Große Schüler-Befragung Hitler oder Honecker? Mir doch egal!

War der Nationalsozialismus eine Demokratie oder eine Diktatur? Und was ist mit der DDR? Eine Studie zeigt, dass viele Schüler erschreckend wenig über die deutsche Geschichte wissen. Die Forscher warnen: Deutschlands Jugend braucht dringend mehr Aufklärung.
Militärparade in Ost-Berlin (1989): Die DDR war keine Diktatur, glauben viele Jugendliche

Militärparade in Ost-Berlin (1989): Die DDR war keine Diktatur, glauben viele Jugendliche

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Viele Jugendliche in Deutschland haben Schwierigkeiten, den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur zu erkennen. Dies zeigt eine groß angelegte Studie des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, die an diesem Mittwoch veröffentlicht wurde. Demnach sind das Geschichtsbild und das zeitgeschichtliche Bewusstsein von Schülern teilweise erschreckend. Die Autoren haben ihre Ergebnisse denn auch mit einem drastischen Titel überschrieben: "Später Sieg der Diktaturen?"

Nur knapp jeder zweite befragte Schüler hat laut der Studie keinen Zweifel am Diktaturcharakter des Nationalsozialismus. Jeder dritte glaubt, die Regierung der DDR sei durch demokratische Wahlen legitimiert gewesen. Viele Jugendliche sind sich sogar unsicher, wie die beiden Systeme überhaupt einzuordnen sind - oder bewerten sie ausdrücklich nicht als Diktatur. Ursache dieser Fehleinschätzungen ist nach Meinung der Forscher um den Politikwissenschaftler Klaus Schroeder das geringe politische und historische Wissen der Schüler.

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Studie zum Geschichtwissen: Don't know much about history

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Im Auftrag der Bundesregierung und mit Unterstützung der Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben die Forscher rund 7000 Neunt- und Zehntklässler aller Schultypen zur jüngeren deutschen Geschichte befragt. Bei der Untersuchung wurden das Systemverständnis und der Wissensstand der jeweiligen Abschlussklassen zum Nationalsozialismus, zur DDR sowie zur Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung überprüft.

Wer hat hier gewählt?

"Noch auffälliger, um nicht zu sagen erschreckender, sind die Ergebnisse für die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung", heißt es in der Zusammenfassung der Studie. Demnach glaubt nur gut die Hälfte der Befragten, dass die Bundesrepublik durch demokratische Wahlen legitimiert ist.

Positiv formuliert ist das zentrale Ergebnis: Je mehr die Jugendlichen über die vier Systeme wissen, desto besser können sie die historischen Ereignisse einordnen. Dabei spielen unterschiedliche Schularten oder die Herkunft der Schüler zunächst eine untergeordnete Rolle. Trotzdem sind fundierte historische Kenntnisse nicht bei allen vorhanden.

Beim allgemeinen Geschichtsbild der Schüler sieht es etwas besser aus. Immerhin werden NS-Zeit und DDR deutlich schlechter bewertet als die Bundesrepublik. Jeder vierte Schüler aber hat ein neutrales Bild vom Nationalsozialismus - angesichts der Verbrechen 1933 bis 1945 ein besorgniserregender Befund.

Überraschend für die Experten: Gerade Migrantenkinder beurteilen die NS-Diktatur deutlich besser als ihre Altersgenossen. Ein Grund könnte sein: Jugendliche mit mindestens einem ausländischen Elternteil wissen der Studie zufolge deutlich weniger über die deutsche Geschichte. Im Durchschnitt wissen Schüler aus Thüringen am meisten über die vier Systeme und Schüler aus Nordrhein-Westfalen am wenigsten.

"Gedenkstättenhopping" fördert Kopfsalat

Interessant ist der Einfluss von Gedenkstättenbesuchen auf die jungen Menschen. Der Studie zufolge führt ein "Gedenkstättenhopping" auf Klassenfahrten oder an Wandertagen zu einem "Durcheinander im Kopf". Ein großes Problem seien die fehlenden historischen Grundlagen. Oft würden die Themen, die den historischen Kontext der Gedenkstätten erläutern, erst Monate nach einer Besichtigung im Unterricht behandelt. Dies führe dazu, dass Schüler einen Besuch im Stasi-Museum oder an einem Denkmal für die ermordeten Juden Europas eher als Informationsballast statt als Lerneffekt wahrnehmen.

Aber, das zeigt die Studie auch, es gibt Ausnahmen: Besonders Hauptschüler profitieren von dem Besuch einer Gedenkstätte. Hier gewannen die Experten den Eindruck, dass diese Klassen intensiv auf das jeweilige Thema vorbereitet wurden und im Vergleich zu gleichaltrigen Schülern über ein hohes historisches Wissen verfügen.

Persönliche Werte erkennen

Bei einer intensiveren Befragung von ausgewählten Klassen wurde für die Forscher außerdem deutlich, dass die Schüler eindeutig eine liberale Staatsform bevorzugen. Individuelle Freiheit ist für die Jugendlichen eindeutig am Wichtigsten und wird ebenfalls als beste Form für alle anderen Menschen gesehen.

Einziger Haken: Diese Erkenntnis fanden die Forscher nicht in der Beurteilung der Jugendlichen über die realen Systeme wieder. Damit zeigt sich laut Studie, "dass die Schüler nicht einmal in der Lage sind, die von ihnen persönlich für wichtig gehaltenen Werte oder deren Gefährdung in der Realität zu erkennen".

Als Fazit fordern die Forscher eine konsequentere Lehre der freiheitlich-demokratischen Grundordnung an deutschen Schulen. Grundlegende historische Kenntnisse seien unverzichtbar, sonst würden sich lediglich Vorurteile und Klischees verbreiten.

Im Jahr 2007 hatten die Wissenschaftler der FU Berlin schon einmal das DDR-Bild von Schülern untersucht. Das Resultat war ähnlich verheerend: Damals hielten die Jugendlichen die DDR für eine Art Fabelland, in dem die SED-Diktatur als Paradies für Umwelt und Kinder umgedeutet wurde. Die Nachfolgestudie belegt nun erneut, dass Geschichtsunterricht mehr leisten muss, "als nur Fakten aneinander zu reihen oder die 'richtige Gesinnung' zu vermitteln", schreiben die Forscher.

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