Schüler lernen tanzen Der Rhythmus, wo man mit muss

Stardirigent Sir Simon Rattle bittet zum Tanz: Über 200 Schüler, allesamt Ballett-Anfänger, bringen heute gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern Strawinskys "Der Feuervogel" auf die Bühne. Aus einer Aufführung mit Jugendlichen wurde sogar ein Kinofilm - "Rhythm is it".

Die Schüler sind unruhig und laut. Einige blicken auf ihre Gameboys, andere unterhalten sich, wieder andere lachen und verdrehen die Augen. Es scheint fast unmöglich, Teenager, die so gut wie noch nie etwas mit klassischer Musik zu tun hatten, für Ballett zu begeistern. Als die Choreografin Susannah Broughton den Schülern bei den Proben erklärte, was sie mit ihnen vorhat, erntete sie zumeist Hohn und Spott, vor allem von den Jungen.

Nur zwei Monate später, am heutigen Samstag, stehen dieselben Jugendlichen dann jedoch voll konzentriert auf einer Bühne. Stardirigent Simon Rattle steht vor ihnen, dirigiert seine Berliner Philharmoniker, und die Jugendlichen tanzen voller Energie, Esprit und Selbstbewusstsein dazu. Und es klappt.

Die Philharmoniker führen in der Berliner Arena zusammen mit 214 Jugendlichen Strawinskys Ballett "Der Feuervogel" auf. Mit dabei sind Grund- und Hauptschüler, davon viele kürzlich aus Russland übersiedelte Jugendliche, Gymnasiasten und auch einige Tanzschüler. Erstmals macht auch eine Seniorentanzgruppe mit. Die jüngsten Tänzer sind neun Jahre alt, die ältesten 77.

"Musik ist ein Grundbedürfnis"

"Zukunft@BPhil" nennen die Philharmoniker ihr Tanzerziehungs-Programm. Im Jahr 2003 wagten sie zum ersten Mal den Versuch: Die Aufführung von Strawinskys "Le Sacre du Printemps" wurde ein großer Erfolg und läuft als Dokumentarfilm mit dem Titel "Rhythm is it" seit bald einem Jahr im Kino. Auch Ravels "Daphnis et Chloe" aus dem vergangenen Jahr wurde gefeiert. "So wollen wir Musik einem breiten Publikum zugänglich machen", sagt Rattle. "Musik sei kein Luxus, sondern ein Grundbedürfnis."

Erst im Februar begannen die Proben für den "Feuervogel". Zumindest skeptisch waren da die meisten angehenden Tänzer. Doch als Broughton und ihre Helfer Schrittfolgen erklärten, die Schüler an die Hand nahmen, um ihnen Bewegungen zu erklären und dann schließlich die Musik erklang, wurde es ruhig, wich die demonstrative Langeweile einer tiefen Konzentration.

"Das zu beobachten, ist unglaublich faszinierend", sagt die Choreografin Broughton, die auch in britischen Gefängnissen Tanzprogramme anbietet. "Wir wollen Menschen erreichen, die sonst nichts mit Musik zu tun haben", erklärt sie.

Strenger Ton bei den Proben

Die Jugendlichen bekamen eine Aufgabe, die ihnen Spaß machte. Das Zusammenbringen und Verflechten der verschiedenen Gruppen sei dann noch einmal eine besondere Herausforderung gewesen, erklärt Broughton. Aus den unterschiedlichen Charakteren sei ein Ensemble gewachsen.

Die Tanzlehrer legten dazu ein gewisse Autorität an den Tag. "Der strenge Ton war erst einmal ungewohnt", sagt eine Schülerin. Aber dann hätten alle gemerkt, dass es große Fortschritte gab. Auch die Lehrer sind begeistert. "Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass so etwas klappt", sagt Veronika Peters, die an einer Kreuzberger Oberschule unterrichtet.

Die Arbeit mit den Kindern und Senioren sei außergewöhnlich spannend, sagt Rattle. "Man bekommt völlig neue Visionen von der Emotionalität der Stücke", so der Stardirigent. "Wir sehen Dinge aus einem anderen Licht." Er sei fasziniert, die Konzentrationsfähigkeit der Jugendlichen zu beobachten. Allerdings: "Als wir mit der Probenarbeit begannen, hatte ich noch schwarze Haare", sagt der seit Jahren ergraute Rattle und lacht.

Von Holger Mehlig, AP

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