Schüler mit Migrationshintergrund In der Schule hilft der deutsche Pass

Wenn Kinder mit Migrationshintergrund von Geburt an die deutsche Nationalität haben, sind sie in der Schule erfolgreicher. Das hat eine Untersuchung des Ifo-Instituts in Schleswig-Holstein ergeben.

Grundschüler im Unterricht: Motivator deutsche Staatsbürgerschaft?
Skynesher/ Getty Images

Grundschüler im Unterricht: Motivator deutsche Staatsbürgerschaft?

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Wie glücklich und erfolgreich ein Kind in der Schule ist, hängt von vielen Faktoren ab. Einer lautet: Herkunft. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Schüler mit mindestens einem Elternteil, der aus dem Ausland stammt, tendenziell immer noch schlechter abschneiden als Kinder ohne einen solchen Migrationshintergrund.

Viel hat sich in diesem Bereich zwar in den vergangenen Jahren schon verbessert. Doch bundesweit grübeln Bildungsforscher, Pädagogen und Politiker weiter darüber nach, was sich noch tun ließe, damit Kinder mit ausländischen Wurzeln an deutschen Schulen bessere Leistungen erzielen.

Experten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) pochten unlängst auf folgende Maßnahmen: Kinder sollten früh in der Landessprache gefördert, Lehrer interkulturell geschult und Eltern ins Schulleben einbezogen werden. Wichtig seien außerdem Antimobbing-Programme und gute außerschulische Angebote.

Nun warten Forscher des Ifo-Instituts in München mit einer weiteren Erkenntnis auf: Hilfreich kann auch die deutsche Staatsbürgerschaft von Geburt an sein. Das zeigt eine Studie, die am Donnerstag im Journal of Labor Economics veröffentlicht wurde.

Grundlage für die Studie war eine Reform des Staatsbürgerschaftsrechts, die die rot-grüne Bundesregierung in den Neunzigerjahren durchsetzte. Vom 1. Januar 2000 an bekamen Kinder ausländischer Eltern mit der Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn ein Elternteil mindestens acht Jahre in Deutschland gelebt hatte und ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besaß.

Zwei von zehn Kindern, die 1999 geboren seien, hätten die deutsche Staatsbürgerschaft bei der Geburt erhalten, heißt es in der Studie. Unter Kindern, die im drauffolgenden Jahr zur Welt kamen, seien es gut sieben von zehn gewesen.

Die Forscher verglichen also Kinder aus derselben Klassenstufe, die vor und nach diesem Stichtag geboren wurden - sich also statistisch vor allem darin unterscheiden, ob sie die deutsche Nationalität haben oder nicht. Ausgewertet wurden Daten aus den Schuleingangsuntersuchungen und Schulregisterdaten des Landes Schleswig-Holstein.

Die Studie ergab, dass nach der Reform geborene Kinder:

  • häufiger einen Kindergarten besuchten,
  • schon vor der Einschulung besser Deutsch sprachen und in ihrer sozio-emotionalen Entwicklung weiter waren,
  • …früher eingeschult wurden und in der Grundschule seltener eine Klasse wiederholen mussten,
  • eher eine Empfehlung fürs Gymnasium bekamen.

"Die automatische Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft hatte vielfältige positive Auswirkungen auf die Bildungsintegration der betroffenen Kinder und konnte dazu beitragen, dass sich die Kluft zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund verringern konnte", sagt Helmut Rainer, Arbeitsmarktexperte am Ifo-Institut, einer der drei Studienautoren.

Woran liegt das? Die Forscher vermuten, dass die Reform vor allem Eltern stark dazu motivierte, sich um den Schulerfolg ihrer Kinder zu kümmern. Schließlich hätten diese mit der deutschen Staatsangehörigkeit auch bessere Chancen bekommen, auf dem Arbeitsmarkt langfristig wirklich etwas zu erreichen.

"Die Verleihung der Staatsbürgerschaft kostet nichts, außer ein paar wenige bürokratische Handgriffe und vielleicht die Tränen einiger Politiker", sagte Studienautorin Christina Felfe der "Süddeutschen Zeitung".

Ein zähes bildungspolitisches Ringen dürfte es bei diesem Thema allerdings wohl auch geben. Der Streit war zuletzt hochgekocht, als CDU-Politiker Carsten Linnemann gefordert hatte, Kinder erst zur Grundschule zuzulassen, wenn sie ausreichend Deutsch sprechen. Vor zwei Jahren hatte Linnemann in einem Interview gesagt: "Die deutsche Staatsbürgerschaft ist ein Wert für sich und sollte am Ende der Integration stehen und nicht am Anfang."

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
ldom 15.11.2019
1. Ursache und Wirkung verwechselt
Wer für sein Kind einen deutschen Pass will, der will auch dass sein Kind sich integriert und hier ankommt. D. h. das Kind wird bei der Integration von den Eltern unterstützt. Wer das nicht will für den ist der deutsche Pass nur ein Stück Papier.
lesender_hesse 15.11.2019
2. Migrationshintergrund
Da in Deutschland auch all die Kinder als "mit Migrationshintergrund" geführt werden, die einen deutschen Elternteil haben, bin ich gespannt ob die Untersuchung diesen Faktor herausgerechnet hat. Diese Kinder haben immer schon seit Geburt die deutsche Staatsangehörigkeit - meist auch die zweite Staatsangehörigkeit, die sie dann meist automatisch lebenslang behalten. Die Situation von Kindern, bei denen beide Elternteile keine deutsche Staatsangehörigkeit haben ist völlig anders. Rechtlich und meist auch sprachlich.
wizzard74 15.11.2019
3.
Zitat von ldomWer für sein Kind einen deutschen Pass will, der will auch dass sein Kind sich integriert und hier ankommt. D. h. das Kind wird bei der Integration von den Eltern unterstützt. Wer das nicht will für den ist der deutsche Pass nur ein Stück Papier.
Und wie so oft muss die Kommentarsektion das übernehmen, was in den Artikel gehört :-(
Frietjoff 15.11.2019
4. Artikel nicht gelesen?
Zitat von ldomWer für sein Kind einen deutschen Pass will, der will auch dass sein Kind sich integriert und hier ankommt. D. h. das Kind wird bei der Integration von den Eltern unterstützt. Wer das nicht will für den ist der deutsche Pass nur ein Stück Papier.
Es ging hier nur um Kinder einer Jahrgangsstufe, die ab Geburt automatisch Deutsche waren -- oder nicht.
Frietjoff 15.11.2019
5. Überrascht mich nicht
Das überrascht mich nicht. Ich habe etliche Nichten und Neffen, die (mit Migrationshintergrund) in Deutschland die Schule besuchten (als von diesen Kindern kaum welche Deutsche waren). Zur Zeit besuchen meine Kinder (mit Migrationshintergrund) Schulen in den USA. Der Unterschied, wie Schulen und Lehrer im Land geborene Kinder von Einwanderern sahen und sehen, ist wie Tag und Nacht. Die Erwartungshaltung in Deutschland: ihr seid Ausländerkinder; ihr sprecht kein Deutsch; ihr habt kein Interesse an Deutsch, Deutschland, Deutschen; eure Eltern werde bei eurer Bildung ja überhaupt keine Hilfe sein. Die Erwartungshaltung in Amerika: We are all Americans. (Das wars. Aus diesem Selbstverständnis leitet sich alles ab.) Dazu kommt, dass das Regelschulsystem konsequent auf Inklusion getrimmt ist. Die Grundschulen sind sehr viel größer als in Deutschland typisch. Das wäre vielen deutschen Eltern, die es intim und niedlich haben müssen, natürlich ein Graus. Aber es für dazu, dass es unter dem Dach der Schule wahnsinnig viel Ressourcen für jeden denkbaren Förderbedarf gibt. Davon profitieren natürlich auch Schüler mit anderer Muttersprache. Dem Inklusionsprinzip folgend, gibt es auch keine »Ausländerklassen«. Die Englischlerner sind von Anfang an in ganz normalen Klassen und werden individuell nach Bedarf gefördert. Das funktioniert prima.
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