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Schülerzeitung in Bayern: Siebtklässler gegen Schulleiterin

Foto: Peter Preller/ picture alliance / dpa

Schülerzeitung vor Gericht "Bazillus" gewinnt gegen Freistaat Bayern

Noch eine Schülerzeitung? Brauchen wir nicht, wir haben schon eine - fand eine Schulleiterin im bayerischen Landsberg und verbot den Verkauf. Doch die jungen Blattmacher wollten nicht kuschen. Also zog der 12 Jahre alte Herausgeber Stephan Albrecht kurzerhand vor Gericht.
Von Heike Sonnberger

Die Artikel waren geschrieben, das Layout fertig, die Fahne bei der Direktorin - eigentlich stand der zweiten Ausgabe der Schülerzeitung "Bazillus" nichts mehr im Weg. Chefredakteur und Herausgeber Stephan Albrecht, 12, und seine Mitschüler am Ignaz-Kögler-Gymnasium in Landsberg am Lech hatten wochenlang daran gearbeitet.

Die erste Ausgabe, erschienen im Juli, soll Schulleiterin Ursula Triller in einer E-Mail noch gelobt haben. Doch dann änderte die Oberstudiendirektorin ihre Meinung. Im Oktober verbot sie den Sechst- und Siebtklässlern, die zweite Ausgabe auf dem Schulgelände zu verteilen. Begründung: Es kann an jeder Schule nur eine Schülerzeitung geben. Und an ihrem Gymnasium gebe es schon den etablierten "Virus". Damit sei der pädagogische Auftrag der Schule erfüllt.

"Den Sinneswandel kann sich keiner von uns erklären", sagt der Junge, der die Klasse 7c besucht. Seit September sei Frau Triller der Redaktion gegenüber "fies" gewesen. "Wir durften uns nicht mehr in der Schule treffen und keine Aushänge und Durchsagen machen", sagt Stephan Albrecht. Mehrmals habe ihn Triller aus dem Unterricht geholt und zur Rede gestellt. Zwei Schülerzeitungen seien zu viel.

Geeignet, den Schulfrieden zu stören?

Ursprünglich war Stephan Albrecht seit der 5. Klasse Mitarbeiter des "Virus". Die Redaktion habe mehrheitlich aus älteren Schülern bestanden und sei mit der neuen Ausgabe nicht vorangekommen. Da habe er sich entschieden, eine eigene Zeitung für die jüngeren Schüler zu machen. Dass Schulleiterin Triller ihn nun, bei der zweiten Ausgabe, am Verkauf hindern wollte, ärgerte den Siebtklässler - und er zog gegen den Freistaat Bayern, vertreten durch seine Schule, vor Gericht. Anfang Dezember entschied das Verwaltungsgericht München: Albrecht darf den "Bazillus" in der Schule verkaufen.

Triller sagte SPIEGEL ONLINE nichts zu dem Fall, die Schule verweist bei Anfragen auf das bayerische Kultusministerium. In einer Stellungnahme an das Gericht teilte die Schulleitung Ende November mit, der Siebtklässler bestehe mit "Hartnäckigkeit (...) auf einer privaten Schülerzeitung", die "aus pädagogischer Sicht äußerst fragwürdig" sei. Albrechts Verhalten sei "geeignet, den Schulfrieden zu stören".

Im Kultusministerium heißt es, man habe die Schulleiterin in der Angelegenheit beraten und ihr gesagt, dass laut bayerischem Schulgesetz zwei Schülerzeitungen nicht vorgesehen seien. Da gebe es "unterschiedliche Auslegungsmöglichkeiten", so die Ministeriumssprecherin. Das Gericht in München sah es dagegen unzweideutig: "Dem Wortlaut des Gesetzes kann nicht entnommen werden, dass es nur eine Schülerzeitung in jeder Schule geben darf", entschieden die Richter.

Im Namen Trillers erklärt das Ministerium außerdem, inhaltlich habe es nie Einwände gegen den "Bazillus" gegeben. Blattmacher Stephan Albrecht beteuert, die Direktorin habe alle Artikel der neuen 60-seitigen Ausgabe gekannt - darunter Texte über London, die Anschläge vom 11. September, Haustiere, Halloween, Modellautos. "Wir haben wirklich nichts Schlimmes geschrieben", sagt der junge Herausgeber.

Lehrreicher Streit für Schule und Schüler

Ein "mulmiges Gefühl" habe er schon gehabt, sich als Siebtklässler gegen die Schulleitung zu stellen. Doch man müsse für seine Rechte schließlich eintreten und könne nicht "bei jedem Pieps" zurückweichen. Hilfe bekam Albrecht vom Verein Junge Presse Bayern, der ihm einen Anwalt vermittelte. "Wir haben ihm gesagt, dass es anstrengend werden könnte", sagt Mutter Marion Albrecht. "Er wollte es unbedingt."

Nicht nur die Schulleitung, sondern auch der Zwölfjährige konnte aus dem Streitfall lernen: Denn dem richterlichen Beschluss zufolge hätte er seine Schulleiterin nicht einmal um Erlaubnis fragen müssen, ob er und seine Schülerredakteure die Zeitung verkaufen dürfen.

Seit gut vier Jahren können Schüler an öffentlichen Schulen in Bayern nämlich wählen, ob ihr Blatt als Einrichtung der Schule oder als Druckwerk im Sinne des Bayerischen Pressegesetzes (BayPrG) erscheint. Davor unterstanden Schülerzeitungen im Freistaat der Aufsicht der Schulleitung, die Artikel auch aus inhaltlichen Gründen verwerfen durfte. Die Änderung sollte dazu dienen, "die Schülerzeitungen aus dem Verantwortungsbereich der Schulleitung herauszunehmen (…), damit keine irgendwie geartete Zensur stattfinden kann", schreiben die Verwaltungsrichter.

Für den Inhalt der Zeitung sind in diesem Fall die Schüler verantwortlich. Richten die Kinder allerdings Schaden an, haften die Eltern. Direktorin Triller hätte den Verkauf des "Bazillus" untersagen können, wenn die Zeitung beispielsweise das Recht der persönlichen Ehre verletzt hätte. Sie musste ihn aber nicht ausdrücklich genehmigen, so steht es im bayerischen Schulgesetz.

Weil Triller selbst nicht über den "Bazillus" reden will, teilte das Kultusministerium mit, die Direktorin akzeptiere die Entscheidung des Gerichts. Doch Stephan Albrecht und sein Team sind sich nicht sicher, dass sie fortan ungestört ihr Blatt machen können. "Die Schulleitung ist immer noch der Meinung, sie kann bestimmen, wie, wann und wo wir die Zeitung verkaufen dürfen", sagt er. Geht es nach den jungen Redakteuren, soll es auf jeden Fall eine dritte Ausgabe des "Bazillus" geben. Und später möchte Stephan Albrecht vielleicht weiter als Journalist arbeiten - oder sich mit Juristerei beschäftigen. Er findet: "Das sind beides schöne Sachen."

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