Schülerdrill in Japan Wer siegen will, braucht "Gokaku Soba"

Die japanische Gemeinde Natasho verschickt ins ganze Land "Prüfungsbesteh-Nudeln". Im Frühjahr ist die stärkende Speise besonders gefragt: Ehrgeizig und mitunter unbarmherzig päppeln Mütter Japans Kids für die alljährliche Prüfungshölle - die harte Auslese an Oberschulen und Unis.

Jeder Nudel-Packung "Gokaku Soba" aus Natasho liegt ein Stirnband mit dem Sonnenbanner bei, wie Nippons Soldaten es sich einst im Zweiten Weltkrieg umbanden. Es trägt die Aufschrift: "Sicherer Sieg". Denn von der Aufnahme in die richtige Oberschule oder die richtige Universität hängt für den japanischen Nachwuchs die Zukunft ab: Wer es etwa in die Spitzen-Universität Tokio (Todai) oder eine andere Elite-Hochschule schafft, hat fast automatisch eine glänzende Karriere beim Staat oder in der Wirtschaft sicher.

Mit allen Tricks wappnen sich Japans Prüflinge für die harte Auslese. An den Shinto-Schreinen boomt der Handel mit Glücksbringern für den Sieg. Mit dem Hinweis, dass es sich bei den Prüfungen um einen harten "Kampf" handele, wirbt auch Nippons großes Reisbüro JTB: In einem 50-seitigen Spezialkatalog listet es für Kandidaten angeblich besonders geeignete Hotels in der Nähe von Unis auf.

Ryutaro Ohashi, 17, Oberschüler aus Yokohama, hat noch ein Jahr Zeit bis zur Uni-Aufnahmeprüfung. Er träumt von einem Studienplatz für Jura. Um sich die nötigen Fakten und die Prüfungstechnik anzueignen, will er sich bald an einer der rund 49.000 privaten Paukschulen (Juku), die es im ganzen Land gibt, einschreiben. Ohashi weiß, was ihn erwartet. Denn schon für die Zulassung zur Oberschule paukte er wie ein Besessener - damals büffelte er nachmittags in der Juku, anschließend bis Mitternacht zu Hause.

Trotz guter Pisa-Ergebnisse Murren über Leistungsverfall

Verblüffend: Nippons Jugendliche nehmen das alljährliche Prüfungsritual meist mit routinierter Gelassenheit hin. Früh schon werden sie für Tests gedrillt. Zwar geht es in Kindergärten und Grundschulen meist noch harmonisch und verspielt zu. Doch spätestens ab der dreijährigen Mittelschule - in Japans eingliedrigem Bildungssystem bildet sie den Übergang zwischen der sechsjährigen Grundschule und der dreijährigen Oberschule - wächst der Leistungsdruck rapide.

Der Aufstieg durch Bildung gehört zu den Errungenschaften von Japans egalitärer Nachkriegsgesellschaft, die sich mehrheitlich zur Mittelschicht rechnet. Der Erfolg des Drills: Bei der jüngsten Pisa-Studie der OECD schnitten Japans Schüler in Mathematik mit am besten ab.

In Japan selbst lösten die Pisa-Ergebnisse allerdings kaum Begeisterung aus, denn die Debatte läuft hier seit längerem genau umgekehrt: Politiker und Pädagogen beklagen lautstark den Verfall des heimischen Erziehungssystems. "In den vergangenen 20 Jahren sind die Leistungen der Schüler vor allem in Mathe dramatisch gesunken", warnt Fachlehrer Masazumi Toriyama.

Toriyama weiß, wovon er spricht. Der frühere Oberschullehrer gehört zu den erfolgreichsten Prüfungstrainern an der privaten Kawai Juku in Nagoya - mit 70 Schulen und über 84.000 Schülern eine der angesehensten Paukanstalten im ganzen Land. "Viele japanische Schüler", deutet Toriyama die Pisa-Ergebnisse, "erledigen zwar mechanisch ihre Aufgaben. Doch wenn sie selbstständig originelle Lösungswege entwickeln sollen, liefern sie leere Blätter ab."

Bei Privatpaukern zählt auch der Spaßfaktor

Die Schuld am Leistungsverfall geben Eltern und Bildungsexperten dem Kultusministerium in Tokio. Als Reaktion auf die Exzesse der Prüfungshölle lockerte das Ministerium in den achtziger Jahren nämlich die Anforderungen im Unterricht. "Yutori" heißt seither das Zauberwort japanischer Schulpolitik - frei übersetzt: "geistiger Freiraum". Tokios liberale Linie hat indes einen Haken: Die Eingangstests der Spitzenunis wurden nicht geändert, sie blieben so streng wie früher. "Folglich müssen die Jukus den Jugendlichen jetzt all das beibringen, was ihnen der normale Schulunterricht nicht mehr vermittelt", sagt Toriyama.

Demnächst dürften die Jukus noch mehr Zulauf bekommen - vor allem an Samstagen. Denn ab April will das Kultusministerium für Schulen die Fünftagewoche einführen. Um ihre Klientel liefern sich die Jukus einen harten Wettbewerb, bei dem allerdings stures Pauken als einziges Verkaufsargument längst nicht mehr zieht. "Lernen muss Spass machen", betont Mathelehrer Yukihiro Hattori von der Waseda-Juku in Yokohama.

Die Oberschülerinnen Asako, 15, und Hitomi, 16, die eifrig Hattoris Abendkurse besuchen, sehen in dem stets freundlichen Juku-Lehrer ihre Vertrauensperson. Weil Hattori die Schüler als zahlende Kunden behandelt, wird er nicht müde, sie zum Lernen zu motivieren. Den Besuch der normalen Schule könnten sich die Mädchen eigentlich sparen. Und überhaupt: Bei Waseda sind nicht nur die Lehrer netter, auch die Stühle sind bequemer.

Japans traditionelle Schulen bilden daher immer mehr eine Art Pufferzone, in der vom Büffeln übermüdete Kids tagsüber ihren Stress abreagieren. Gewalttätige Hänseleien ("Ijime") sind an der Tagesordnung. Über 130.000 Kinder jährlich schwänzen den Unterricht.

Wie prominente Pauk-Gurus ihre Schüler per Satellit erreichen, und wie erschöpfte Prüflinge in Kliniken kuriert werden

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Viele leiden unter den großen Erwartungen ehrgeiziger Eltern, sagt Erziehungsberaterin Mineko Maeda aus Yokohama. Den Trend zu Aggression und Apathie im Schulalltag erklärt die Expertin überdies damit, dass sich Nippons Schüler zunehmend in zwei extreme Gruppen teilen: eine Elite, die sich mit Hilfe teurer, privater Jukus den Weg auf eine Spitzen-Uni erpaukt. Und jene Nachzügler, die sich längst keine Chance mehr ausrechnen, auf eine prestigereiche weiterführende Schule zu kommen.

Ähnlich wie andere Errungenschaften der "Japan AG" - etwa die automatische Beförderung nach Alter oder die lebenslange Arbeitsplatzgarantie - steckt das Schulsystem des Landes in einer tiefen Krise. Zwar gelingt erstaunlichen 97 Prozent der Japaner der Sprung auf die Oberschule, und davon fast die Hälfte erreicht die Hochschule. Doch gerade in der aktuellen Rezession winkt nur solchen Jugendlichen ein Traumjob, die es auf eine Spitzen-Uni schaffen.

In den kommenden Wochen erwarten Nippons Jukus wieder großen Andrang, wenn die Vorbereitung für die nächste Prüfungssaison beginnt. Am privaten "Yoyogi Seminar" in Tokio, das pro Schüler jährlich bis zu 650.000 Yen (5600 Euro) für die Vorbereitung auf Uni-Eingangstests verlangt, schreiben sich Neuankömmlinge an 15 verglasten Schaltern ein. Wie in der Kreditabteilung einer Bank werden sie zunächst nach ihrem Wissen eingestuft und dann auf passende Kurse verteilt.

Blitzkur für matte Prüfungskandidaten

Am Eingang von "Yoyogi" prangt eine große Tafel. Links stehen die Namen japanischer Unis, rechts steht, wie viele Absolventen der Juku es in welche Hochschule geschafft haben. "Unser Lehrpersonal weiß genau, für welche Uni man mit welchen Kniffen lernen muss", sagt Juku-Planungschef Takeshi Kitagaki. Über Satellit übertragen Yoyogis prominente Pauk-Gurus ihre Lernprogramme ins ganze Land.

Viele Juku-Schüler sind so genannte "Ronin" - "herrenlose Samurai". So heißen in Japan jene Prüflinge, die im ersten Anlauf nicht an eine Uni ihrer Wahl gelangen und daher ein weiteres Jahr büffeln müssen. Die Eifrigsten belegen Kurse von bis zu sechs Stunden täglich. Dabei kommt es schon mal vor, dass gestresste Kandidaten körperlich oder seelisch schlapp machen. Nur keine Panik: In der hauseigenen "Yoyogi-Klinik" kurieren Ärzte die Erschöpften für weitere Etappen der "Prüfungshölle"; auch psychologische Betreuer stehen bereit.

Warten auf das große Freudenfest

Dass Nippons Bildungswesen auch ohne Jukus auskommen könnte, will die Technische Oberschule Kawasaki (KST) beweisen. An dieser Schule - für die Industriestadt Kawasaki ein Aushängeschild - läuft vieles anders: Schon das moderne 15-stöckige Gebäude unterscheidet sich von den in Nippon sonst üblichen, grauen, selten klimatisierten Betonbauten. Zwar lauschen auch hier die Schüler in ihren blauen Schuluniformen frontal den Lehrern, doch an der Wand prangt im roten Rahmen das Leitmotiv: "Miteinander lernen, sich gegenseitig etwas beibringen und sich helfen."

Die KTS-Schüler sollen sich möglichst ohne Juku gemeinsam auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten. Dieses Ziel ist jedoch nur mit hohem freiwilligen Einsatz der Pädagogen erreichbar: Schon morgens ab halb acht und bis spät abends trainieren sie die Prüflinge auch außerhalb des regulären Unterrichts. KTS-Konrektor Hiroshi Nagano deutet auf eine leere Wand vor der Schulbibliothek. In wenigen Wochen will er hier - wie jedes Jahr - die lange Liste jener Schulabgänger anpinnen, die es im ersten Anlauf an eine Uni ihrer Wahl geschafft haben.

Naganos größter Wunsch dürfte allerdings auch in diesem Jahr nicht erfüllt werden: dass es einer seiner Schützlinge auf die Todai, die staatliche Spitzen-Uni des Landes, schafft. Sollte es aber eines Tages klappen, werden sie an der KTS ein Freudenfest veranstalten. Eine große Tageszeitung, verrät Nagano, habe ihm bereits versprochen, "dass sie dann einen großen Bericht über unsere Schule schreibt".

Ohne Juku an die Todai? Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, werden auch die fleißigen Schüler von Kawasaki noch viele "Prüfungsbesteh-Nudeln" verspeisen müssen.

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