Schüler-Mobbing In der Hölle von Sundsbro

Gehänselt, bedroht, mit Klebeband an den Baum gefesselt - für den schwedischen Schüler Douglas, 14, war die Schule eine Qual. Seine Peinigung in Malmö wird zum Test für ein Anti-Mobbing-Gesetz: 16.000 Euro Schadenersatz soll Douglas bekommen - weil die Lehrer wegsahen.

Von André Anwar, Stockholm


"Ich bin froh, dass ich da weg bin", sagt Douglas Dahlqvist aus Malmö. "Es musste einfach aufhören." Er sitzt im Wohnzimmer und schaut mit seinem Kumpel fern. Er hat dunkle Haare, dunkle Augen, ein sanftes Gesicht. Er sagt es in eine Fernsehkamera, es wird in den schwedischen Hauptnachrichten gesendet werden, die alle gucken. Was ihm seine Mitschüler im Mai dieses Jahres antaten, wird er vermutlich nie vergessen.

Mobbing unter Schülern: Erst Sprüche, dann Drohungen, dann Prügel
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Mobbing unter Schülern: Erst Sprüche, dann Drohungen, dann Prügel

Zwei Jahre lang musste Douglas ertragen, die Zielscheibe der Gewalt-Phantasien seiner Mitschüler zu sein. Als er im Herbst 2005 in die die sechste Klasse kam, begannen sie mit den Schikanen. Erst nur mit Worten, mit einem blöden Spruch auf dem Schulhof vor der Sundsbro-Schule in Malmö.

Dann wurden Douglas per SMS Prügel angedroht, berichtet die schwedische Tageszeitung "Aftonbladet". Es waren die älteren Jungs aus dem Jahrgang über ihm. Sie gingen immer weiter, weil die anderen Mitschüler nicht eingriffen - und auch Lehrer und Schulleitung nicht.

Genau deshalb könnte das Martyrium von Douglas zum Präzedenzfall werden. Denn in Schweden hat die Politik dem Mobbing an der Schule den Kampf angesagt: Seit April 2006 können Kinder und Jugendliche, die in der Schule von Mitschülern wiederholt gepeinigt werden, von der Schule oder der zuständigen Kommune Schadenersatz einklagen. Zumindest wenn Lehrer und Erzieher keine aktiven Gegenmaßnahmen eingeleitet haben.

Die Mutter beschwerte sich - aber die Schule tat nichts

Die habe es bei Douglas nicht gegeben, sagt Lars Arrhenius, staatlicher Ombudsmann für Kinder und Schüler: "Die Schule hätte das viel früher ernst nehmen müssen. Sie hätten viel genauer hinsehen müssen." Es wurde immer schlimmer: Ende April banden die Mitschüler Douglas das erste Mal mit festem Klebeband an einen Pfeiler. Einer filmte das Ganze und stellte danach das Video ins Internet.

Seine Mutter holte Douglas aus der Schule ab. Sie beschwerte sich bei der Schulleitung über die Quälereien und bat um Hilfe - vergebens. "Ich habe mir den Kopf an der Sundsbro-Schule blutig gestoßen, ohne irgendeine Unterstützung von den Lehrern zu bekommen", sagt sie heute.

Bald darauf, am 22. Mai, gingen die Brutalos noch weiter: Sie fesselten Douglas wieder mit reißfestem Klebeband an einen Baum, direkt vor der Schule. Er konnte die Arme nicht bewegen, die Beine auch nicht, es fiel ihm schwer zu atmen. Sogar das Gesicht hatten sie ihm diesmal zugeklebt.

"Ich habe versucht loszukommen, aber es ging nicht. Wenn ich mich in die eine Richtung bewegte, drückte das Band an der anderen so stark, dass ich es irgendwann sein ließ", sagte Douglas dem Fernsehsender Sveriges Television. Seine Peiniger blieben nach diesem Vorfall wieder unbehelligt. Erst als die Mutter von Douglas den Fall bei Polizei und Schulamt anzeigte, gab es Bewegung.

Für Ombudsmann Lars Arrhenius ist der Fall heute klar: "Die Lehrer und die Schulleitung hätten versuchen müssen, es zu stoppen. Das hätte verhindert werden können." Er fordert nun Schadenersatz von der Kommune Malmö als Schulträger, und zwar 150.000 schwedische Kronen, umgerechnet mehr als 16.000 Euro.

"Wir konnten nicht mehr tun"

Das wirkt fast mickrig im Vergleich zu einem Fall in Australien, wo ein Gericht dem Schüler Benjamin Cox im Mai 2007 eine einmalige Zahlung von umgerechnet 132.000 Euro Schmerzensgeld und eine lebenslange Rente zusprach. Für Ombudsmann Lars Arrhenius sind die 16.000 Euro es trotzdem der höchste Betrag, den er bisher gefordert hat. Das rechtfertigt er so: "Wir reden über einen sehr ernsten Vorfall. Erwachsene würden so eine Sache niemals akzeptieren. Ein solches Schul-Millieu ist völlig inakzeptabel. Wäre ein Volljähriger so an einen Baum geklebt worden, hätte das für die Täter zu mehreren Jahren Gefängnis geführt."

Ob das neue Gesetz in der Praxis funktioniert, wird sich nun zeigen. Seit April 2006 sind allein beim Schüler-Ombudsmann über 500 Anzeigen von Schülern und Eltern eingegangen. In zehn Fällen hat Arrhenius Schadenersatz gefordert, nur in einem hat sich die betreffende Kommune bereit erklärt zu zahlen. Der Rest der Mobbing-Fälle wird vor Gericht entschieden werden.

Rechtsexperten räumen Douglas, über dessen Martyrium in Schweden viel berichtet wird, gute Chancen ein. Seine Mutter ist froh, dass sich jemand ihres Sohnes angenommen hat. Nicht wegen des Geldes, sagt sie, sondern wegen der unglaublichen Ignoranz des Schulpersonals: "Das kann vielleicht auch anderen Schulkindern in der gleichen Situation helfen, endlich ernst genommen zu werden."

Die Sundsbro-Schule und ihr Träger streiten bislang ihre Schuld ab. Ausbildungsleiter Mats Bååth muss bis zum 2. Oktober Stellung beziehen. "Die Forderung ist hoch", sagt er, "ich muss mit unseren Juristen besprechen, wie wir damit umgehen." Bååth sagt, die Schule hätte nicht mehr tun können. Ihm tue zutiefst Leid, was der Junge habe durchstehen müssen. Die Schule sei aber stets ihrer Verantwortung gerecht geworden: "Wir versuchen immer, solchen Sachen vorzubeugen. Aber ich kann nicht ausschließen, dass es wieder geschieht. Das kann man einfach nie garantieren."



insgesamt 591 Beiträge
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Seite 1
Reziprozität 24.07.2007
1.
Es gab mal eine Zeit, da wurde ich jeden Tag auf dem Weg zur Schule verwamst, ein 4 Jahre aelterer Schueler. Nur nannte man das damals noch nicht Mobbing....
DJ Doena 24.07.2007
2.
Klar. Gibts eigentlich Schüler die das nicht haben? Außer eben die, die am oberen Ende der Nahrungskette waren?
annew, 24.07.2007
3.
Zitat von DJ DoenaKlar. Gibts eigentlich Schüler die das nicht haben? Außer eben die, die am oberen Ende der Nahrungskette waren?
Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass nicht irgendwann mal jeder ein bißchen weiter unten in der Hackordnung stand. Mir ging es auch so, weil ich so zwischen 12-17 Jahre etwas molliger war. Tja, was nicht der "Norm" entspricht ...
meister1993 24.07.2007
4.
mittlere Kleinstadt, nöö, weder in der Grundschule noch in Realschule oder Gymnasium ---schon vor 35 Jahren als ich noch zur Schule ging, gabs bösere und brävere, es gab auch Opfer, die wurden dann öfters mal in die Mülltonne gesteckt das gibts jetzt auch noch, nur jetzt wirds Mobbing genannt in Großstädten dürfts völlig anders aussehen, aber da dürfte es schon wieder eher "Verbrechen" genannt werden
Peter Sonntag 24.07.2007
5. 5 %
Gegen Mobbing gibt es ein Rezept: 5% besser sein als die anderen. Dann wird es niemand wagen, sich selbst durch Mobberei lächerlich zu machen.
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