Schüler übers Sitzenbleiben Wir machen's noch mal

Sind Sitzenbleiber die Schlafmützen von der letzten Bank? Politiker streiten, ob die Ehrenrunde als Warnschuss sinnvoll ist. Sechs Schüler berichten, wie sich Wiederholen anfühlt - und ob es geholfen hat.
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Schüler erzählen: Wir sind sitzengeblieben

Foto: Corbis

Sitzenbleiben, Ehrenrunde, Rückstufung - wenn es darum geht, dass Schüler ein Jahr wiederholen sollen, ist ein gemeinsamer Nenner schon bei der Bezeichnung schwierig zu finden.

Wer von sogenannten Ehrenrunden spricht, meint das natürlich ironisch und sagt damit auch: Ist doch nicht so schlimm, dauert die Schulzeit eben länger, und der nicht versetzte Schüler kommt so vielleicht zur Besinnung. Denn die meisten denken ja: Es liegt am mangelnden Einsatz, an Faulheit, wenn ein junger Mensch nicht so gut abschneidet, wie es die Schule vorsieht.

Meist schieben Ehrenrunden-Sager noch hinterher, dass ihnen Sitzenbleiben auch nicht geschadet habe. Sie sind eher konservativ als linksliberal und haben für die rot-grünen Pläne in Niedersachsen, das Sitzenbleiben abzuschaffen, beißenden Spott übrig.

Die Regierenden in Hannover und eine ganze Reihe von Bildungsforschern finden Sitzenbleiben hingegen teuer und nutzlos oder sogar schädlich. Eine Klassenstufe zu wiederholen, kostet extra und es bedeutet auch: Der Schüler muss in einen neuen Klassenverband und hat das Stigma, einer zu sein, der alles schon können sollte. Und einer, der eben einfach nicht gut genug gewesen ist, der Loser aus der letzten Bank.

Was sowohl linke Bildungsstrategen als auch der Philologenverband vergessen: Es gibt neben der gemessenen Leistung in Noten auch ganz andere Gründe, warum jemand in der Schule plötzlich zurückfällt - etwa wenn ein naher Verwandter oder ein Freund stirbt, man selbst oder ein lieber Mensch krank wird, ein Umzug oder ein Schulwechsel anstehen. Oder auch, wenn andere Dinge im Leben plötzlich wichtiger werden.

Sitzenbleiben kann ein Fluch sein, muss es aber nicht. Hier erzählen sechs Sitzenbleiber, warum sie in die Ehrenrunde mussten oder wollten und wie es ihnen damit ergangen ist.

Anna-Lena, 16, 9. Klasse: "Dankbar, dass ich eine Chance bekam"

Gymnasiastin Anna-Lena machte sich große Sorgen um ihren Vater

Gymnasiastin Anna-Lena machte sich große Sorgen um ihren Vater

"Das vergangene Schuljahr habe ich wiederholt, weil mir damals der Kopf nicht danach stand zu lernen. Ich hatte einfach aufgehört, mich mündlich zu beteiligen. Mein Papa war schwer krank, es stand zu befürchten, dass er sterben wird.

Als es ihm wieder besser ging, habe ich versucht noch die Kurve zu kriegen, aber dafür war es zu spät. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Chance bekam, alles nachzuholen, was ich verpasst hatte. Mit einer Fünf in Mathematik wäre es schwer gewesen, Architektin zu werden. Jetzt habe ich eine Eins und freie Bahn zum Durchstarten."

Lukas, 13, 6. Klasse: "Ich wäre lieber bei meinen alten Freunden"

Realschüler Lukas spielte lieber Klavier und Fußball als zu lernen

Realschüler Lukas spielte lieber Klavier und Fußball als zu lernen

"Sitzengeblieben bin ich, weil meine Noten insgesamt nicht so gut aussahen. Zu Hause spiele ich lieber Fußball oder Klavier, als etwas für die Schule zu tun. Ich würde viel lieber mit meinen Freunden aus der alten Klasse im Unterricht sitzen. Der Lernstoff fällt mir auch nicht viel leichter als vorher. Ich könnte mir vorstellen, im siebten Schuljahr genauso gut klar zu kommen wie jetzt. Schlechte Noten will ich vermeiden, damit meine Eltern sich nicht darüber aufregen - und damit ich später einen guten Job bekomme."

Vanessa, 15, 8. Klasse: "Ich dachte, ich werde ausgelacht"

Realschülerin Vanessa wollte eine Fünf im Zeugnis vermeiden

Realschülerin Vanessa wollte eine Fünf im Zeugnis vermeiden

"Ich habe im achten Schuljahr eine freiwillige Ehrenrunde gedreht, weil ich in Mathe nicht mehr mitkam. Damals hatte ich eine Fünf. Jetzt habe ich eine Zwei. Ich dachte, ich werde ausgelacht, aber im Gegenteil: Man hat Respekt davor, dass ich so ehrgeizig bin, wegen nur einer schlechten Note ein ganzes Schuljahr zu wiederholen. Meine Schwester hat das übrigens auch getan - und ist genauso froh wie ich."

Tom, 17, 10. Klasse: "Ich dachte, das Jahr packst du eh"

Gymnasiast Tom lebte lieber, als zu lernen

Gymnasiast Tom lebte lieber, als zu lernen

"Im vergangenen Jahr habe ich nichts für den Unterricht getan, weil ich dachte, dass ich das Jahr eh packen würde. Als mir klar wurde, dass meine Versetzung auf dem Spiel stand, akzeptierte ich das und chillte weiter, feierte und schlief zu viel, trieb mehr Sport und spielte mehr Videospiele als zu lernen. Aber ich schwor mir, in meinem zweiten zehnten Schuljahr Vollgas zu geben, um eine gute Grundlage für die Oberstufe zu bekommen.

Meine einzige Angst war, in der neuen Klassengemeinschaft als der Dumme zu gelten und nicht so integriert zu sein wie in der alten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich fühle mich auch jetzt wohl und will unbedingt ein gutes Abitur machen und studieren, um die bestmöglichen Berufschancen zu haben. Und das traue ich mir auch zu."

Tobias, 18, 12. Klasse: "Ich will eine Zwei vor dem Komma"

Gymnasiast Tobias und die leistungstechnischen Probleme

Gymnasiast Tobias und die leistungstechnischen Probleme

"Ich hätte eigentlich im April meine Abiturprüfungen machen müssen. Doch zum Halbjahreswechsel wurde ich in die elfte Klasse zurückversetzt. Die Leistungsanforderungen waren besonders in den Fremdsprachen zu hoch für mich.

Wenn ich nicht sitzengeblieben wäre, hätte ich mich genauso angestrengt wie jetzt. Aber leistungstechnisch hätte ich ein Problem. Denn bereits in der Qualifikationsphase, die ich jetzt wiederhole, sammelt man Punkte für das Abitur. Außerdem durfte ich nun meine Prüfungsfächer neu wählen. Mein Ziel ist ein Abischnitt mit einer Zwei vor dem Komma."

Jana, 17, 10. Klasse: "Ich war eine der Jüngsten"

Realschülerin Jana wiederholte freiwillig die 8. Klasse

Realschülerin Jana wiederholte freiwillig die 8. Klasse

"Lauter Vieren machen sich auf dem Bewerbungszeugnis nicht so gut, also bin ich freiwillig ein Jahr zurückgetreten. Meine ehemalige Freundin aus der alten Klasse hat die Schule gewechselt. Ich habe dann nicht mehr richtig Anschluss finden können und war eine der Jüngsten. In der neuen Klasse hat von Anfang an alles gepasst. Schnell hat es Klick gemacht, und ich sagte mir: 'Streng dich an, damit du gute Noten bekommst.' Mittlerweile kommt eine Vier auf dem Zeugnis bei mir nicht mehr vor."

Aufgezeichnet von Alina Buxmann