Schüler schreiben Kurzgeschichten Poetisches aus Willy-Town

Auch wer nicht perfekt Deutsch kann, hat was zu erzählen - das ist die Idee des Projekts "Schulhausroman". Der Schriftsteller Richard Reich hat Hamburger Achtklässlern Kurzgeschichten entlockt, die in teils derber Sprache Sehnsüchte und Tristesse beschreiben. 

Udo Taubitz

Von Udo Taubitz


Seit rund 150 Jahren steht das Gebäude am Schwanenwik 38, seit rund 30 Jahren beherbergt es das Hamburger Literaturhaus - doch "Schwanzlutscher" hat auf dem Podium des feinen Saales wohl noch nie jemand gesagt. An diesem Nachmittag ist es soweit, auch "Arschloch" und "Wichser" feiern Premiere, als Schüler aus Wilhelmsburg ihre Geschichten vorstellen.

Wilhelmsburg ist ein betongrauer Stadtteil im Süden Hamburgs. Wer hier aufwächst, hat oft wenig Chancen auf Abitur und Karriere. Viele schaffen kaum den Hauptschulabschluss. Und für die meisten Bildungsbürger ist Wilhelmsburg ein fremder Planet. Also kommt der Stadtteil jetzt zu ihnen: Die Schüler der 8c der Wilhelmsburger Gesamtschule haben Kurzgeschichten geschrieben, über ihre Hoffnungen, über ihre Wut. Und heute hauen sie ihre Geschichten den erstaunten Zuhörern im Literaturhaus um die Ohren.

Eigentlich wollten die 17 Schüler einen Roman schreiben, ein richtig dickes Ding. Aber weil sie sich nicht auf eine Geschichte einigen konnten, haben sie sieben Kurzgeschichten geschrieben. Jede steht für sich, aber zusammen bilden sie ein großes Ganzes, ein Kaleidoskop von "Willy-Town", wie die Jugendlichen ihr verrufenes Viertel liebevoll nennen.

Der Schriftsteller war schockiert, wie schlecht Jugendliche zuhörten

Viele von ihnen haben Probleme mit der deutschen Sprache. Aufzuschreiben, was sie bewegt, ist für sie keine Kleinigkeit. Ein Schriftsteller half ihnen dabei: der Schweizer Richard Reich, der das Projekt "Schulhausroman" 2004 anschob. Zuvor hatte er einer Hauptschulklasse vorgelesen und war schockiert, wie unkonzentriert die Jugendlichen waren, wie schlecht sie zuhörten.

Mit seinem Projekt will er Schülern beibringen, sich zu konzentrieren, auf die eigenen Gedanken, auf Worte. Inzwischen arbeiten 20 Schreibtrainer für Reichs Mission, in zwölf Schweizer Kantonen verfassten Schüler bisher über 60 Schulhausromane. Nun kommt das Projekt nach Hamburg.

Für die Autoren ist die Herausforderung riesig. "Sie müssen sich dem härtesten Publikum stellen, das man sich vorstellen kann: zehn bis 20 Jugendliche, für die Schreiben zunächst das letzte ist, was sie wollen", sagt Reich. Das Projekt richtet sich an Schüler, die Hauptschulen besuchen, die Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung haben, deren Wortschatz nicht der größte ist. Die Trainer lassen die Schüler Themen entwickeln und ermutigen sie, sich Geschichten auszudenken und Wörter für ihre Gedanken zu finden.

"Mein Leben ist ein Haufen voller Scherben"

In Wilhelmsburg sind Geschichten entstanden, erzählt in teils derber Sprache, über das Leben von Jugendlichen zwischen Langeweile und Pubertät. "KDS" zum Beispiel handelt von Jugendlichen, die nach der Schule auf der Straße abhängen. "Hallo, du Fettschlampe", begrüßen sie sich, oder: "Hallo, du Hurensohn". Die Mädchen schminken sich, die Jungs trinken und klauen bei Penny. Der Text beschreibt mit wenigen Worten eine Tristesse, welche Stadtplaner, die dem "Multi-Kulti-Stadtteil an der Elbe" eine rosige Zukunft versprechen, als realitätsblind dastehen lässt.

Eine Geschichte bricht das Milieu mit ihrem Plot auf: In "Die verschwundenen Freundinnen" ist die Protagonistin ein Mädchen, das sich mit zu viel Schminke die Haut versaut. Sie prügelt sich oft, ihr Typ ist ein Zuhälter. Aber ihre beste Freundin kommt aus gutem Hause, eine Musterschülerin. Die beiden treffen sich heimlich. Und werden eines Tages entführt. Die Geschichte beleuchtet gegensätzliche Lebensentwürfe und Moralvorstellungen - zum Schluss wendet sich alles zum Guten.

"Two Faces" erzählt von Jack - einem Sunnyboy aus Amerika, immer gut gelaunt. Sogar in Willy-Town scheint ihm alles zuzufliegen. Aber seinem Kumpel gesteht er, dass er sich umbringen will: "Mein Leben ist ein Haufen voller Scherben." Plötzlich ist der coole Jack ganz und gar nicht mehr cool; er schämt sich, vor seinem Kumpel zu weinen - und tut es doch. Eine Geschichte, die auch dem Leser Tränen in die Augen treibt.

Trotz all der Messerstecher, Zuhälter und sonstigen Anti-Helden: Die Schüler drücken in ihren Geschichten vor allem ihre Sehnsucht nach Liebe, Freundschaft und Anerkennung aus. Und sie zeigen, dass sogar der Parkplatz vorm Supermarkt Geborgenheit geben kann. "Ich will dem Rest von Hamburg zeigen, wie es in Wilhelmsburg wirklich ist", sagt etwa Deniel, 14.

Erfolg in einem Bereich, der sonst vermint ist

Er liest zwar nicht gern, aber seine Geschichte sei "ganz schnell" rausgekommen aus ihm. Das Schreiben war für ihn so befreiend, dass er nun sogar davon träumt, Schriftsteller zu werden. Sein Kumpel Bora Cem, 15, will lieber "der erste Türke auf dem Mars" sein. Aber auch ihm hat das Schreiben einen Kick gegeben: "Ich kann auf dem Papier viel über mich sagen. Das ist sonst nicht so leicht."

Auch Gamze, 15, hat Lust auf mehr. Für sie ist das Schreiben eine Möglichkeit, ihre Fantasie auszuleben: "Ich denk mir gerne etwas aus. Ich habe eine Geschichte geschrieben über ein Mädchen, das die Schule hasst, dabei mag ich die Schule."

Die Geschichten der Schüler wurden als Buch gedruckt, man kann man es für fünf Euro im Literaturhaus Hamburg bestellen. Richard Reich, Erfinder des Projekts "Schulhausroman", spricht von "poetischen Kometen". Die Schüler strahlten in einem Bereich, der für sie sonst von Niederlagen und Angst vorm Versagen vermint ist.

Die Kids aus "Willy-Town" waren anfangs von strahlenden Poeten recht weit entfernt. Schreibteams trennten sich im Streit, weil die Vorstellungen zu weit auseinander gingen. Aber es fanden sich neue Gruppen, die harmonischer arbeiteten, wenn auch nicht immer.

Bis kurz vor der Lesung im Literaturhaus haben die Schüler an ihren Texten gefeilt, um einzelne Wörter gefeilscht, sich auch angeschrien. Jetzt sitzen sie stolz auf der Bühne, wo sonst berühmte Literaten aus ihren Werken lesen, und bekommen donnernden Applaus, trotz "Schwanzlutscher" und "Arschloch" - oder auch deswegen.



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Seite 1
diamante 15.11.2010
1. ...
Zitat von sysopAuch wer nicht perfekt Deutsch kann, hat was zu erzählen - das ist die Idee des Projekts "Schulhausroman". Der Schriftsteller Richard Reich hat Hamburger Achtklässlern Kurzgeschichten entlockt, die*in teils derber Sprache*Sehnsüchte*und Tristesse*beschreiben.* http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,726109,00.html
Sind die Freedom Writers also auch schon in Hamburg angekommen... Nur mit dem Unterschied, dass man sich hier die Hilfe von Autoren geholt hat. Täusche ich mich oder sollte das nicht eigentlich die Aufgabe von Lehrern sein, ihren Schülern Lesen und Schreiben beizubringen? Oder sind diese damit dann auch mal wieder überfordert?
tradtke 15.11.2010
2. Frechheit!
Zitat von sysopAuch wer nicht perfekt Deutsch kann, hat was zu erzählen - das ist die Idee des Projekts "Schulhausroman". Der Schriftsteller Richard Reich hat Hamburger Achtklässlern Kurzgeschichten entlockt, die*in teils derber Sprache*Sehnsüchte*und Tristesse*beschreiben.* http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,726109,00.html
An dieser Stelle kann man dann auch mit dem Lesen aufhören. Wer sich den "betongrauen Stadtteil" mal aus sicherer Entfernung ansehen möchte, kann dies gefahrlos auch auf Google-Earth oder Panoramio tun.
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