Schul-Erkenntnisse Besser lernen ohne Hausaufgaben

Vokabeln pauken, Gleichungen lösen, Gedichte abschreiben: Nach der Schule warten Hausaufgaben. Aber bringen die überhaupt etwas? So, wie sie jetzt sind, nicht, sagen Forscher und Schulleiter. Ihr Urteil: Sie machen schwache Schüler schlechter und gute nicht unbedingt besser.
Von Markus Flohr, Britta Mersch und Katrin Schmiedekampf

Wenn Camilla Schrijvers, 13, gegen 15 Uhr von der Laborschule in Bielefeld nach Hause kommt, dann geht sie reiten, zum Fußball oder trifft sich mit Freunden. An ihrer Schule gibt es keine Hausaufgaben.

Alle Arbeiten werden im Unterricht erledigt, ein Lehrer, der bei Fragen weiterhelfen kann, ist immer in der Nähe. "Nur wenn ich es in der Schule nicht geschafft habe, etwas in einer bestimmten Zeit fertig zu machen, muss ich zu Hause was tun", sagt die Sechstklässlerin. Wie oft das vorkommt? "Allerhöchstens ein bis zweimal in der Woche". Dann sitze sie eine halbe Stunde über den Heften, manchmal auch eine Stunde. "Aber ich versuche das zu vermeiden, damit ich frei habe und reiten gehen kann", sagt Camilla.

Hausaufgaben bringen Schülern nicht besonders viel, haben Studien von Forschern der TU Dresden ergeben. Angeblich tragen sie nicht dazu bei, dass sich die Noten der Schüler verbessern. Die Dresdner Forscher befragten 1300 Schüler und 500 Lehrer an Ganztagsschulen in Sachsen.

Etwa ein Drittel der Lehrer gab zu, nicht einschätzen zu können, ob die Hausaufgaben einen Effekt haben. Bei etwa drei Viertel aller Schüler beobachteten die Lehrer keinen Erfolg. Auch die Schüler selbst waren skeptisch, was den Sinn von Hausaufgaben angeht: Nur jeder Dritte glaubt, dass die Noten durch Schularbeiten besser werden.

Die sächsischen Grünen wollen deswegen schon die Abschaffung der Hausaufgaben an Sachsens Schulen: "Echte Ganztagsschulen bieten die zeitlichen Ressourcen und konzeptionellen Möglichkeiten, die pädagogischen Ziele auch ohne Hausaufgaben zu erreichen", sagte Astrid Günther-Schmidt, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Landtag.

"Andere Kultur der Hausaufgabenbetreuung"

Die Forscher der TU Dresden sehen das Problem vor allem in der sozialen Situation der Schüler: Besonders benachteiligt seien Kinder aus einkommensschwachen Familien, die zu Hause wenig Unterstützung bekommen. "Wir brauchen eine andere Kultur in der Hausaufgabenbetreuung", sagt Andreas Wiere, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Erziehungswissenschaft der Universität Dresden. Etwa in Form von Nachmittags-Angeboten für Schüler, die unterschiedliche Leistungsniveaus berücksichtigen.

Studien des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin zeigen nämlich, dass Hausaufgaben dann zu besseren Schulleistungen führen können, wenn die Schüler verstehen, was sie da lernen sollen. "Wer zu lange an seinen Hausaufgaben sitzt, zweifelt oft an seinen eigenen Fähigkeiten", sagt Schulforscher Ulrich Trautwein, "und kann die Aufgaben deshalb nicht effektiv erledigen." Das wirke demotivierend, koste viel Zeit und ärgere die Schüler - führe aber nicht zu besseren Noten.

Das Problem liegt nicht nur bei den Schülern: "Lehrer sind genauso unterschiedlich effektiv, was die Vergabe von Hausaufgaben angeht", sagt Trautwein. Seine Studien zeigten tendenziell, dass Lehrer, die häufig Schularbeiten aufgeben, in ihrer Klasse bessere Leistungen erzielen. Daraus ließe sich aber keine Regel machen.

"Die entscheidende Frage ist, wie Lehrer die Qualität der Hausaufgaben verbessern können", so Trautwein. Die Lehrer sollten ihren Schülern nicht nur die entsprechenden Seiten im Buch nennen, sondern ihnen auch das nötige Handwerkszeug zum selbstständigen Arbeiten mit auf den Weg geben. Auf diese Weise könnten die Schüler lernen, sich selbst zu motivieren und den Zweck der Aufgaben besser zu erkennen.

"Damit die Schüler nicht aus dem Fenster fallen"

Ein komplett anderes Modell fürs Lernen außerhalb des Unterrichts probieren die Ganztagsschulen: "Da gibt es eigentlich keine Hausaufgaben", sagt Ludwig Stecher vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt. "Da die Schüler ihre Sachen in der Schule erledigen, sind es Schulaufgaben." Oder verlängerter Unterricht.

Die Frage sei im Übrigen nicht so sehr, "ob Hausaufgaben grundsätzlich sinnvoll sind, sondern ob eine Idee und ein Konzept dahinter steht", so Stecher. Er arbeitet mit seinem Team zurzeit an einer Studie zur Entwicklung der Ganztagsschulen in Deutschland.

Was eine Schule konkret unter dem Titel Hausaufgabenhilfe oder -betreuung anbietet, kann sich sehr unterscheiden. "Manchmal heißt das nur, dass da jemand sitzt und aufpasst, dass die Schüler nicht aus dem Fenster fallen", so Stecher. An anderen Schulen gebe es auch Angebote, die die Schüler in Anspruch nehmen können, wenn sie mit den Aufgaben nicht weiter kommen.

Ideal sei aber eine Situation, sagt Stecher, in der ein Schüler beim Erledigen der Schulaufgaben jemanden bei sich hat, den er im Zweifelsfall fragen kann. Der eine kompetente Hilfe anbiete und weiß, was für den Schüler der nächste Lernschritt ist. So könnten die Schüler die Hausaufgaben auch verstehen. Das gebe es auch schon vereinzelt. Um diese Art der Aufgabenbetreuung zu machen, brauchen die Schulen aber Personal, das pädagogisch und didaktisch zumindest ansatzweise geschult ist. Und das kostet Geld.

Machen Hausaufgaben überhaupt Sinn? SchulSPIEGEL stellt drei Schulen vor, an denen das Heimgepauke abgeschafft wurden:

Das Kopernikus-Gymnasium in Duisburg: Selber denken statt stupide wiederholen

Das Kopernikus-Gymnasium in Duisburg hat die klassischen Hausaufgaben ein stückweit abgeschafft. "In einer Umfrage unter Eltern und Schülern haben wir festgestellt, dass die Schüler in den unteren Jahrgangsstufen ihre Hausaufgaben noch gerne machen", sagt Schulleiter Detlef Wöstefeld. Ab der achten Klasse - mit Beginn der Pubertät - sinke die Motivation jedoch enorm, nach der Schule noch Hausaufgaben zu erledigen.

Vor zwei Jahren hat sich die Schule deshalb ein neues Modell überlegt, das zurzeit schrittweise eingeführt wird. Statt haufenweise kleinteilige Aufgaben aus dem Mathe- oder Englischbuch abzuarbeiten, bekommen die Schüler längerfristige Projekte, die den Unterrichtsstoff ergänzen. "Wenn wir zum Beispiel im Latein-Unterricht die römische Götterwelt behandeln, bereiten die Schüler die inhaltliche Einführung selbst vor und präsentieren sie vor der Klasse", sagt Wöstefeld. Die selbstständige Erarbeitung von Themen erhöhe die Motivation der Schüler deutlich. "Sie können neue Lernmethoden ausprobieren", sagt der Schulleiter.

Manchmal muss es aber auch die klassische Lernarbeit am Schreibtisch sein - um das Pauken von Grammatik oder Vokabeln kommen die Schüler auch am Kopernikus-Gymnasium nicht herum. "Wir wollen die stupide Wiederholung des Unterrichtsstoffs möglichst vermeiden", sagt Wöstefeld, "wo es möglich ist, versuchen wir, praxisorientierte Aufgaben zu vergeben."

Laborschule Bielefeld: Alle Arbeiten in der Schule erledigen

"Bis morgen Früh rechnet ihr fünf Päckchen aus" - klassische Hausaufgaben wie diese gibt es an der Laborschule in Bielefeld nicht. Das liegt zum einen daran, dass es sich bei der Versuchsschule um eine Ganztagsschule handelt, die Kinder werden täglich von 8.30 Uhr bis 15 oder 16 Uhr unterrichtet, fast alle Arbeiten erledigen sie in der Schule.

Doch dass den Kindern nicht kurz vor dem Pausenklingeln noch ein Haufen Heimarbeit aufgebrummt wird, liegt noch an etwas anderem: Die Lehrer, und nicht zuletzt die Schulleiterin Susanne Thurn, sind davon überzeugt, dass klassische Hausaufgaben nichts bringen. Es sei einfach Quatsch, davon auszugehen, dass nach einer Schulstunde alle den gleichen Wissensstand haben und dieselben Aufgaben erledigen könnten.

"Kinder, die den Stoff nicht verstanden haben, sitzen später hilflos zu Hause", sagt Thurn. Sie würden lustlos über den Büchern brüten - und schließlich ihre Eltern um Rat fragen. Doch die hätten entweder keine Zeit oder würden mit völlig überholten Methoden versuchen, den Kindern zu helfen.

"Hausaufgaben erhöhen das selektive System hochgradig. Die Kinder, die am nötigsten Hilfe brauchen, bekommen keine", sagt Thurn. Andere, die die Aufgaben mühelos lösen könnten, bräuchten nach der Schule nicht noch mehr zu üben, sagt die Schulleiterin. Alle Arbeiten sollen in der Schule erledigt werden: "Da ist dann immer auch ein Lehrer greifbar, den man Sachen fragen kann."

Nur in Ausnahmefällen sollen ihre Schützlinge sich zu Hause noch einmal hinsetzen - um Referate vorzubereiten, ein Buch zu lesen oder Vokabeln zu pauken. Das besondere Konzept der staatlichen Versuchsschule gibt es seit 1974. Erst ab dem Ende der neunten Klasse werden Zensuren verteilt. Die Schüler werden jahrgangsübergreifend unterrichtet. Sie sollen sich individuell entwickeln. Sonderschüler und Gymnasiasten sitzen in Klassen zusammen, die an der Laborschule Gruppen heißen.

Comenius Schule Darmstadt: "Hausaufgaben lösen Blockaden aus"

"Ich finde es falsch, dass Kinder Hausaufgaben machen müssen", sagt Henning Zeus Zipf, der zur pädagogischen Leitung der Freien Comenius Schule in Darmstadt gehört. Hausaufgaben würden die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern belasten - weil der Nachwuchs an das Erledigen erinnert werden müsse. Manchmal würden sogar Blockaden ausgelöst, wenn Schüler gegen ihren Willen arbeiten. Außerdem gehöre es zur Aufgabe der Schulen, den Kindern den Stoff innerhalb der Schulzeit beizubringen.

"In den höheren Klassen gibt es auch bei uns Dinge, die die Kinder zu Hause erledigen sollen, Referate vorbereiten oder etwas fertig schreiben zum Beispiel", sagt Zipf. Doch die meisten Aufgaben würden die Kinder im Unterricht erledigen. Das sei auch deshalb besser, weil viele Eltern ihnen zu Hause einfach nicht weiterhelfen könnten. Zipf: "Die Schüler sollen nicht alleine, sondern zusammen arbeiten."

Das Konzept der Privatschule ist nicht neu. Seit über 20 Jahren lautet ihr Ziel: "Menschen sollen sich ihrem Wesen nach entwickeln und ihre Potentiale entfalten", so Zipf. Die Schüler haben drei Tage in der Woche von 8.15 Uhr bis 15.30 Uhr Schule, an zwei Tagen nur bis 12.30 Uhr. Die Schule geht von der ersten bis zur zehnten Klasse. Wie viel Schulgeld die Eltern zahlen müssen, hängt von ihrem Einkommen ab - zwischen 185 und 360 Euro.

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