Schülerband bei Rock am Ring Mustard Tubes genießen 20 Minuten Rockstar-Ruhm

Die Sonne brennt, Verstärker pfeifen, die Leute singen deinen Song: Für die Mustard Tubes, Deutschlands beste Schülerband, wurde bei Rock am Ring ein Musikertraum wahr. Die vier Jungs aus Bayern spielten ihren kurzen Gig auf einer riesigen Festival-Bühne - und haben jetzt neue Freunde.

Kathrin Fromm

Vom Nürburgring berichtet


"Geht's euch gut?", brüllt Sänger Daniel Mügge ins Mikro. Fast klingt er dabei wie einer der Stars auf der Hauptbühne.

Nur stehen am Freitagnachmittag vor der Clubstage, der kleinsten der drei Bühnen bei Rock am Ring, bei der ersten Band des Tages noch nicht sehr viele Zuschauer. Immerhin antwortet die größer werdende Menge, so laut sie kann, mit "Jaaaa". Aus mageren drei Reihen sind nach zwei Songs schon einige hundert Zuhörer geworden. Sie schwenken ihre Arme, klatschen und singen sogar den Refrain von "C'Mon" mit.

Die Indie-Musik der vier Jungs, die mehr britisch als bayerisch klingt, geht den Zuhörern in Ohr und Beine. Franz Mangs drischt auf sein Schlagzeug ein, Tobias Rachl zupft am Bass. Emanuel Walter an der Gitarre läuft ein paar Schritte auf Daniel zu, die beiden nicken sich zu. Die gerade mal 17 und 18 Jahre alten Jungs geben alles - und dürfen sich für 20 Minuten wie Rockstars fühlen.

Dabei hat der Tag im Zelt ganz unglamourös begonnen. Noch vor 13 Uhr, mehr als zwei Stunden vor dem Auftritt, mussten die Mustard Tubes das erste Mal auf die Bühne, Instrumente aufbauen. Die offiziellen Roadies helfen ein bisschen mit. Tobias drückt ein paar Knöpfe am Verstärker. Franz schraubt ein Becken am Schlagzeug fest und beginnt dann mit ausgestrecktem Zeigefinger lautlos in die Luft zu klopfen.

Harte Schule der Staranwärter

Weil sie heute die erste Band sind, pappen sie schon jetzt die Setlist auf den Boden. Fünf Titel, für mehr reicht die Zeit nicht - "Das haben wir extra vorher gestoppt."

Es ist nur die Nebenbühne, aber auch die wirkt gigantisch. Die Asphaltfläche vor der Bühne liegt schwarz und menschenleer in der Mittagssonne, am Bungee-Kran hängt das Gummiseil schlaff herab. Daniel steht am Bühnenrand und blickt knapp zwei Meter in die Tiefe, als stünde er zum ersten Mal im Freibad auf dem Sprungturm. Schüchtern sieht er sich den Bühnengraben an, verschwunden ist sein freches Grinsen.

Vielleicht gehen ihm in diesem Moment die Dimensionen von Rock am Ring durch den Kopf. 85.000 Besucher sollen an diesem Wochenende kommen, wie eigentlich immer ist das größte Festival Deutschlands ausverkauft. Headliner sind die schwarzweiß geschminkten Rock-Opas von Kiss. Außerdem spielen Rage Against the Machine und Rammstein - Bands, die gegründet wurden, als Daniel, Emanuel, Tobias und Franz noch in der Sandkiste herumstocherten. Seit gut drei Jahren spielen die Jungs aus dem bayerischen Traunstein zusammen.

Als das Band-Banner der Mustard Tubes über ihren Köpfen hängt, beginnt der Soundcheck. Unermüdlich schlägt Franz auf eine Trommel nach der anderen, bis der Mann am Mischpult mit dem Kaugummi im Mund ruft: "So können wir's lassen." Bass und Gitarre sind schneller durch, dann noch der Gesang und ein Lied am Stück.

Badewannen-Tipp vom tätowierten Rock-Veteran

Inzwischen dürfen auch die Besucher aufs Gelände. Einzelne kommen, angelockt von den Soundcheck-Tönen. Sie klatschen. "Kommt um 15 Uhr wieder", ruft ihnen Daniel zu. Die Jungs haben noch mehr als eine Stunde Zeit und laufen zum Backstage-Bereich. "Legt euch am besten noch in die Badewanne", empfiehlt ihnen ein bärtiger Bühnenveteran im speckigen T-Shirt und mit tätowiertem Arm.

Daniel wechselt schnell noch die Klamotten, die drei anderen Jungs essen Hähnchen. "Vorhin ist da Jan Delay gesessen", sagt Emanuel und deutet in das Zelt mit dem Buffet. "Auch einer von den Sportfreunden ist schon vorbeigelaufen."

Dass sie jetzt zwischen all den Stars sitzen, finden die Vier irgendwie seltsam. Schlagzeuger Franz sagt trotzdem: "Aufgeregt bin ich nicht, das ist schließlich unser Preis." Die Nachwuchsrocker haben ihren Auftritt beim Schülerwettbewerb Schooljam gewonnen. Franz' Augen schützt seine Sonnenbrille, kurz blitzt beim Sprechen seine Zahnspange auf.

Er tippt voll Stolz auf seinen blauen Backstage-Ausweis, der ihm wie eine Medaille um den Hals baumelt und ihm für diesen Tag Zugang verschafft, zur Welt der Großen im Musikergeschäft. Dann räumt er seinen Hähnchenteller selbst weg.

"Mal sehen, ich rechne nicht mit 3000 Leuten"

Daniel telefoniert noch kurz mit seiner Freundin. "Mal sehen, ich rechne nicht mit 3000 Leuten", sagt er und lacht. Schließlich müssen sich die Jungs ihr Publikum erspielen, nur zwei Freunde sind mitgereist. Sieben Stunden Anfahrt aus dem östlichen Oberbayern war den meisten einfach zu weit. Auf weniger als der halben Strecke zum Nürburgring liegt Nürnberg, wo das Schwesterfestival von Rock am Ring steigt. Bei Rock im Park treten die gleichen Bands auf wie an der Rennstrecke in Rheinland-Pfalz - nur eben keine Mustard Tubes.

Ein halbe Stunde vor dem Auftritt werden die vier in ihrer Garderobe zur Bühne abgeholt. Vorneweg geht ein Mann mit Walkie-Talkie, die Vier schreiten in Formation hinterher, wie ein Rudel Boxer auf dem Weg zum Ring.

Im Kriechgang bewegt sich der Minutenzeiger der großen Uhr hinter der Bühne in Richtung 12. Noch vier Minuten. Die Anspannung steigt. Die Bandmitglieder stehen hinter der Bühne im Kreis. Wie Mannschaftssportler streckt jeder einen Arm zur Mitte, sie legen die Hände aufeinander und schauen sich an. Mit Gebrüll heben sie die Arme.

"Jungs, seid ihr bereit? Auf geht's", sagt der Stage-Manager. Es klingt wie ein Befehl, dann schiebt er die Vier auf die Bühne. Ganz vorn stehen die beiden Freunde im Band-T-Shirt. Zwei Mädchen heben ein Plakat mit der Aufschrift "Viele Grüße von No Problem aus Löffingen", einer anderen Band beim Schooljam-Wettbewerb.

Heute Riesenbühne - morgen wieder Stadtfest und Jugendclub

Fünf Lieder und 20 Minuten vergehen schnell - doch nach ihrem Kurzauftritt können die Vier von Mustard Tubes ihr Glück gar nicht recht fassen. Franz drückt das verschwitzte Gesicht in ein Handtuch, Emanuel ist baff: "Wahnsinn, richtig Festival-Stimmung, die Leute sind voll mitgegangen", sprudelt es aus ihm heraus, während er ein Kabel aufrollt. "Das mag ich wieder machen", sagt Daniel nur und grinst.

Lautsprecher, Gitarren und all das andere Gepäck werden in seinem Kombi verstaut. Der Sänger fährt das Auto weg, die anderen üben sich in Manöverkritik. "Hat Daniel da etwa den Text nicht richtig gesungen?", fragt Emanuel. "Ich weiß nicht. Ich habe nur einen Ton versemmelt", sagt Tobias.

Und jetzt? "Erst mal eine kurze Hose anziehen", sagt Tobias und zupft an seiner Jeans. Dann gucken, welche Bands gleich noch spielen. "Kasabian auf jeden Fall, und vielleicht reicht's noch für Slash", sagt Franz, über den Bandplan gebeugt.

Am Montag steht wieder Schule an. Und die nächsten Auftritte der Mustard Tubes haben sicher nicht mehr den Rock-Glamour eines monströsen Festivals. Die klingen fürs Erste wieder nach Stadtfest, Jugendclub und Feier beim örtlichen Fußballverein.



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