Fotostrecke

Schülerdrill in Südkorea: Nicht fürs Leben, für die Uni lernen sie

Foto: Ahn Young-joon/ AP

Schülerdrill in Südkorea Lernen heißt leiden

Bei Pisa sind Südkoreas Schüler Weltspitze. Und zahlen einen hohen Preis: Der Schulalltag ist hart, der Leistungsdruck enorm. Viele Jugendliche haben einen Tagesplan wie Top-Manager - das Leben wird dem Ziel untergeordnet, es auf eine Top-Universität zu schaffen.
Von Malte E. Kollenberg

Ihre Kinder sind einem enormen Leistungsdruck ausgesetzt, vielen Eltern in Südkorea ist das durchaus bewusst. Auch Yoo Kyung Min. Die Mutter eines Viertklässlers hält das Schulsystem wahrlich nicht für ideal, "vor allem, weil der Konkurrenzdruck groß ist", wie sie sagt. Als Mutter bleibe ihr aber nichts anderes übrig als zu hoffen, dass ihr Sohn dem Druck standhält.

Raum für Veränderungen gibt es nämlich kaum. Bildung zählt in der konfuzianisch geprägten koreanischen Gesellschaft ausgesprochen viel. Es ist enorm wichtig, dass ein Kind gut in der Schule ist. "Davon hängt ab, wie es von Lehrern, anderen Eltern, ja der ganzen Gesellschaft beurteilt wird", erklärt Yoo. Außerdem ändere die Regierung immer wieder die Voraussetzungen für den Universitätseintritt: "Das Kind muss auf alles vorbereitet werden."

Pisa-Studie

Betrachtet man einzig die Leistungen der Schüler, macht Südkorea offenbar einiges richtig: Bei der jüngsten landete das Land in allen Bereichen (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) weit vorn. Überhaupt dominieren asiatische Staaten und Regionen die Spitzenplätze.

Alle Ergebnisse: Die Pisa-Studie 2009

Doch der Erfolg ist teuer erkauft. Ab der Mittelschule beginnt für koreanische Jugendliche der Stress.

Bis nachmittags Schule, abends Nachhilfe, nachts Hausaufgaben

Cho Sang Hee, 15, ist in der neunten Klasse. Freizeit hat sie kaum. Gegen sieben Uhr steht Sang Hee auf, rund eine Stunde später sitzt sie auf der Schulbank. Bis 15 oder 16 Uhr. Zweimal die Woche besucht sie ein privates Nachhilfeinstitut zum Englischlernen. Hakwon werden diese Bildungsfabriken in Korea genannt, mehr als 70.000 gibt es davon. Rund die Hälfte der Nachhilfeschüler bereitet sich für den Sprung in die nächsthöhere Schulform oder auf die Universität vor. "Wenn ich um 22 Uhr aus dem Hakwon komme, dann mache ich zu Hause meist noch Hausaufgaben", erzählt Sang Hee von ihrem Tag. Auch sonntags geht sie zum Nachhilfeinstitut. Von 15 bis 16 Uhr steht Textverständnis, Nonsul, auf dem Stundenplan. An den anderen Tagen hat Cho Sang Hee privat Nachhilfeunterricht in Mathematik.

Doch Einzelnachhilfe ist teuer, viele Familien können sich das nicht leisten. Bereits das Lernen im Hakwon kostet pro Fach zwischen 200 und 300 Euro im Monat. In der Prüfungszeit - es gibt Zwischenprüfungen und Abschlussklausuren jedes Halbjahr - bieten die Hakwons am Wochenende zusätzliche Kurse an. Dann hat Sang Hee gar keine Zeit mehr für sich selbst und ihre Freunde.

Die 15-Jährige lernt dann bis zwei Uhr nachts für die Versetzung auf die Oberschule. Im März steht der Schulwechsel an. Schon jetzt bestimmt das Thema das Familienleben. "Wenn ich am Wochenende mit meiner Familie zusammen bin, dann reden wir meistens darüber, auf welche Schule ich bald gehen soll."

Mechanisches Pauken, Leistungs- und Anpassungsdruck

Für deutsche Schüler ist schwer vorstellbar, unter welchem Druck Kinder und Jugendliche in Südkorea stehen. Alles, was Spaß macht, bleibt auf der Strecke. Und persönliche Freiheiten ebenso - sogar der Haarschnitt wird mitunter rigide per Schulvorschrift geregelt. Beim Unterricht geht es stets um das Ziel, es später auf eine der Top-Hochschulen zu schaffen.

"Wenn du eine Zwei bekommst, denkst du schon ans Sterben", sagte ein 20-jähriger Aktivist, der 2005 Schülerproteste für ein moderneres Erziehungssystem organisierte. Vergebens, weiterhin gilt in Südkorea: Wenn Schulen für Eltern attraktiv sein wollen, sollten sie auf Entspannung am Nachmittag verzichten.

Eine Schule, die im Sommer mit einem etwas gelockerten Lehrplan, mehr Sportanteilen und mehr Freizeitaktivitäten angetreten war, musste sich dem Elternwillen weitgehend beugen. Die Eltern verlangten nach weniger Freizeit und der Möglichkeit für Privatunterricht am Abend und am Wochenende.

Park Eun Kyu, 18, hat die Oberschule bereits hinter sich. Jetzt wartet er auf sein Ergebnis beim zentralen Zulassungstest für die Universität. Davon hängt mit ab, welche Uni ihn nimmt. Besonders das Abschlussjahr war sehr anstrengend für ihn: Schule von morgens 8 bis abends 22 Uhr, danach noch Hakwon bis kurz nach Mitternacht.

Jeden zweiten Samstag im Monat haben koreanische Schüler Unterricht. "Am Wochenende habe ich dann noch meine Hausaufgaben gemacht", erzählt Eun Kyu. Es blieb ihm kaum die Zeit, zum Ausgleich Sport zu treiben: "Im letzten Jahr auf der Oberschule blieben dafür zwei, maximal vier Stunden pro Woche." Die Jahre davor waren es ein paar Stunden mehr. "Ich habe weniger Nachhilfe gehabt", erklärt er.

Schüler geben alles, um auf Elite-Unis zu kommen

Im Abschlussjahr wurde die Nachhilfe dann unerlässlich. "Mein Traum war es immer, Wirtschaftsprüfer zu werden", sagt Eun Kyu. Betriebswirtschaftslehre an der Yonsei-Universität möchte er studieren. "Um mein Ziel zu erreichen, muss ich auf einer der besten Universitäten des Landes gewesen sein."

Die sogenannten SKY-Universitäten in Seoul, die Seoul-National-Universität, die Universität Korea und eben die Yonsei-Universität, sind die Kaderschmieden Südkoreas. Wer es in eine der drei schafft, kann sich seinen Job später aussuchen. Doch die Plätze sind heiß begehrt, die Konkurrenz ist groß. Genommen werden nur die Besten.

Besonders in Südkorea lebende Ausländer beobachten den Drill mit Sorge und versuchen, die Schullaufbahn des Nachwuchses anders zu gestalten.

So wie Frank Grünert. Der Deutsche unterrichtet im Fachbereich Germanistik an der National-Universität in Seoul. Seit rund 20 Jahren lebt er in Südkorea. Seine Frau ist Koreanerin, die vierjährige Tochter geht zurzeit in den Kindergarten. Der sei super, sagt Grünert. Auch über die Grundschule, die seine Tochter besuchen soll, hat er nur Gutes gehört.

Auf eine klassische Mittelschule möchte Grünert sein Kind allerdings nicht schicken. "Meine Frau ist da sogar noch skeptischer als ich", erzählt er. Als Koreanerin habe sie das System hautnah miterlebt - alles sei auf Test, Klausuren und Examen ausgerichtet. Aber das sei eben nicht alles im Leben: "Manche Qualifikation lässt sich einfach nicht prüfen."