Schülerin vs. Behörden Hartz IV, ein Drama in vier Akten

3. Teil: 3. Akt: Antrag abgelehnt - und die Klassenfahrt kostet tausend Euro


Unser Antrag wird abgelehnt. Das Arbeitslosengeld II ist nur eine "Grundsicherung für Arbeitslose", die Ausbildung der Kinder gehört nicht dazu. Für die nächsten Monate müssen wir von etwa 7000 Euro leben: Wir dürfen im Monat genau so viel Geld ausgeben, wie ein ALG II-Empfänger bekommt. Sind die 7000 Euro aufgebraucht, können wir einen neuen Antrag stellen. Ist das Geld früher weg, müssen wir eben schauen, wie wir über die Runden kommen. Dem Staat ist das egal.

Gerade steht die Klassenfahrt an, nach Griechenland. Tausend Euro soll sie kosten. Ich kann mir die Fahrt nicht leisten: Es gibt für mich keine Zuschüsse, nur Empfänger von Arbeitslosengeld II haben ein Recht darauf. Genauso ist es mit meiner Busfahrkarte: Ab der 11. Klasse muss ich sie selbst zahlen. Kinder von Arbeitslosengeldempfängern bekommen sie erstattet. Ich nicht.

Ich habe beim Landratsamt nachgefragt, ob man da nicht etwas machen kann. Ich wurde weitergeleitet, der Vorgesetzte fühlte sich nicht verantwortlich. Laut Gesetz geht da nichts - auch wenn wir genauso wenig Geld wie ein Arbeitslosengeld-II-Empfänger haben. Das ist unlogisch.

Die Angestellten in den Behörden verstehen mich, natürlich. Aber helfen können sie nicht, keiner ist zuständig. Wer ist es dann?

"Wer kann, muss ran!"

Wenn ich in der Klasse erkläre, warum ich tausend Euro für eine Griechenlandfahrt für viel halte, versteht das keiner. Meine Mitschüler können nicht glauben, dass der Staat nur wenig hilft: "Fälle wie deinen gibt es doch zuhauf, du musst dich nur mal informieren", sagen sie.

Als ich einem Mädchen erzähle, dass es unsicher ist, ob ich studieren kann, sagt sie, im weinerlichen Ton: "Ich bekomme wahrscheinlich auch kein Bafög." Zum Geburtstag haben ihre Eltern ihr einen neuen BMW geschenkt.

Menschenwürde und Chancengleichheit stehen in Deutschland angeblich an oberster Stelle der gesellschaftlichen Agenda. Wir prahlen gern damit. Wenn es wirklich darauf ankommt, ist unser System verzwickt und kompliziert.

Laut der OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" stimmt das mit der Chancengleichheit in der Bildung nicht: Kinder aus armen Familien und Kinder, deren Eltern keine Akademiker sind, machen viel seltener Abitur und beginnen seltener ein Studium. Gerecht ist das nicht, sozial auch nicht.

"Fördern und Fordern" ist der Glaubenssatz, der die Hartz-Reformen stets begleitet hat. Umgedichtet bedeutet das: "Wer kann, muss ran." Oder: "Her mit dem Geld." Das gilt auch für das Ersparte für mein Studium. Der Staat vergisst seinen Auftrag, besonders Jugendliche aus der sozialen Unterschicht zu fördern. Stattdessen signalisiert er: Wenn deine Eltern arbeitslos sind, musst im Notfall du für den Unterhalt deiner Familie aufkommen. Erst danach kommt deine Ausbildung. Oder überhaupt nicht.



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Coolie, 29.05.2008
1. Ich könnte auch heulen,
aber vor Wut bei so viel Ignoranz der beteiligten Behörden. Bei solch gelagerten Fällen, die ja sicher nicht selten sind, zeigt sich wie handwerklich ungeschickt dieses Gesetzeswerk formuliert ist. Noch schlimmer als die Arbeitslosigkeit empfinde ich allerdings die menschenunwürdige Behandlung bei den Behörden.
Mulharste, 29.05.2008
2. so ist das in Deutschland
..einfach nur zum kotzen! ..das schlimmste sind aber noch diese völlig überforderten Mitarbeiten in den Jobcentern und diese hochgradis unsinnige Regelung, Erspartes aufzubrauchen. Klar soll Erspartes aufgebracuth werden, aber doch nciht nach dem Verteilungsplan von H4, wenn ich sonst null Förderung bekomme, wie zb ne Monatskarte. Ich darf einfach keine haben. Was anderes sit natrülich diese protzige 1000€ Klassenfahrt. Humbug und sollte unterbunden werden. NE Klassenfahrt soll meinetwegen 150€ kosten und gut.
kalauer, 29.05.2008
3. Kommt mir bekannt vor
Kommt mir alles bekannt vor. Nach außen ist alles ganz toll und jeder bekommt sein Geld. Aber die Dummen die sparen, aber leider nicht genug verdienen, bekommen Alles wieder abgenommen. Und durch Mini-Arbeitsplätze mit Hartzzuschlag sollen sie auch noch ewig in dieser Knechtschaft gehalten werden. Ich halte Dir die Daumen das es reicht für Dein Studium und dass Du hinterher beim Geldverdienen nicht vergißt wie es Dir ergangen ist.
maa_2001, 29.05.2008
4. Das eigentliche Problem...
...liegt darin, daß die Politik die Medien dazu nutzt, dem Bürger zu erklären, welch` großartigen Taten auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen Monaten erreicht wurden. Fakt und der eigentliche Skandal ist allerdings, daß die Schilderung offensichtlich (teilweise aus dem engsten Familienkreis bestätigt) der Wahrheit entspricht. 90.000 Mitarbeiter einer Bundesagentur (oder wie das Monster aktuell auch gerade heißt) treiben ihre "Kunden" (der wahre Hohn!) in die Arme von Zeitarbeitsfirmen. Erfolgreiche Vermittlungen (bitte hierbei vor allem das Aufwand-Leistungsverhältnis beachten) durch das Arbeitsamt werden sich wohl auf dem üblichen, niedrigen Niveau bewegen. Da ist eine Reform mal ganz dringend angesagt! Aber auch hier wird sich -ganz im Einklang mit den bekannten Verhältnissen im öffentlichen Dienst- nichts, aber auch rein gar nichts ändern. Und genau das und die Folgekosten (Pensionslasten) wird uns in Deutschland einmal "das letzte Hemd kosten".
altebanane 29.05.2008
5. Keine Sorgen wegen Studium
Hallo liebe besorgte Tochter, ich kann dir wirklich versichern, das Beste, was dir als Studentin passieren kann, ist, wenn deine Eltern H4-Empfänger sind. Dann bekommst du nämlich problemlos den höchsten Bafög-Satz. Dein lieber Vater sollte den Stress im neuen Job - überdenken-.
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