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29. Januar 2013, 09:48 Uhr

Migrantenkinder aus Euro-Krisenländern

Sprachlose Schüler

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Sie sind Kinder der Euro-Krise, ihre Eltern hoffen auf einen Neuanfang in diesem Land: Immer mehr junge Griechen, Italiener und Spanier kommen nach Deutschland, stranden ohne Sprachkenntnisse in den Schulen. Viele Deutschkurse sind überfüllt, die Lehrer überfordert.

Das Wort "Sachertorte" bereitet Zacharias Probleme. Nur leise und schwerfällig kommt es ihm über die Lippen. Dafür kann der 15-jährige Grieche in dem Deutsch-Intensivkurs das Wort "selbständig" mühelos aussprechen und sogar erklären: "Das heißt Business machen." Der Jugendliche weiß, was das heißt: Zacharias' Familie hatte viele Jahre einen Gyrosladen in Thessaloniki - bis die Euro-Krise kam und sein Vater das Geschäft verkaufen musste.

Deshalb sitzt Zacharias jetzt mit 26 anderen Schülern in der "Internationalen Vorbereitungsklasse" an der August-Lämmle-Werkrealschule in Leonberg bei Stuttgart. Die Mehrheit der elf bis 16-Jährigen kommt wie er aus einem Euro-Krisenland - und wöchentlich werden sie mehr. "Die wirtschaftliche Schwäche eines Landes können wir hier an den Schülerzahlen ablesen", sagt Schulleiter Philipp Steinle. Je mehr kommen, desto schlechter steht es.

Auch andere Schulen in Deutschland berichten über einen Anstieg der Schülerzahlen aus Süd- und Osteuropa. Die Kinder und Jugendlichen werden zwar statistisch nicht gesondert erfasst, doch der Trend spiegelt sich in den aktuellen Zuwanderungszahlen des Statistischen Bundesamts. Danach kamen im ersten Halbjahr 2012 deutlich mehr Einwanderer aus den Krisenländern nach Deutschland als im Vorjahr - ein Plus von 53 Prozent bei den Spaniern, sogar 78 Prozent bei den Griechen. Darunter sind nicht nur gut ausgebildete Fachkräfte, Akademiker und Studenten, sondern auch viele Arbeiterfamilien mit ihren Kindern, die ihr Glück jetzt auf dem deutschen Arbeitsmarkt suchen.

Es fehlt an zusätzlichen Deutschlehrern

Die Schulen stehen damit vor ganz neuen Aufgaben, denn fast alle Neuankömmlinge fangen sprachlich bei null an. Manche schaffen den Sprung in die regulären Klassen schon nach wenigen Wochen, bei anderen dauert es Monate. Das Problem: Die Deutschkurse für die Seiteneinsteiger vergrößern sich von Woche zu Woche, berichten Schulleiter bundesweit übereinstimmend. Aber es fehlt an Personal. Nur wenige Lehrer sind in der Lage, Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten, und für zusätzliche Honorarkräfte fehlt meist das Geld.

Zacharias und seine Mitschüler in Leonberg haben Glück gehabt. 25 Stunden Deutschförderung stehen pro Woche auf ihrem Stundenplan - viele andere Schulen können davon nur träumen. "Ohne Zusatzpersonal und ehrenamtliche Helfer wäre das auch bei uns nicht möglich", sagt Schulleiter Philipp Steinle. Zu dem Förderteam gehört Zacharias' Lehrerin Sandra Tauer, sie macht mit bei Teach First und ist damit Lehrkraft auf Zeit. Das Programm ist bislang in fünf Bundesländern aktiv und unterstützt Jugendliche mit Startschwierigkeiten.

Seit einem guten Jahr lebt Zacharias in Deutschland, hier hat sein Vater eine Arbeitsstelle im Winterdienst. Griechenland ist für den Jugendlichen mittlerweile weit weg, doch Angela Merkels Sparpolitik macht ihn trotzdem wütend. "Die Griechen hassen die Deutschen. Merkel ist zu hart", bricht es aus ihm heraus, "bald ist Griechenland tot - totgespart." Seine Zukunft sieht Zacharias dennoch oder deswegen erst einmal in Deutschland. Er will hier studieren und danach noch weiter weg - am liebsten in die USA. Er weiß, dass er für diesen Traum viel tun muss. Sein erstes Ziel ist der Hauptschulabschluss.

Wie Zacharias' Familie kommen auch andere Immigranten aus den EU-Krisenländern besonders gern in wirtschaftsstarke Bundesländer wie Baden-Württemberg und Bayern. Im Freistaat füllen sich seit dem vergangenen Jahr die sogenannten Übergangsklassen, die Kinder ohne Deutschkenntnisse fit für den regulären Unterricht machen. Die Zahl der EU-Ausländer in diesen Klassen stieg laut Kultusministerium auf 845 Schüler im vergangenen Jahr - 2010 waren es nur 470. Schulen in anderen Bundesländern registrieren hingegen einen starken Zuzug von Familien aus den neuen EU-Mitgliedstaaten Bulgarien und Rumänien, die der desaströsen Bezahlung in ihren Heimatländern entfliehen wollen.

"Wenn ich eine Chance habe, dann in Deutschland"

Viele der neuen Zuwanderer sind nach Angaben von Schulleitern und Lehrern Remigranten. "Das ist ein ganz neues Phänomen - ausgelöst durch die Euro-Krise", sagt Michaela Menichetti, Integrationsbeauftragte des Schulamts in Reutlingen. Viele Schüler müssten zum zweiten Mal neu beginnen: "Wir haben türkische Schüler, die aus Bulgarien zu uns kommen, gebürtige Russen aus Portugal und Griechen aus Russland. Das ist eine riesige Herausforderung für die Schulen." Auch in Großstädten wie Berlin, Stuttgart oder Frankfurt am Main erhalten die Schulen fast täglich neue Anfragen von Familien aus Süd- und Osteuropa.

Isabel, 16, ist eine Remigrantin. Sie ist hier geboren, als sie vier war, gingen ihre Eltern zurück nach Sizilien. "Mein Vater hat in Italien immer weniger verdient, deshalb sind wir jetzt wieder hier", erzählt die Mitschülerin von Zacharias. Nach sieben Monaten in München lebt Isabel jetzt mit den Eltern und zwei Schwestern in Leonberg. "Ich war ganz verloren am Anfang", sagt sie. Jetzt komme sie zurecht: "Ich wäre lieber in Italien, aber wenn ich eine Zukunft habe, dann in Deutschland."

Und zur Zukunft gehört die deutsche Sprache, das wissen die Euro-Krisenkinder an der Leonberger Werkrealschule. Zacharias' und Isabels Gruppe kennt mittlerweile sogar den Begriff "Kehrwoche" - für Nicht-Baden-Württemberger der Inbegriff von Spießigkeit. Auch die Neuen können sich an die Putzgewohnheiten im Ländle nur schwer gewöhnen. Mitschüler Mehdi, 16, ist noch immer erstaunt, dass hier im Süden Deutschlands nach Wochenplan gewienert und geschrubbt wird: "Wir haben sowas nicht in Iran. Wir machen sauber, wann wir wollen."

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