Schülerstudium "Chemie ist mein Hobby"

Henrik Hintz, 17, hatte schon vor Beginn seines Schülerstudiums den Ruf eines Chemiefreaks weg. Er studiert seit einem Jahr an der Uni Bremen, für seinen ersten Kurs investierte er jede Woche 20 bis 30 Stunden.


Meine Klassenkameraden wussten schon länger, dass ich ein bisschen Chemie-verrückt bin. Deswegen hat sich auch keiner gewundert, als ich mich im vergangenen Herbst für das Frühstudium angemeldet habe. Es gab auch keinen Neid. Eine Klassenkameradin hat das ganze Jahr super für mich mitgeschrieben, so dass ich den verpassten Unterrichtsstoff nachholen konnte.

Schülerstudent Hintz: "Es gab keinen Neid"

Schülerstudent Hintz: "Es gab keinen Neid"

Die Einführungsveranstaltungen für Chemie sind sehr zeitintensiv. Für einen Kurs musste ich an drei Wochentagen in die Uni, dazu kamen noch praktische Arbeiten im Labor und Übungsaufgaben für Zuhause. In Kunst habe ich ein ganzes Halbjahr lang alle Stunden verpasst, da musste ich die Bilder und Aufgaben zu Hause erledigen. In Werte und Normen habe ich für meine mündliche Note ein Referat gehalten. Mit den meisten Lehrern ließen sich solche Kompromisse gut aushandeln.

Insgesamt habe ich 20 bis 30 Wochenstunden für die Uni investiert. Nebenbei habe ich trotzdem noch Freunde getroffen und war freitags beim Tanzkurs. Aber Samstag und Sonntag waren eben für die Chemie reserviert. Für mich ist das kein Problem, denn Chemie ist eine Art Hobby für mich. Ich habe schon vorher in meiner Freizeit Fachbücher gelesen, Experimente durchgeführt und an Chemiewettbewerben teilgenommen. Jetzt, wo ich in die 12. Klasse komme, werde ich aber auf jeden Fall einen Kurs belegen, für den ich nicht soviel Zeit brauche.

Für mich ist das Schülerstudium ein richtiger Motivationsschub, denn endlich werde ich auf meinem Spezialgebiet mal richtig gefordert. Den gesamten Stoff der 11. Klasse haben wir in einer Stunde und elf Minuten durchgenommen. Ich habe die Zeit gestoppt. Meine erste Klausur habe ich mit der Note 1,7 bestanden, damit zählte ich zu den Besten. Die anderen Studenten akzeptieren mich, weil sie merken, dass ich kein ahnungsloser Anfänger bin, den sie mitschleppen müssen. Aber ich bin auch kein Wunderknabe, sondern stelle Fragen wie alle anderen auch. Zwischen den Vorlesungen gehe ich öfter mal mit in die Cafeteria oder Mensa und werde von den Kommilitonen dann ganz normal behandelt.

Nach dem Abi will ich weiter Chemie studieren, wahrscheinlich sogar in Bremen. Mit meinen Scheinen werde ich nicht unbedingt in ein höheres Semester eingestuft, da es in Chemie jedes Halbjahr sehr viele Module zu erledigen gibt. Aber ich werde für die Scheine, die ich noch nicht habe, wesentlich mehr Zeit haben und kann mich so intensiver auf die Klausuren vorbereiten.

Von den fünf Schülern, mit denen ich begonnen habe, bin ich als einziger übrig geblieben. Den Anderen war das Studium neben der Schule doch zu viel Aufwand.

Wer sich für ein Schülerstudium entscheidet, sollte sich sehr für sein Fachgebiet interessieren, fleißig und diszipliniert sein. Sehr gute oder gute Schulnoten werden erwartet. Meine Lehrer haben mir auch gesagt, dass ich die Uni hinschmeißen muss, wenn sich meine Schulnoten deutlich verschlechtern. Denn was nützen mir die ganzen Scheine, wenn ich ein schlechtes Abi mache."

Aufgezeichnet von Antonia Götsch


David Birke, 15, studiert VWL an der Uni Frankfurt und kommt in die 12. Klasse

Wenn ich 17 bin und fertig mit der Schule, werde ich sofort ins zweite Semester eingestuft. Bummeln oder nur in der Kneipe herumhängen will ich dann aber nicht, dafür habe ich mich doch jetzt nicht so angestrengt.


Anna Reisch, 19, besucht die 12. Klasse und studiert Anglistik in Freiburg

Ich wollte einfach jetzt schon mal wissen, wie es im Studium zugeht und ob man da anders gefordert wird. Angst vor dem "Mysterium Uni" habe ich jetzt nicht mehr.



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