Austausch-Log USA Ein bisschen Glitzer-Glitzer

Oh, it's America! Die volle Ami-Dröhnung gibt sich Alina, 16, zum Finale ihres Austauschjahrs: Sie feiert Prom, den Abschlussball, schmeißt Poolpartys und feuert ihre Cousins beim Baseball an. Dabei stellt sie fest: Mein Leben ist wie ein Countrysong.

Alina Buxmann

"There's no place else I'd rather build my life. … Oh, it's America."

Countrysänger Rodney Atkins aus Tennessee singt eine Liebeshymne an sein Land. Jeden Morgen erheben sich meine Mitschüler von ihren Plätzen und sprechen mit Blick auf die amerikanische Flagge einen Treueschwur an ihre Nation - ein Überbleibsel aus dem Kalten Krieg. Die meisten Einwohner Union Citys haben die Vereinigten Staaten nie verlassen. Urlaub machen viele aus den nordöstlichen Staaten in Florida - so auch meine Gastfamilie. Diejenigen, die die Welt sahen, sagen, sie würden ihr Land nach ihrer Rückkehr noch mehr wertschätzen. Die USA sind mit ihren 9.826.675 Quadratkilometern Fläche nicht viel kleiner als Europa, erscheinen jedoch so viel einheitlicher.

Die Prom-Nacht, Höhepunkt eines Schülerlebens

"It's a high school prom, it's a Springsteen song, it's a ride in a Chevrolet. ... Oh, it's America."

Wenn in Deutschland jemand fragt, wie Amerika so sei, dann könnten viele von uns Austauschschülern einfach das Lied "It's America" abspielen. Im Mai und April zeigte Facebook mir vor allem eins: Fotos von Mit- und Austauschschülern in Anzügen und langen Ballkleidern. Prom-Nacht, der Schulball einer jeden Highschool, ist für viele Elft- und Zwölftklässler der Höhepunkt des Schuljahres. Auch ich kaufte mir ein glitzerndes Kleid, um mit meinen Freunden auf der Tanzfläche zu glänzen.

Anschließend fand an meiner Schule ein After-Prom statt, mit Bullenreiten, schuleigenem Pool, Kinofilmen, kostenlosem Essen und einer Lotterie. Der After-Prom wird traditionellerweise in Jogginghosen oder Leggings besucht und endet um 5 Uhr morgens. Laptops, Fernsehbildschirme und Ähnliches werden erst kurz vor Schluss verlost, um zu verhindern, dass wir Highschool-Kids in dieser Nacht Partys besuchen, auf denen Alkohol getrunken wird.

Darf's noch etwas mehr Amerika sein?

Sein Ende fand das Schuljahr Anfang Juni mit der Abschlussfeier der Seniors. In amerikanischen Highschools werden Schüler für die verschiedensten akademischen, sportlichen, künstlerischen und gemeinnützigen Leistungen ausgezeichnet. Die zehn Elftklässler mit dem besten Notendurchschnitt dürfen als Helfer an der Abschlussfeier teilnehmen - ich war eine davon.

Also konnte ich meinen Freunden dabei zuschauen, wie sie in grünen und weißen Abschlussroben über eine Bühne schritten, um offiziell dem Ernst des Lebens zu begegnen. Denn die meisten von ihnen werden trotz Stipendien fünf- bis sechsstellige Dollarbeträge für eine Collegeausbildung bezahlen. Denjenigen, die zum Militär gehen (das sind in diesem Jahrgang 11 von 75) werden die Kosten fürs College größtenteils erstattet.

Viele Highschool-Kids werden in ihrer dreimonatigen Sommerpause arbeiten, um zum Beispiel ihr eigenes Auto zu finanzieren. Denn ihren Führerschein machen die meisten hier schon mit 16. Ein öffentliches Verkehrsnetz existiert auf dem Land quasi nicht. Dass ich die zwei Kilometer bis zum Supermarkt gern mal zu Fuß gehe, finden meine Freunde komisch. Allerdings wird es hierzulande hochgeschätzt, Sport zu machen oder wenigstens zu schauen. An jedem Spielfeld oder Stadion weht natürlich die amerikanische Flagge.

In wenigen Wochen muss ich Abschied nehmen von den stets freundlichen Amerikanern und meiner neuen kleinen hügeligen Heimat. Bis dahin werde ich meinen Gastcousins beim Baseballspielen zuschauen, am Strand des Eriesees abhängen, Poolpartys in unserem amerikanischen Garten geben und an dem ein oder anderen Parkplatz in Union City vorbeijoggen, an dem kirchliche Jugendgruppen Autowäschen anbieten.

It's America.

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