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20. Juli 2011, 15:18 Uhr

Schul-Glaubenskrieg in NRW entschieden

Gymnasium wird Haupt-Schule

Ein Kommentar von

Ist der Schulfrieden in Nordrhein-Westfalen ein Modell für Deutschland? Rot-Grün und CDU versprechen sich zwölf Jahre Eintracht - und hoffen, dass sich ihr jeweiliges schulpolitisches Heilsversprechen von selbst durchsetzt. Die CDU wird dieses Spiel verlieren.

Strategisch klug, schulpolitisch eher mau - auf diese Formel lässt sich der neue Schulfrieden in Nordrhein-Westfalen bringen. Jetzt haben sie erst einmal Zeit gewonnen, die Geheimverhandler von SPD, Grünen und CDU, die sich auf die neue Sekundarschule an Rhein und Ruhr geeinigt haben. Und mehr als ein üppiger Zeitgewinn ist das tatsächlich nicht, was da vereinbart wurde. Denn viel zu unscharf sind die politischen und schulpraktischen Vorgaben. Frei nach dem Motto: Geändert wird nichts, aber alles ist möglich.

De facto hat NRW jetzt ein fünfeinhalbgliedriges Schulsystem: Haupt- und Realschule, Gymnasium, dazu Gesamt- und demnächst Sekundarschule. Und dann noch zwölf Gemeinschaftsschulen, die nach den Sommerferien starten und als "Schulversuch" nun auch von der CDU mitgetragen werden. Das ist ein ziemliches Durcheinander, aus dem sich jede Stadt aussuchen kann, was sie gerade haben möchte. Die Verantwortung wird damit an die Kommunen durchgereicht - und landespolitische Festlegungen werden so vermieden.

Dabei hoffen alle Beteiligten klammheimlich, dass sich ihr Konzept letztlich doch noch durchsetzt: Die CDU hofft auf den Fortbestand der guten Hauptschulen und den Glanz exzellenter Gymnasien, SPD und Grüne darauf, dass sich das gemeinsame längere Lernen durchsetzt. Dabei ist klar: Die besseren Karten hat die aktuelle Minderheitsregierung. Sie kann auf die Schwarmintelligenz der Eltern setzen.

Die Abstimmung mit den Füßen ist in vollem Gang

Dass sich die drei großen Parteien im bevölkerungsreichsten Bundesland auf undogmatisches Abwarten geeinigt haben, ist dabei auch ein bundesweites Signal: Die Zeit der von oben verordneten Schulsysteme ist vorbei, die Entscheidungen müssen unten an der Basis gefällt werden. In Bayern und Baden-Württemberg wird man sich wohl noch eine Weile dagegen sträuben, aber letztlich haben die Verweigerer keine Chance: Denn die Abstimmung mit den Füßen hat vor Ort schon längst begonnen.

Der dramatische Rückgang der Anmeldezahlen an den Hauptschulen wird ganz von alleine dafür sorgen, dass es diese Schulform in fünf oder sechs Jahren kaum noch geben wird. Kein Politiker muss für ihre Abschaffung stimmen, trotzdem wird sie aussterben. Und mittelfristig steht das auch den Realschulen bevor - denn überleben werden die Schulformen, die - zumindest theoretisch - möglichst lange möglichst viele Bildungsoptionen für die Kinder offenhalten. Das werden aller Voraussicht nach genau die Sekundarschulen sein, die eine Kooperation mit einem Gymnasium oder einer Gesamtschule eingehen und damit den Weg zum Abitur ebnen - genau das, was die CDU eigentlich einmal verhindern wollte.

Und noch etwas wird sich verändern: Das Gymnasium wird, im Wortsinne jedenfalls, endgültig zur neuen Haupt-Schule werden. Denn wenn perspektivisch die Hälfte aller Kinder diese Schulform besucht, müssen sich die Beteiligten radikal von Elite-Vorstellungen jedweder Art befreien und ganz neue Konzepte für den Unterricht entwickeln. Diese Veränderungen sind noch gar nicht abzusehen, und nicht wenige Schulpolitiker hoffen wohl insgeheim, dass sie sich in ihrem politischen Leben damit gar nicht mehr befassen müssen. Gerade bei der Union wurde und wird schon die Anpassung des politischen Programms an die heutige Realität vielfach als Zumutung verstanden.

Kein Wunder: Die CDU hat jetzt in NRW die Gemeinschaftsschule light akzeptiert - und damit eine weitere konservative Polit-Bastion geräumt. Die drohende Neuwahl, vor der sich die Union gefürchtet hatte, dürfte damit zwar erst einmal vom Tisch sein. Doch der Preis, den Norbert Röttgen und sein CDU-Landesverband dafür zahlen, ist hoch: Mit dem Schulfrieden haben sie zwar strategisch klug gehandelt und ihre Politik den Realitäten angepasst, doch der Union gehen an Rhein und Ruhr so langsam die Themen aus. Auch in dieser Hinsicht ist der Schulfrieden also vor allem eins: Zeitgewinn. Zeit, die die CDU nutzen sollte, um nicht irgendwann so abgekoppelt dazustehen wie heute schon die Hauptschulen.

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