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29. Mai 2008, 11:59 Uhr

Schülerin vs. Behörden

Hartz IV, ein Drama in vier Akten

Jahrelang hat die Familie auf ihr Studium gespart - jetzt ist der Vater arbeitslos und beantragt Hartz IV. Während Mitschüler Autos geschenkt bekommen, schlägt Christina Schmitt, 19, sich mit den Formularen ihrer Eltern herum und verzweifelt an der Behördenwelt. Protokoll eines Dramas.

Erster Akt: Der Antrag, ein Monstrum

Der Hartz-IV-Antrag liegt vor mir. Undurchdringlich, ein Irrsinn an Formulierungen. Was soll ich ankreuzen? "Du machst wieder a Schmiererei zam", sagt meine Mutter. Der Zettel sieht schlimmer aus als meine Latein-Hausaufgabe.

Christina, 19, aus Bayern: "Ich muss heulen - ich will nicht heulen"
Christian Geutner

Christina, 19, aus Bayern: "Ich muss heulen - ich will nicht heulen"

Auf dem Sofa sitzen meine Eltern, sie schalten den Fernseher aus. "Sturm der Liebe" ist erstmal vorbei. Mein Vater holt die Unterlagen und knallt sie auf den Tisch: Stromrechnungen, Sparbücher, Versicherungen.

Er hat sich über 20 Stunden mit Aktenordnern, trägen Beamten und Behörden herumgeschlagen. Sein Gesicht ist fahl, seit zwei Wochen ist er unausstehlich. Er spricht tagelang fast gar nicht, dann fängt er urplötzlich an zu schreien. Er schimpft über das Jobcenter und darüber, was alles falsch gelaufen ist in seinem Leben. Ich kann ihn verstehen. Mein Kopf explodiert gleich. Ich möchte auch schreien.

Hartz IV. Eine Reform, die anfangs ein ganzes Volk in Aufruhr versetzt hat. Eine Reform, deren Problem nicht in ihrer Existenz, sondern in ihrer Anwendung liegt. Das Arbeitslosengeld II zu beantragen, ist ein einziger Hürdenlauf. Jede Hürde verängstigt meine Eltern mehr, schüchtert sie ein. Mit dem Antrag fängt es an - sie sind damit schon lange überfordert. Jetzt habe ich übernommen.

In der Schule bin ich jetzt ein Kotzbrocken

Meine Nerven liegen blank. Nachmittags schlage ich mich zu Hause mit dem 30-seitigen Monstrum herum, vormittags in der Schule bin ich ein Kotzbrocken, weil ich an das Monstrum denken muss. Ich bin kurz vor der Kapitulation. Alles hinschmeißen? Ein schöner Gedanke. Ich muss den Antrag noch mal ausfüllen: Ich habe so viel durchgestrichen, dass ich kaum noch durchblicke.

Irgendwann liegt das Papier ausgefüllt vor mir. Morgen hat mein Vater einen Termin im Jobcenter, es soll überprüft werden, ob der Antrag vollständig ist. Erst dann wird er bearbeitet. Das Jobcenter soll eine Hilfe sein. Für meinen Vater ist es eine Hürde.

Ich komme mit, ich kenne die Unterlagen am besten, ich habe sie ausgefüllt. Das letzte Mal hat der Berater meine Eltern angeschrien, der Antrag war angeblich durcheinander. Mein Vater war so eingeschüchtert, dass er nicht einmal mehr falsche Angaben ändern wollte, die sich zu unseren Ungunsten ausgewirkt hätten.

Ich komme mit, weil ich wissen möchte, ob es in bestimmten Fällen Ausnahmen gibt. Ob es in meinem Fall eine Ausnahme gibt.

Zweiter Akt: Im Jobcenter - was der Staat wissen sollte, interessiert ihn nicht

Ich habe schon vorher ausgerechnet, ob wir Arbeitslosengeld II bekommen. Wir sind vermutlich "nicht bedürftig". Trotzdem haben wir den Antrag ausgefüllt, weil mir eine Ablehnung ungerecht scheint.

Der Staat will viel wissen in diesem Antrag. Nur das, was er wissen sollte, interessiert ihn nicht. Er sollte wissen, dass mein Vater 40 Jahre lang gearbeitet und gespart hat - für die Rente und meine Ausbildung.

Jobcenter: "Was geht mich das an? Wir können nichts für Sie tun!"
AP

Jobcenter: "Was geht mich das an? Wir können nichts für Sie tun!"

Meine Eltern haben sich nie viel geleistet, jetzt brauchen sie Unterstützung vom Staat. Aber wer zu viel gespart hat, egal wofür, muss das zuerst aufbrauchen. Erst dann gibt es Arbeitslosengeld II.

Wir haben 7000 Euro zu viel - die Rücklage für mein Studium. Meine Eltern haben es angespart, als mein Vater noch verdient hat. Es war nie sicher, ob ich als Einzelkind überhaupt Bafög bekommen werde.

Ich möchte wissen, ob wir Arbeitslosengeld bekommen, auch wenn ich die 7000 Euro behalte. Ich würde mich vertraglich festlegen, dass ich erst als Studentin an das Geld herankomme. Vielleicht ist das ja möglich. Hoffentlich.

Der Berater neigt zum Jähzorn

Ich stehe vor dem Jobcenter, mein Vater sucht einen Parkplatz. Ein Mann geht durch die Eingangstür, gekräuselte Haare, alte Jeans. Er sieht ungepflegt aus. Ich muss lächeln: So stelle ich mir einen Hartz-IV-Empfänger vor.

Wir gehen zum Büro unseres "Beraters". Mich trifft der Schlag. Dort sitzt der Mann, der vor uns durch die Tür gegangen ist: der mutmaßliche Hartz-IV-Empfänger.

Wir gehen den Antrag durch, er findet einige Papiere nicht und ranzt meinen Vater an: "Wo ist der Vertrag, wo sind die Kontoauszüge Ihrer Tochter? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie alle Unterlagen mitbringen sollen!" Ich sage: "Der Vertrag liegt da, direkt vor Ihnen." Er murrt: "Hab' ich Sie gefragt? Das ist der Antrag Ihres Vaters. Damit haben Sie nichts am Hut!"

Mein Vater sinkt immer tiefer, als ob er sich hinter dem Tisch verstecken wolle, als ob er sich für mich schämen müsste. Mir reicht es. Ich erzähle unserem Berater, wofür das ersparte Geld gedacht ist.

"Wir im Jobcenter können da nichts für sie tun!", blafft er. Sein Kopf verschwindet zwischen den Unterlagen. Ich bleibe hartnäckig und frage, ob er unseren Fall nicht an seinen Vorgesetzten hier beim Arbeitsamt weitergeben kann. Er rastet aus, er schreit: "Was geht mich das an? Außerdem sind wir hier im Jobcenter und nicht im Arbeitsamt. Ich dachte, eine Gymnasiastin sollte so intelligent sein und das wissen!"

"Da könnte ja jeder kommen"

Ich bin wütend. Der Groll, den ich schon seit Wochen mit mir herumtrage, kommt hoch. Ich muss heulen - ich will nicht heulen. Der Berater hält kurz inne, er wirkt betroffen, fast gerührt. Das ist meine Chance. Ich beginne zu sprechen, aber ... falsch gedacht. Er setzt zu einem neuen Wutanfall an.

Meine Stimme versagt. Ich will sagen: Wenn Sie mit Ihrem Job nicht zufrieden sind – da draußen stehen die Arbeitslosen Schlange! Die würden es tausendmal besser machen, weil sie bei Ihnen hautnah erfahren, wie es nicht sein darf! Kein Wort davon kommt über meine Lippen. Ich sage: "Ich will zu Ihrem Vorgesetzten, ich will eine zweite Meinung!" Er schickt uns einen Stock höher, zu unserem Sachbearbeiter. Es gelingt mir, mich zu beruhigen.

Hinter dem Schreibtisch sitzt ein junger Mann mit blondierten Haaren, kaum älter als ich. Neben ihm stapeln sich die Akten. Ich erkläre ihm mein Anliegen. Er lächelt freundlich.

"Ich verstehe Ihre Lage, wirklich", sagt er. "Ich würde Ihnen auch gern helfen, aber ich kann nichts tun. Es könnte ja jeder kommen und sagen: 'Wir sparen schon seit 20 Jahren auf eine neue Küche, wir brauchen das Geld.'"

Bildung gleich Küche. Dieser Mann entscheidet über Existenzen.

3. Akt: Antrag abgelehnt - und die Klassenfahrt kostet tausend Euro

Unser Antrag wird abgelehnt. Das Arbeitslosengeld II ist nur eine "Grundsicherung für Arbeitslose", die Ausbildung der Kinder gehört nicht dazu. Für die nächsten Monate müssen wir von etwa 7000 Euro leben: Wir dürfen im Monat genau so viel Geld ausgeben, wie ein ALG II-Empfänger bekommt. Sind die 7000 Euro aufgebraucht, können wir einen neuen Antrag stellen. Ist das Geld früher weg, müssen wir eben schauen, wie wir über die Runden kommen. Dem Staat ist das egal.

Gerade steht die Klassenfahrt an, nach Griechenland. Tausend Euro soll sie kosten. Ich kann mir die Fahrt nicht leisten: Es gibt für mich keine Zuschüsse, nur Empfänger von Arbeitslosengeld II haben ein Recht darauf. Genauso ist es mit meiner Busfahrkarte: Ab der 11. Klasse muss ich sie selbst zahlen. Kinder von Arbeitslosengeldempfängern bekommen sie erstattet. Ich nicht.

Ich habe beim Landratsamt nachgefragt, ob man da nicht etwas machen kann. Ich wurde weitergeleitet, der Vorgesetzte fühlte sich nicht verantwortlich. Laut Gesetz geht da nichts - auch wenn wir genauso wenig Geld wie ein Arbeitslosengeld-II-Empfänger haben. Das ist unlogisch.

Die Angestellten in den Behörden verstehen mich, natürlich. Aber helfen können sie nicht, keiner ist zuständig. Wer ist es dann?

"Wer kann, muss ran!"

Wenn ich in der Klasse erkläre, warum ich tausend Euro für eine Griechenlandfahrt für viel halte, versteht das keiner. Meine Mitschüler können nicht glauben, dass der Staat nur wenig hilft: "Fälle wie deinen gibt es doch zuhauf, du musst dich nur mal informieren", sagen sie.

Als ich einem Mädchen erzähle, dass es unsicher ist, ob ich studieren kann, sagt sie, im weinerlichen Ton: "Ich bekomme wahrscheinlich auch kein Bafög." Zum Geburtstag haben ihre Eltern ihr einen neuen BMW geschenkt.

Menschenwürde und Chancengleichheit stehen in Deutschland angeblich an oberster Stelle der gesellschaftlichen Agenda. Wir prahlen gern damit. Wenn es wirklich darauf ankommt, ist unser System verzwickt und kompliziert.

Laut der OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" stimmt das mit der Chancengleichheit in der Bildung nicht: Kinder aus armen Familien und Kinder, deren Eltern keine Akademiker sind, machen viel seltener Abitur und beginnen seltener ein Studium. Gerecht ist das nicht, sozial auch nicht.

"Fördern und Fordern" ist der Glaubenssatz, der die Hartz-Reformen stets begleitet hat. Umgedichtet bedeutet das: "Wer kann, muss ran." Oder: "Her mit dem Geld." Das gilt auch für das Ersparte für mein Studium. Der Staat vergisst seinen Auftrag, besonders Jugendliche aus der sozialen Unterschicht zu fördern. Stattdessen signalisiert er: Wenn deine Eltern arbeitslos sind, musst im Notfall du für den Unterhalt deiner Familie aufkommen. Erst danach kommt deine Ausbildung. Oder überhaupt nicht.

4. Akt: Papa arbeitet wieder

Seit ein paar Monaten hat mein Vater wieder eine Arbeit, weil wir uns nicht auf das Arbeitsamt verlassen haben. Ich sollte Freudensprünge machen, aber danach ist mir nicht zumute. Er arbeitet Schicht, muss schwer heben, steht dauerhaft unter Stress. Die Ärzte haben ihm das ausdrücklich verboten, nach seiner dritten Herzoperation.

Rente bekommt er nicht. Als Leiharbeiter verdient er etwas mehr als sieben Euro die Stunde, fährt jeden Tag 60 Kilometer mit dem Auto. Nein sagen konnte er zu dem Job nicht, dafür hat er sich viel zu sehr gefreut. Er fühlt sich wieder gebraucht.

Das Schlimmste scheint überstanden, auch wenn es in ein paar Monaten wieder von vorn losgeht: einen Job suchen, die Zeitung und das Internet durchforsten, Bewerbungen schreiben, sich bei Zeitarbeitsfirmen vorstellen.

Die Ungewissheit bleibt, nur als Leiharbeiter hat mein Vater Aussicht auf einen Job, wenn auch nicht auf ein geregeltes Einkommen. Dass er nach sechs Monaten Leiharbeit festangestellt wird? Das bleibt ein Traum.

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