Schüler-Selbstmorde in Japan "Ich nehme mir das Leben. Tschüs"

Eine Suizidwelle erschüttert Japan: Binnen sechs Tagen nahmen sich vier Schüler und ein Lehrer das Leben. Leistungsdruck und Schikanen an ihrer Schule machen vielen Jugendlichen das Leben zur Hölle. Polizeistreifen und Telefon-Hotlines sollen nun gegen Mobbing helfen.


Noch einen Tag vor seinem Selbstmord hatte sich der 14-jährige Junge an einen Berater seiner Schule gewandt. "Ein Klassenkamerad erpresst mich. Er wollte 500 Yen von mir, obwohl ich mir nichts von ihm geliehen hatte. Als ich mich weigerte, forderte er 20.000 Yen." Umgerechnet sind das 132 Euro - der Schüler aus Tokios Nachbarprovinz Saitama war verzweifelt. Der Lehrer sagte ihm zu, den Erpresser zur Rede zu stellen. Doch bevor es dazu kam, fand seine Mutter den 14-Jährigen erhängt zu Hause in einem Abstellraum.

Japanische Schüler (in Tokio): Mörderischer Druck
REUTERS

Japanische Schüler (in Tokio): Mörderischer Druck

Eine grausige Serie von Selbstmorden unter japanischen Schülern, die Opfer von Schikanen durch Mitschüler wurden, erschüttert Japan. Am Todestag des 14-Jährigen schrieb ein zwei Jahre jüngeres Mädchen auf einen Zettel "Ich nehme mir das Leben. Tschüs" - und sprang aus dem achten Stockwerk eines Gebäudes in Osaka in den Tod. Auch sie soll Opfer von "Ijime", so das japanische Wort für Schikanen, gewesen sein und war offenbar in der Schule wegen ihrer kleinen Körpergröße gehänselt worden, wie die Tageszeitung "Japan Times" berichtet. In den nächsten zwei Tagen erhängte sich ein weiterer 14-Jähriger in der Stadt Nara, eine 17-Jährige sprang aus dem fünften Stockwerk ihrer Schule.

Auch ein Schulleiter nahm sich am letzten Wochenende das Leben – er stand in der Kritik, weil er einige schwere Mobbingfälle an seiner Schule heruntergespielt hatte. "Ihr seid nicht allein. Selbstmord ist keine Lösung!", appellierte daraufhin Japans Erziehungsminister Bunmei Ibuki an die Kinder im ganzen Land. Der Schulleiter habe mit seiner Reaktion ein schlechtes Beispiel gegeben.

"Ijime" ist seit längerem ein ernstes Problem in Japan. Allein in der vergangenen Woche erhielt Japans Bildungsminister Ibuki neun anonyme Briefe mit Selbstmorddrohungen, so die "Japan Times". Die Schreiber berichteten von Schikanen und Mobbing in der Schule. Die Regierung setzte ein Expertengremium ein, um eine neue Kampagne gegen das Selbstmordproblem zu entwickeln. Opfer beklagen, dass frühere Kampagnen der Regierung lediglich dazu führten, dass die Probleme oft verheimlicht würden - auch um das Ansehen der Schule nicht zu beschädigen. Die offiziellen Statistiken über Schikanen an Schulen spiegelten die Realität nicht wider.

Kinder und Jugendliche unter hohem Stress

Nun will die Regierung in neuen Erhebungen das ganze Ausmaß der Probleme erfassen. An den Schulen werden Beratungskräfte eingesetzt, Telefon-Hotlines wenden sich an Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Allein in Tokio gingen bei einem Telefon-Hilfsdienst in nur einer Woche 27.000 Anrufe ein - die überforderten Mitarbeiter konnten nur mit einem Bruchteil der Anrufer sprechen. Japans Zeitungen berichten fast täglich über die "Ijime"-Problematik und drucken Beiträge, in denen Prominente oder Psychologen junge Leser ermutigen, ihr Leben zu schätzen und nicht einfach wegzuwerfen. So sollen Jugendliche merken, dass andere Menschen sich um sie sorgen. In Tokio setzen einzelne Polizeiwachen Streifen um Schulen ein, um Anzeichen von Schikanen auszumachen.

"Japanische Kinder sind heutzutage hohem Stress ausgesetzt", sagte Aiko Shibata, Gründerin eines unabhängigen Kindergartens in Yokohama. Viele Eltern erzögen ihre Kinder schon von früh an dazu, "gute Kinder" in den Augen der Erwachsenen zu werden. Die Kinder versuchten ständig, sich dem Idealbild ihrer Eltern anzupassen. Es sei ein großer Stress für die Kinder, dass sie nicht akzeptiert würden, wie sie seien, sagte die Pädagogin im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Viele Kinder litten heutzutage darunter, dass sie sich selbst nicht mögen. "Wenn man unzufrieden mit sich selbst ist, richtet man den Stress gegen die Schwächeren", erklärte Shibata.

Meist sind es verbale Formen der Aggression, schwere Gewalt tritt selten auf. Bereits Mitte der achtziger Jahre hatte eine Zunahme von Selbstmorden, bei denen Schüler in Abschiedsbriefen oder Tagebüchern auf erlittene Schikanen hinwiesen, eine öffentliche Diskussion ausgelöst. Auch als Symptom eines "überheizten Prüfungswettbewerbs" wird das Problem ausgelegt: Der Bildungsweg hängt in Japan von nur zwei entscheidenden Prüfungen ab. Fehlschläge dabei sind später im Leben kaum noch zu korrigieren.

Auch in Deutschland kommen Schikanen in jeder Schulklasse vor, allenfalls das "Ausschließen aus der Gruppe" scheint in Japan häufiger praktiziert zu werden. Vergleichenden Studien zufolge sind in Japan vermutlich sogar weniger Kinder von hartnäckiger Schikane betroffen als anderswo. In Deutschland gibt es nach einer neuen Studie in jeder Schulklasse ein bis zwei Mobbing-Opfer. Im Durchschnitt sei jeder siebte Schüler als Opfer oder Täter in ein Mobbingproblem verwickelt, heißt es in einer Untersuchung.

cpa/dpa

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