Schülerin vs. Behörden Hartz IV, ein Drama in vier Akten

2. Teil: Zweiter Akt: Im Jobcenter - was der Staat wissen sollte, interessiert ihn nicht


Ich habe schon vorher ausgerechnet, ob wir Arbeitslosengeld II bekommen. Wir sind vermutlich "nicht bedürftig". Trotzdem haben wir den Antrag ausgefüllt, weil mir eine Ablehnung ungerecht scheint.

Der Staat will viel wissen in diesem Antrag. Nur das, was er wissen sollte, interessiert ihn nicht. Er sollte wissen, dass mein Vater 40 Jahre lang gearbeitet und gespart hat - für die Rente und meine Ausbildung.

Jobcenter: "Was geht mich das an? Wir können nichts für Sie tun!"
AP

Jobcenter: "Was geht mich das an? Wir können nichts für Sie tun!"

Meine Eltern haben sich nie viel geleistet, jetzt brauchen sie Unterstützung vom Staat. Aber wer zu viel gespart hat, egal wofür, muss das zuerst aufbrauchen. Erst dann gibt es Arbeitslosengeld II.

Wir haben 7000 Euro zu viel - die Rücklage für mein Studium. Meine Eltern haben es angespart, als mein Vater noch verdient hat. Es war nie sicher, ob ich als Einzelkind überhaupt Bafög bekommen werde.

Ich möchte wissen, ob wir Arbeitslosengeld bekommen, auch wenn ich die 7000 Euro behalte. Ich würde mich vertraglich festlegen, dass ich erst als Studentin an das Geld herankomme. Vielleicht ist das ja möglich. Hoffentlich.

Der Berater neigt zum Jähzorn

Ich stehe vor dem Jobcenter, mein Vater sucht einen Parkplatz. Ein Mann geht durch die Eingangstür, gekräuselte Haare, alte Jeans. Er sieht ungepflegt aus. Ich muss lächeln: So stelle ich mir einen Hartz-IV-Empfänger vor.

Wir gehen zum Büro unseres "Beraters". Mich trifft der Schlag. Dort sitzt der Mann, der vor uns durch die Tür gegangen ist: der mutmaßliche Hartz-IV-Empfänger.

Wir gehen den Antrag durch, er findet einige Papiere nicht und ranzt meinen Vater an: "Wo ist der Vertrag, wo sind die Kontoauszüge Ihrer Tochter? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie alle Unterlagen mitbringen sollen!" Ich sage: "Der Vertrag liegt da, direkt vor Ihnen." Er murrt: "Hab' ich Sie gefragt? Das ist der Antrag Ihres Vaters. Damit haben Sie nichts am Hut!"

Mein Vater sinkt immer tiefer, als ob er sich hinter dem Tisch verstecken wolle, als ob er sich für mich schämen müsste. Mir reicht es. Ich erzähle unserem Berater, wofür das ersparte Geld gedacht ist.

"Wir im Jobcenter können da nichts für sie tun!", blafft er. Sein Kopf verschwindet zwischen den Unterlagen. Ich bleibe hartnäckig und frage, ob er unseren Fall nicht an seinen Vorgesetzten hier beim Arbeitsamt weitergeben kann. Er rastet aus, er schreit: "Was geht mich das an? Außerdem sind wir hier im Jobcenter und nicht im Arbeitsamt. Ich dachte, eine Gymnasiastin sollte so intelligent sein und das wissen!"

"Da könnte ja jeder kommen"

Ich bin wütend. Der Groll, den ich schon seit Wochen mit mir herumtrage, kommt hoch. Ich muss heulen - ich will nicht heulen. Der Berater hält kurz inne, er wirkt betroffen, fast gerührt. Das ist meine Chance. Ich beginne zu sprechen, aber ... falsch gedacht. Er setzt zu einem neuen Wutanfall an.

Meine Stimme versagt. Ich will sagen: Wenn Sie mit Ihrem Job nicht zufrieden sind – da draußen stehen die Arbeitslosen Schlange! Die würden es tausendmal besser machen, weil sie bei Ihnen hautnah erfahren, wie es nicht sein darf! Kein Wort davon kommt über meine Lippen. Ich sage: "Ich will zu Ihrem Vorgesetzten, ich will eine zweite Meinung!" Er schickt uns einen Stock höher, zu unserem Sachbearbeiter. Es gelingt mir, mich zu beruhigen.

Hinter dem Schreibtisch sitzt ein junger Mann mit blondierten Haaren, kaum älter als ich. Neben ihm stapeln sich die Akten. Ich erkläre ihm mein Anliegen. Er lächelt freundlich.

"Ich verstehe Ihre Lage, wirklich", sagt er. "Ich würde Ihnen auch gern helfen, aber ich kann nichts tun. Es könnte ja jeder kommen und sagen: 'Wir sparen schon seit 20 Jahren auf eine neue Küche, wir brauchen das Geld.'"

Bildung gleich Küche. Dieser Mann entscheidet über Existenzen.



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Seite 1
Coolie, 29.05.2008
1. Ich könnte auch heulen,
aber vor Wut bei so viel Ignoranz der beteiligten Behörden. Bei solch gelagerten Fällen, die ja sicher nicht selten sind, zeigt sich wie handwerklich ungeschickt dieses Gesetzeswerk formuliert ist. Noch schlimmer als die Arbeitslosigkeit empfinde ich allerdings die menschenunwürdige Behandlung bei den Behörden.
Mulharste, 29.05.2008
2. so ist das in Deutschland
..einfach nur zum kotzen! ..das schlimmste sind aber noch diese völlig überforderten Mitarbeiten in den Jobcentern und diese hochgradis unsinnige Regelung, Erspartes aufzubrauchen. Klar soll Erspartes aufgebracuth werden, aber doch nciht nach dem Verteilungsplan von H4, wenn ich sonst null Förderung bekomme, wie zb ne Monatskarte. Ich darf einfach keine haben. Was anderes sit natrülich diese protzige 1000€ Klassenfahrt. Humbug und sollte unterbunden werden. NE Klassenfahrt soll meinetwegen 150€ kosten und gut.
kalauer, 29.05.2008
3. Kommt mir bekannt vor
Kommt mir alles bekannt vor. Nach außen ist alles ganz toll und jeder bekommt sein Geld. Aber die Dummen die sparen, aber leider nicht genug verdienen, bekommen Alles wieder abgenommen. Und durch Mini-Arbeitsplätze mit Hartzzuschlag sollen sie auch noch ewig in dieser Knechtschaft gehalten werden. Ich halte Dir die Daumen das es reicht für Dein Studium und dass Du hinterher beim Geldverdienen nicht vergißt wie es Dir ergangen ist.
maa_2001, 29.05.2008
4. Das eigentliche Problem...
...liegt darin, daß die Politik die Medien dazu nutzt, dem Bürger zu erklären, welch` großartigen Taten auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen Monaten erreicht wurden. Fakt und der eigentliche Skandal ist allerdings, daß die Schilderung offensichtlich (teilweise aus dem engsten Familienkreis bestätigt) der Wahrheit entspricht. 90.000 Mitarbeiter einer Bundesagentur (oder wie das Monster aktuell auch gerade heißt) treiben ihre "Kunden" (der wahre Hohn!) in die Arme von Zeitarbeitsfirmen. Erfolgreiche Vermittlungen (bitte hierbei vor allem das Aufwand-Leistungsverhältnis beachten) durch das Arbeitsamt werden sich wohl auf dem üblichen, niedrigen Niveau bewegen. Da ist eine Reform mal ganz dringend angesagt! Aber auch hier wird sich -ganz im Einklang mit den bekannten Verhältnissen im öffentlichen Dienst- nichts, aber auch rein gar nichts ändern. Und genau das und die Folgekosten (Pensionslasten) wird uns in Deutschland einmal "das letzte Hemd kosten".
altebanane 29.05.2008
5. Keine Sorgen wegen Studium
Hallo liebe besorgte Tochter, ich kann dir wirklich versichern, das Beste, was dir als Studentin passieren kann, ist, wenn deine Eltern H4-Empfänger sind. Dann bekommst du nämlich problemlos den höchsten Bafög-Satz. Dein lieber Vater sollte den Stress im neuen Job - überdenken-.
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