besser, ihre individuelle Handschrift zu entwickeln", sagte Beat Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbands  der Schweizer Zeitung "20 Minuten" . Die Handschrift sei auch heute noch wichtig, auch wenn ihr Stellenwert wegen der Digitalisierung abgenommen habe. Dem Plan zufolge sollen Schüler die Buchstaben zunächst einzeln lernen, ab der zweiten oder dritten Klasse sollen sie beginnen, diese zu verbinden.

Untersuchungen in Luzern haben ergeben, dass die Kinder mit den Druckbuchstaben nicht nur leserlicher und schneller, sondern auch lieber schreiben als jene, die "Schnürli" üben müssen, so die NZZ. Eine Luzerner Arbeitsgruppe sei überzeugt, dass die Schreibschrift mit ihren komplexen Formen überholt sei.

Luxus oder Kulturgut?

Auch in Deutschland wird über den Sinn der verbundenen Schreibschrift gestritten. Grundschüler starten hier zwar mit der Druckschrift, die das Lesen- und das Schreibenlernen durch ihre deutliche Gliederung erheblich erleichtert. Ab der zweiten oder dritten Klasse müssen sie an den meisten Schulen auf Schreibschrift umlernen.

Seit 2011 wird von mehr als hundert Schulen auch eine nicht verbundene Grundschrift erprobt, die vom Grundschulverband entwickelt wurde. Sie zielt wie in der Schweiz auf eine gut lesbare Gebrauchsschrift. Den Grundschulen in Hamburg steht es seit 2012 gänzlich frei, die Grundschrift oder die verbundene "Schulausgangsschrift" zu verwenden. Auch in anderen Ländern ist die durchgehend verbundene Schrift wenig verbreitet. Englische und spanische Abc-Schützen lernen ebenfalls eine Art Druckschrift.

Verfechter der Schreibschrift befürchten einen Kulturverfall. "So wird Schriftkultur untergraben", argumentiert Ute Andresen, Schreibtrainerin und Grundschullehrerin aus München. Eine Handschrift sei Teil der Identität, sie könne sich aber auf der Basis von Druckbuchstaben nicht entwickeln.

"Die Argumente für die Schreibschrift sind fast immer ästhetischer Natur", erklärt hingegen der Siegener Grundschuldidaktiker Hans Brügelmann: "Wer in Zukunft Schönschrift lernen will, kann das im Kunstunterricht tun."

cpa
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