Schüler ohne Abschluss Atlas der Bildungsverlierer

Auf dem Arbeitsmarkt sind sie meistens chancenlos: Fast jeder dreizehnte Jugendliche verlässt die Schule in Deutschland ohne Abschluss. Eine neue Studie zeigt nun, wie sich die Bildungsverlierer über Deutschland verteilen - und wo die Zahlen weit über dem Durchschnitt liegen.
Schüler an Förderschule: Viele bekommen keinen Abschluss

Schüler an Förderschule: Viele bekommen keinen Abschluss

Foto: A3250 Oliver Berg/ dpa

Wenn Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen, sieht ihre Zukunft düster aus. Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind gering, wer trotzdem einen Job findet, kommt über Niedriglöhne kaum hinaus und ist ein Leben lang von Arbeitslosigkeit bedroht.

Eine neue Studie des Bildungsforschers Klaus Klemm, die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt, zeigt nun:

  • wie sich die Bildungsverlierer über Deutschland verteilen,
  • dass die Zahlen in manchen Ländern und Regionen erschreckend hoch sind,
  • und dass Jugendliche ohne Schulabschluss deutschlandweit meist eines gemeinsam haben - der Großteil hat eine Förderschule besucht, die anderen meist eine Hauptschule.

Klemm hat die Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellt und benutzt Daten aus dem Jahr 2008. Damals verließen rund 65.000 Menschen die Schule ohne Abschluss - 7,5 Prozent des Altersjahrgangs in Deutschland, ein besserer Wert als die 9,1 Prozent von 1999. Beim Bildungsgipfel in Dresden haben Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder erklärt, sie strebten an, "die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss von acht auf vier Prozent zu halbieren". Wie das gelingen soll, blieb offen. Die Studie macht nun klar, wie groß der Handlungsbedarf ist. Vor allem unter ausländischen Jugendlichen sind die Zahlen weit von dem Ziel der Politik entfernt. Mehr als 15 Prozent schaffen keinen Abschluss, zeigen Klemms Zahlen.

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Alle Grafiken: Wo Schüler am häufigsten scheitern

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Die Entwicklung in den Ländern ist zum Teil höchst unterschiedlich. In Baden-Württemberg ist der Anteil auf rund sechs Prozent gesunken und damit deutschlandweit am geringsten. Mecklenburg-Vorpommern erreicht rund 18 Prozent, das ist der Spitzenwert - und deutlich schlechter als die knapp 11 Prozent von 1999 (Detailergebnisse siehe Fotostrecke oben).

Die geringste Quote unter den ostdeutschen Ländern hat Thüringen (rund neun Prozent), steht aber schlechter da als alle westlichen Flächenländer. Den höchsten Anteil erreicht Schleswig-Holstein. Dort verlassen gut acht Prozent eines Altersjahrgangs die Schule ohne Abschluss.

Noch größer sind die Unterschiede zwischen den einzelnen deutschen Landkreisen und Städten (siehe interaktive Grafik oben). Im mecklenburgischen Wismar blieben fast ein Viertel der Abgänger ohne Abschluss - in den bayerischen Landkreisen Würzburg und Eichstätt nur rund 2,5 Prozent. Zum Teil liegt dies allerdings an den unterschiedlich großen Einzugsgebieten der Städte und Gemeinden. Die Schulstatistik erfasst Schüler an den Schulen, die sie besuchen, nicht an ihrem Wohnort.

In manchen Ländern bleiben neun von zehn Förderschüler ohne Abschluss

Hauptschule

Hoch sind die Quoten überall dort, wo Förderschulen sind. Drei Viertel ihrer Schüler stehen am Ende ohne Abschluss da. Während die meist im Mittelpunkt der Debatte um die hohe Zahl der Schulabbrecher steht, sind es die Schulen für körperlich, geistig und lernbehinderte Kinder und Jugendliche, die mit Abstand am meisten Schüler ohne Abschluss hervorbringen.

2008 waren mehr als die Hälfte der Jugendlichen ohne Abschluss Förderschüler, rund ein Viertel der Schulverlierer gingen auf eine Hauptschule. In Ländern wie Schleswig-Holstein und Brandenburg verlassen sogar mehr als neun von zehn Schülern die Förderschule ohne einen Abschluss.

Bildungsforscher Klemm fordert deshalb, behinderte Schüler künftig in die Regelschulen zu integrieren - weil "die einschlägigen empirischen Studien durchgängig belegen, dass die große Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf" in allgemeinen Schulen besser gefördert würden.

Eigentlich sind die Bundesländer seit Anfang 2009 verpflichtet, inklusive Bildungssysteme zu schaffen und den Eltern behinderter Kinder die Möglichkeit zu geben, sie auf eine Regelschule zu schicken. Dies verlangt die Behindertenrechtskonvention der Uno, die seitdem für Deutschland verbindlich ist.

Das Übergangssystem zeigt Erfolge - die sind allerdings teuer erkauft

In manchen Bundesländern wie Bremen und Schleswig-Holstein wird sie schrittweise umgesetzt. Vielerorts scheitern Eltern behinderter Kinder indes an der Blockadehaltung der Behörden, die auf fehlende Schulausstattung verweisen. Um diese zu verbessern, fehlt es vielen Landesregierungen allerdings am Willen. Die Mehrheit der Länder gehe "zögerlich, reserviert oder sogar ablehnend an die Umsetzung der Uno-Konvention heran", monierte der Deutsche Sozialverband in seinem Bildungsbarometer Inklusion 2009.

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Bildung für behinderte Kinder: Wie Inklusion gelingen kann

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Klemm fand in seiner Studie jedoch auch heraus, dass rund die Hälfte der Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, diesen später nachholen. Dies gelingt ihnen vor allem im Übergangssystem, das für schwer vermittelbare Jugendliche geschaffen wurde, um deren Ausbildungsreife zu fördern.

Das sei einerseits ein Erfolg, schreibt Klemm - er werde allerdings teuer erkauft. Der Experte schätzt die zusätzlichen Kosten auf über 200 Millionen Euro pro Altersjahrgang. "Würden diese Ressourcen im allgemeinbildenden Schulwesen präventiv eingesetzt, könnte vielen Schülern das Erlebnis des Scheiterns und die Vergeudung von Lebenszeit erspart bleiben."

"Das Ausmaß an Chancenungleichheit ist auf Dauer nicht hinnehmbar"

Der Bildungsforscher weist in seiner Studie darauf hin, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern bei den Jugendlichen ohne Abschluss oft nicht den Ergebnissen von Vergleichsstudien zu den Leistungen der Schüler entsprechen. Sprich: Schüler in Mecklenburg-Vorpommern sind zwar leistungsstärker, schaffen im Durchschnitt aber seltener einen Hauptschulabschluss als Gleichaltrige in Hessen.

"Das sich daraus ergebende Ausmaß an Chancenungleichheit ist auf Dauer nicht hinnehmbar", schreibt Klemm in seiner Studie. Daher müssten die Anforderungen für das Erreichen des Hauptschulabschlusses angepasst werden, um Vergleichbarkeit zu erreichen. Klemm stellt zwei Kernforderungen auf, um die Zahl der Jugendlichen ohne Abschluss zu senken:

Realschule

  • Erstens müssten Schulen enger mit Unternehmen kooperieren und sich gegenüber der Arbeitswelt öffnen. Dabei denke er weniger an Betriebspraktika von kurzer Dauer als zum Beispiel an Praxisklassen, die Betriebe als Lernort dauerhaft einbeziehen.
  • Zweitens sieht der Bildungsforscher in einem zweigliedrigen Schulsystem die Zukunft. Um die "hinderlichen Entwicklungsmilieus" aufzubrechen, sollten Länder, die bisher an der Aufteilung in Haupt- und festhalten, neben den Gymnasien eine Schulform schaffen, in der alle Schüler gemeinsam lernen.