Lea zurück in Deutschland "Ich vermisse China schrecklich"

Irgendwie ist jetzt alles so anders: Sie muss sich im Auto anschnallen, sie sieht blauen Himmel, sie kann wieder anziehen, was sie will. Ein Jahr ging Austauschschülerin Lea Kiehne, 16, in Tangshan zur Schule. Jetzt ist sie zurück und hat Heimweh - nach China.

Lea Kiehne

Seit einiger Zeit bin ich zurück in Deutschland. Ich freue mich natürlich, Freunde und Familie wiederzusehen, über das letzte Jahr zu sprechen, durch Hamburg zu spazieren, endlich wieder blauen Himmel zu sehen. Und trotzdem: Ich vermisse China schrecklich!

Meine letzten Wochen in Tangshan waren einfach super. Es war sommerlich warm, nein, eigentlich echt heiß. Ich musste nicht bis ganz zum Schluss zur Schule gehen: Etwa drei Wochen vor meiner Abreise bekam ich "Vorbereitungszeit". Einen Teil der Fächer hatten wir nicht mit den chinesischen Schülern zusammen. Und nachdem die anderen drei Austauschschüler meiner Schule und ich unseren Chinesischtest geschrieben und auch bestanden haben, unterrichteten die Lehrer sowieso eher locker.

Für den letzten Tag bereiteten wir Austauschschüler eine Show vor, der Schulleiter war eingeladen, unser Lehrer sowie Gastfamilien. Wir hielten Reden, sangen, malten Kalligrafie und spielten Hulusi, eine chinesische Flöte. Kung Fu durfte natürlich auch nicht fehlen, wir sollten alles präsentieren, was wir über das Jahr gelernt haben. Drei Stunden hat die Show insgesamt gedauert. Fast hätten unsere Gastgeschwister nicht teilnehmen dürfen; denn eigentlich dürfen sie keinen Unterricht verpassen. Obwohl ich ziemlich aufgeregt war, wurde die Show am Ende entspannt und lustig.

"Hast du auch Hund gegessen?"

Einen Tag vor unserem Rückflug brachte unsere Lehrerin alle Austauschschüler unserer Stadt nach Peking zu einem letzten Treffen der Austauschorganisation. Alle Gasteltern und Geschwister waren gekommen, um uns zu verabschieden. Von Freunden und Mitschülern hatte ich mich zum Glück schon vorher verabschiedet, sonst wäre es zu viel auf einmal gewesen. Wir umarmten uns, versprachen, uns unbedingt ganz schnell und gegenseitig zu besuchen, verteilten Geschenke.

Schon da habe ich gemerkt, wie sehr mir diese wunderbaren Menschen fehlen werden, die mir das ganze Jahr über zur Seite gestanden haben. Damit meine ich nicht nur die Gastfamilie, die mir immer geholfen hat, wenn ich etwas nicht verstanden habe oder Heimweh hatte, sondern auch die anderen Austauschschüler und natürlich meine chinesischen Freunde!

"Kannst du jetzt Chinesisch?"

"Hast du auch Hund gegessen?"

"Sehen die Chinesen ehrlich alle gleich aus?"

Diese Fragen habe ich zurück in Deutschland am häufigsten gehört.

Ja, ich kann Chinesisch. Zwar kein Fachvokabular, aber normale Unterhaltungen sind kein Problem.

Einen Hund habe ich nicht gegessen. Aber ein Freund erzählte mir, dass seine Oma manchmal Hund kocht. Auch Frühlingsrollen habe ich das ganze Jahr nicht gegessen. Dafür habe ich Esel probiert (Echt lecker!).

Niemand sieht gleich aus. Sogar in der Schuluniform (und die tragen über 4000 Schüler) konnte ich alle jene problemlos voneinander unterscheiden, die ich schon kennengelernt hatte. Die gängigen Vorurteile kann ich also nicht bestätigen.

Heimweh nach China

Um ehrlich zu sein: Vor meiner Abreise war ich manchmal etwas verunsichert. Zehn Monate sollte ich am anderen Ende der Welt verbringen - das hat mir echt Respekt eingeflößt. Jetzt weiß ich, dass sich jeder einzelne Tag gelohnt hat. Ich habe unglaublich viel erlebt und gelernt. Am liebsten wäre ich noch ein Jahr geblieben.

In Deutschland hat sich natürlich auch viel verändert, darüber habe ich vorher gar nicht nachgedacht. Natürlich wird das Leben nicht angehalten, damit es, wenn ich zurück bin, genauso weitergeht wie vorher. So gibt es für mich jetzt viel zu entdecken - und neu zu lernen. So vergesse ich dauernd, mich im Auto anzuschnallen. In China tut das niemand.

Was auch ungewohnt ist: Wenn ich jetzt sagte, ich habe Heimweh, dann meine ich mein chinesisches Zuhause.

Lea Kiehne hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.


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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
mrs.sophie 23.09.2013
1. Heimweh nach China -
- das kann ich gut verstehen. Ich war nur 3 Wochen da, in Beijing, und es vergeht kaum an Tag, an dem ich nicht an Beijing denke. Ich möchte auch so gern zurück!
clear_conscience 23.09.2013
2. Gymnasiastin und die Rechtschreibung
Ich glaube nicht, daß man durch einen Chinaaufenthalt die deutsche Rechtschreibung verlernt. Aber selbst wenn es so wäre - warum kann nicht jemand vom Spiegel Korrektur lesen, bevor so ein Text online geht? Ich habe schon beim oberflächlichen Lesen des Textes 3 Rechtschreibfehler entdeckt, wie zum Beispiel überzählige Wörter. ("Die gängigen Vorurteile kann ich also kaum NICHT bestätigen.") Das ist grauenvoll - ist das von der Facebookseite kopiert? Ich verzichte dankend.
gruenertee 23.09.2013
3.
Wenn man eine Weile in China gelebt hat, kommen einem die kleinsten Sachen wunderlich vor. Als ich nach der Landung in Frankfurt 2,50EUR und 1,50EUR für ein Brötchen und Eistee bezahlt hatte. Ca. 35 Yuan, hatte ich mich richtig vom Verkäufer verarscht gefühlt :D Oder dass man darauf vertrauen kann, dass man bei grün über eine Ampel gehen kann oder dass der Himmel schön blau ist und man Sterne sehen kann. Eine gute chinesische Nudelsuppe vermisse ich, kostete 6 Yuan, machte satt und war super lecker.
okan 23.09.2013
4. Ach das war schön...
in Nanjing. Ich war 2002 an der NanDa...Land und Leute, ich denke immer wieder an meine tolle Zeit dort...
MartinB. 23.09.2013
5.
Mir wäre ziemlich egal, ob "man" sich in anderen Ländern anschnallt oder nicht. Sich nicht anschnallen ist einfach nur dämlich...
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