Schüler verweigert Handschlag Liebe Lehrer, bleibt gelassen

Ein Schüler wollte seiner Lehrerin nicht die Hand schütteln - aus religiösen Gründen. Die Schulleiterin akzeptierte das. Dafür muss sie nun viel Kritik einstecken. Dabei hat sie vieles richtig gemacht.

Kurt-Tucholsky-Schule in Hamburg-Altona: Eklat wegen Handschlag
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Kurt-Tucholsky-Schule in Hamburg-Altona: Eklat wegen Handschlag

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Andrea Lüdtke leitet eine Schule in Hamburg, an der ein muslimischer Abiturient seiner Lehrerin nicht die Hand geben wollte. Aus religiösen Gründen. Die Lehrerin hatte ihm nach der mündlichen Prüfung gratulieren wollen. Der Schüler kündigte an, bei der Abifeier auch Rektorin Lüdtke nicht die Hand schütteln zu wollen. Na ja, wahrscheinlich nicht. Er sei sich noch nicht sicher.

Die zierliche Schulleiterin ließ sich nicht provozieren. Sie suchte das Gespräch. Der Schüler sagte, er wolle nicht respektlos sein, niemanden beleidigen. Es sei halt die Religion. Lüdtke entschied, ihn nicht von der Abifeier auszuschließen. Sie wollte die Entscheidung des Schülers akzeptieren.

Das ist enorm. Denn wenn es darum geht, wer wem nicht die Hand geben will, regen sich derzeit zu viele Menschen zu schnell auf. Dann geht es gleich um "Werte" und um "uns" und "die anderen". Dann fallen Sätze wie: "Wer hier leben will, soll sich gefälligst anpassen". Dann geht es stets auch darum, ob der Islam zu Deutschland gehört, ob er überhaupt dazugehören kann und darf.

Es gibt verschiedene Meinungen dazu, ob strenggläubige Muslime allen Frauen die Hand schütteln dürfen. Vielleicht ging es hier aber gar nicht um den Islam. Vielleicht wollte ein Jugendlicher nur anecken und auffallen, wie das Jugendliche gelegentlich wollen. Und mit kaum einer anderen Geste sorgt man derzeit so leicht für Wirbel wie mit einem verweigerten Handschlag.

Lehrer wissen, wie man mit solchen und anderen Tabubrüchen umgeht. Sie kennen ihre Schüler. Sie wissen, bestenfalls, welche Strenge brauchen und welche ein offenes Ohr. Sie sollten Aufmüpfigkeiten durchschauen und verstehen, woher sie kommen und was sie sollen.

Lehrer müssen nicht alles durchgehen lassen

Rektorin Lüdtke hat das versucht. Sie hat ihren muslimischen Schüler ernst genommen. Sie hat nicht versucht, ihn zu verbiegen, damit er in ein vermeintlich deutsches Raster von Gepflogenheiten passt. Sie hat verstanden, dass Respekt nicht an einen Handschlag gekoppelt ist und dass nicht jeder zum frauenfeindlichen Extremisten wird, der sich mit einem Handschlag schwertut. In Japan verbeugt man sich voreinander. Das funktioniert auch.

Für ihre Entscheidung muss Lüdtke nun viel Kritik einstecken. Sieben von dreizehn Lehrern aus dem Abiturjahrgang boykottierten die Abifeier am Donnerstagabend aus Protest. Das kann man machen. Mal ein Zeichen setzen und so. Doch es straft auch die Schüler, die sich gefreut hätten, mit allen Lehrern das bestandene Abitur zu feiern. Und wem hilft es?

Lüdtke kam mit ihrer Art offenbar weiter. Der betreffende Schüler habe ihr bei der Feier doch noch die Hand gereicht, sagte sie dem "Hamburger Abendblatt".

Das heißt nicht, dass Pädagogen alles durchgehen lassen sollten. Mancher Tabubruch geht zu weit. Aber welcher das ist, das können Lehrer meistens gut selbst beurteilen. Deshalb brauchen wir auch keine Regeln, die für alle Schulen und für alle Schüler gelten. Was wir brauchen, ist die Bereitschaft zuzuhören und zu verstehen.

Egal ob sich ein Lehrer dann für Milde oder Strenge entscheidet: Wenn er sich vorher mit seinen Schülern auseinandergesetzt hat, sollten wir es unterlassen, ihn dafür anzufeinden und niederzumachen. Auch das ist ein Zeichen von Respekt.

insgesamt 163 Beiträge
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Seite 1
brille000 12.07.2016
1. Viel Lärm um Nichts
Was soll das ganze Getue? Das Reichen der Hand hat immerhin etwas Körperliches und es sollte jedem Menschen gestattet sein, aus welchen Gründen auch immer, dies zu "verweigern". Auch die Gründe dafür gehen niemanden etwas an. Ob nun religös oder weil ich mein Gegenüber nicht mag oder aus Angst mich schmutzig zu machen oder anzustecken ... alles Banane.
bongt 12.07.2016
2.
Irgendwann kommt der Zeitpunk an dem darüber diskutiert wird ob überhaupt eine Frau Lehrerin für muslimische Jungen sein darf.
dliblegeips 12.07.2016
3.
Zwischen Multikulti und Parallelgesellschaften befindet sich nur ein schmaler Grat. Die Schule hat auch in der heutigen Zeit die Aufgabe die Schüler zu integrieren. Der Handschlag gehört nun mal zu unserer Kultur. Man tut dem jungen Mann keinen Gefallen wenn man ihm alles durchgehen lässt. Zudem solches Verhalten ja auch oft von aussen aufoktroyiert wird. (Wurde es zumindest im Fall der Schweizer Jungsalafisten) Die Mehrheit der Lehrer hat sich absolut korrekt Verhalten.
Realist111 12.07.2016
4. ???
"Lehrer wissen, wie man mit solchen und anderen Tabubrüchen umgeht. Sie kennen ihre Schüler. Sie wissen, bestenfalls, welche Strenge brauchen und welche ein offenes Ohr." Was wollen Sie uns denn nun sagen, Frau Klovert? Wer hat denn nun vieles richtig gemacht? Welche/r der Beteiligten wusste denn nun, wie man mit solchen Tabubrüchen am besten umgeht? Wobei: Das Foto neben "Heike Klovert" mit der Unterschrift "Jeannette Corbeau" irritiert mich auch etwas ...
inmyopinion61 12.07.2016
5. Kundgabe der Miss- und Nichtachtung.
Auch die migrations-/religiösbedingte Verweigerung eines Handschlags unter bestimmten Umständen kann als strafbewehrte Kundgabe der Miss-/Nichtachtung gem. Paragraf 185 StGB gewertet werden. Gelassenheit ist keine Einbahnstraße. Zur Integration gehört m.M. auch ein Handschlag mit einer Frau. Wenn das nicht geht, geht gar nichts.
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