Schülerzeitung des Jahres "Den Sieg erst mal sacken lassen"

Die "Glocke" aus Münnerstadt ging beim SPIEGEL-Wettbewerb als beste Schülerzeitung des Jahres durchs Ziel. Im Interview erklärt Chefredakteur Christoph Schmitt, 19, wie die Redaktion arbeitet und wie sie einmal am Gymnasium einen kleinen Sexskandal auslöste.


Abiturient Schmitt: Schreibt am liebsten im Team
SPIEGEL ONLINE

Abiturient Schmitt: Schreibt am liebsten im Team

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: Mit vier Top-Platzierungen hat die "Glocke" alle anderen Bewerber im SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb abgehängt. Herzlichen Glückwunsch - wie habt ihr das geschafft?

Christoph Schmitt: Wir haben uns darum bemüht, dass die Zeitung als Gesamtprodukt einheitlich wirkt. Sie soll perfekt aussehen, nicht irgendwie zusammengeschustert. Wir haben noch vor kurzem das Format umgestellt - nun haben wir mehr Platz für Bilder und ein großzügiges Layout. Auch inhaltlich versuchen wir, die "Glocke" nicht wie einen Flickenteppich zusammenzuknüpfen. Unsere Themen sollen möglichst viele Schüler betreffen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die "Glocke" vom Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium zum ersten Mal beworben?

Schmitt: Die Teilnahme am SPIEGEL-Wettbewerb ist bei uns schon zur Tradition geworden, aber wir haben nie vordere Plätze belegt. Immerhin hat uns der Wettbewerb zu guter Arbeit angespornt, bis es dieses Jahr tatsächlich geklappt hat. Schon vorher gab es einige Hinweise, dass wir gut abgeschnitten haben. Die endgültige Platzierung wurde aber erst bei der Preisverleihung klar. Dass wir tatsächlich in der Gesamtwertung gewonnen haben und uns Stefan Aust persönlich gratulierte, ist einfach genial. Das muss ich erst einmal sacken lassen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet für dich Journalismus?

"Glocke"-Titelbild: "Die Zeitung soll perfekt aussehen"

"Glocke"-Titelbild: "Die Zeitung soll perfekt aussehen"

Schmitt: Vor allen Dingen Information. Es gibt viele interessante Darstellungsformen, aber die pure Information ist für mich der wichtigste Aspekt dahinter. Sie ist die Grundlage dafür, dass Medien die vierte Gewalt im Staat sind, Information ist Voraussetzung für Demokratie. Deswegen müssen zum Beispiel auch immer wieder die leidigen Lehrerporträts mit in die Schülerzeitung.

SPIEGEL ONLINE: Wurde die "Glocke" auch schon einmal unbequem?

Schmitt: Einmal gab es einen kleinen Sexskandal. Wir hatten eine Ausgabe über Aufklärung fertig produziert. Obwohl das Titelthema "Sexualität" vorher genehmigt worden war, gab unser Schulleiter keinen einzigen Artikel zum Thema frei - die Texte waren ihm zu hart. Wir mussten innerhalb von zwei Tagen einen neuen Aufmacher samt Titelbild finden. Das war kein Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Wie bist du zur Schülerzeitung gekommen?

Schmitt: Ich arbeite nun seit vier Jahren in der Redaktion der "Glocke". Am Anfang stand ein Layout-Workshop, den ich freiwillig besucht habe. Zunächst habe ich in der Produktion der Zeitung gearbeitet. Bald wollte ich dann selbst schreiben. Am Anfang war das gar nicht so einfach und dauerte lange. Bis zuletzt habe ich am liebsten im Team geschrieben, dann waren alle kreativer.

SPIEGEL ONLINE: Was treibt dich an beim Zeitungsmachen?

Schmitt: Es macht einfach Spaß, so kreativ zu sein und ein eigenes Produkt auf die Beine zu stellen. Der einzige Lohn für mich ist, nachher die Zeitung in den Händen zu halten und zu wissen, dass sie die Frucht meiner Arbeit ist. Ich würde mir nur wünschen, dass mehr Mitschüler unsere Zeitung lesen. Kein Schüler der Mittelstufe kauft die "Glocke", vielleicht, weil sie eine Schülerzeitung uncool finden.

"Glocke" im Glück: Christoph Schmitt mit Kollegen Johannes Liebmann, Silvan Horovitz und Johannes Stößel
DPA

"Glocke" im Glück: Christoph Schmitt mit Kollegen Johannes Liebmann, Silvan Horovitz und Johannes Stößel

SPIEGEL ONLINE: Nervt es dann nicht manchmal, so viel Freizeit zu opfern?

Schmitt: Nein, auch wenn meine Abitur-Facharbeit beinahe gelitten hätte. Die Arbeit war für mich eine Bereicherung. Ich habe viel gelernt, was Organisation und Teamarbeit angeht. Die Glocke erscheint dreimal im Jahr mit 350 bis 400 Stück, und an jeder Ausgabe habe ich bestimmt zwei Wochen durchgearbeitet. Natürlich müssen wochenlang vorher die Texte betreut werden. Letztes Jahr wären wir außerdem fast pleite gewesen, denn wir hatten keine Anzeigen. Nur durch Spenden konnten wir die Zeitung retten. Das war eine stressige Zeit, aber trotzdem eine Arbeit, die mir Spaß gemacht hat

SPIEGEL ONLINE: Was macht ihr mit eurem Gewinn?

Schmitt: Vielleicht drucken wir in der nächsten Ausgabe drei Seiten mehr in Farbe, oder wir kaufen neue Software für das Layout. Vielleicht ist auch noch ein Urlaub drin.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht's jetzt nach der Schule für dich weiter?

Schmitt: Ich möchte Mathematik studieren, damit steht mir ja noch vieles offen. Vielleicht auch der Journalismus...

Das Interview führte Carola Padtberg



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