Warnung von Bildungsforschern Bis 2025 eine Million Schüler mehr als gedacht

Die Kultusminister gehen davon aus, dass die Zahl der Schüler bis 2025 sinkt - und liegen damit laut einer neuen Studie völlig daneben. Es werde eine Million mehr Schüler geben, sagen Forscher.
Matheunterricht in München (Archivbild)

Matheunterricht in München (Archivbild)

Foto: Peter Kneffel/ picture alliance / dpa

Von der "demografischen Rendite" sprechen die Kultusminister gerne, wenn sie in die Zukunft schauen: Wenn mittelfristig die Schülerzahlen zurückgehen und keine Lehrerstellen abgebaut werden, komme das als Rendite den verbleibenden Schülern zugute.

Das klingt gut - geht aber komplett an der Realität vorbei, stellen die Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn in einer neuen Studie für die Bertelsmann Stiftung fest. Sie kommen in ihren Berechnungen nämlich zu ganz anderen Zahlen: Demnach wird es in Deutschland in acht Jahren 8,3 Millionen Schüler geben - über eine Million mehr als von den Kultusministern offiziell prognostiziert.

"Das trifft die Schulsysteme unvorbereitet", stellen die Forscher fest, da bisher mit zurückgehenden Schülerzahlen gerechnet wurde: "Steuern Länder und Schulträger nicht um, droht ein dramatischer Engpass an Lehrern und Gebäuden."

Für ihre Studie haben die beiden Forscher die Bevölkerungsvorausschätzung des Statistischen Bundesamts und aktuelle Zahlen zur Geburtenrate und zur Zuwanderung berücksichtigt. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Geburtenzahlen und Zuwanderung steigen - und damit geht auch die Zahl der Schüler nach oben. "Das Zeitalter sinkender Schülerzahlen ist zu Ende", schreiben Klemm und Zorn - die Schülerprognose der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2013 sei nur noch Makulatur.
  • Die Folge ist ein steigender Bedarf an Klassen und Lehrern: "Allein die Grundschulen brauchen fast 25.000 zusätzliche Lehrer", stellen die Autoren fest. Weitere 27.000 Pädagogen werden für die Klassen 5 bis 10 benötigt - dabei gibt es bereits heute zu wenig Lehrkräfte auf dem Arbeitsmarkt.
  • Auf die Länder und Kommunen kommen damit stark steigende finanzielle Belastungen zu: Schon heute taxieren Experten den bundesweiten Investitionsstau an maroden Schulgebäuden auf 34 Milliarden Euro. Der jetzt errechnete neue Bedarf an Lehrern und Räumen führt im Jahr 2030 zu zusätzlichen Bildungsausgaben von 4,7 Milliarden Euro - pro Jahr.

"Der Traum von der demografischen Rendite ist ausgeträumt", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, und fordert, jetzt dringend in Bildung und Schulen zu investieren: "Es besteht enormer Handlungsdruck. Viele Bundesländer müssen komplett umdenken."

Laut den Bildungsforschern wächst die Zahl der Grundschüler von 2,8 Millionen (2015) auf knapp 3,2 Millionen (2030), die der Schüler in der Sekundarstufe I von 4,1 auf 4,5 Millionen Schüler. Nur in der Sekundarstufe II sinkt die Schülerzahl leicht von etwa einer Million im Jahr 2015 auf 927.000 im Jahr 2030.

Zusätzlich gibt es große regionale Unterschiede in der Entwicklung. Während die Stadtstaaten mit einem Schüler-Plus von knapp einem Drittel bis 2030 rechnen müssen, verläuft der Anstieg in den westlichen Flächenländern gebremster. Und in Ostdeutschland könnten - nach einem zwischenzeitlichen Anstieg - "in 15 Jahren schon wieder weniger Grundschüler die Schulbank drücken als heute", sagen Klemm und Zorn.

Die Bildungsforscher betonen zwar, dass es sich bei ihren Zahlen um eine Schätzung handelt, von der Abweichungen wahrscheinlich sind. Trotzdem, sagen die Autoren, seien derartige Abschätzungen nötig, um politische Entscheidungen treffen zu können.

Und sie lassen keinen Zweifel: Gehandelt werden muss sofort - auf die demografische Rendite kann sich kein Bildungspolitiker mehr berufen.

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