Sprache in Schulbüchern Verlage stimmen Texte zu wenig auf Schüler ab

Je älter die Schüler, desto komplexer ihre Schulbuchtexte? So einfach ist es nicht. Eine Studie zeigt: Schulbücher passen oft nicht zur Sprachentwicklung der Schüler. Und das hat Folgen.
Schulbücher für Geografie (Symbolbild)

Schulbücher für Geografie (Symbolbild)

Foto: Friedhelm Albrecht

Schulbücher sollten ihre Leser weder unterfordern noch überfordern. Doch beides ist an deutschen Schulen wohl oft der Fall, wie Wissenschaftler aus Tübingen herausgefunden haben. Sie verglichen knapp 3000 Texte aus Erdkundebüchern von vier Schulbuchverlagen und stellten fest: Oft war die Sprache darin eher untypisch für die jeweilige Klassenstufe.

Außerdem nahm die sprachliche Schwierigkeit der Texte zwischen den Klassenstufen nicht immer altersgerecht zu. Das lasse vermuten, dass viele Texte nur bedingt an die Entwicklung der Schüler angepasst seien, teilte die Universität Tübingen mit. "Es gibt noch Verbesserungspotenzial, zum Beispiel beim Wortschatz oder bei den grammatischen Strukturen", sagt Erstautorin Karin Berendes vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Hochschule.

Die Forscher digitalisierten und analysierten Texte aus 35 in Baden-Württemberg zugelassenen Schulbüchern der vier großen Verlage Klett, Schroedel, Cornelsen und Westermann für die Klassen fünf bis zehn an Hauptschulen und Gymnasien. Sie werteten unter anderem aus, wie abwechslungsreich das Vokabular war, aus wie vielen Wörtern ein Satz im Durchschnitt bestand, wie oft der Genitiv verwendet wurde und wie verschachtelt die Sätze aufgebaut waren.

Dann ließen die Forscher einen Computer einschätzen, in welche Klassenstufe ein Text gehört im Hinblick auf seine sprachliche Komplexität. Verglichen die Forscher Texte für die Klassen fünf und sechs mit Texten für die Klassen sieben und acht, lag der Computer bei etwa jedem dritten Text daneben. Beim Vergleich von Texten für Fünft- und Sechstklässler mit Texten für Neunt- und Zehntklässler irrte sich der Computer immerhin noch bei rund jedem vierten Text.

Selbst innerhalb ihrer eigenen Schulbuchreihen schafften es nicht alle Verlage, die sprachliche Herausforderung der Texte halbwegs konsequent von Jahrgang zu Jahrgang zu steigern.

"Meilenweit entfernt von einer Norm"

"Wir sind meilenweit entfernt von einer Norm, wie Schulbücher geschrieben werden müssten", sagt Bildungsforscher und Mitautor Ulrich Trautwein. Die Texte reflektierten vor allem den Schreibstil individueller Autoren und ließen kein gemeinsames Verständnis für die Anforderungen erkennen, die in der jeweiligen Klassenstufe vonnöten seien.

Dabei ist das für den Unterricht sehr wichtig: Zu schwere Texte in Schulbüchern überlasteten das Arbeitsgedächtnis, warnen die Forscher. Die Schüler könnten die Textelemente nicht oder nur bedingt mit den Informationen verknüpfen, die der Text eigentlich vermitteln soll. Zu leicht dürften die Texte ebenfalls nicht sein, weil der optimale Lerneffekt erst dann eintrete, wenn der neue Lernstoff etwas über dem aktuellen Niveau der Schüler liege.

"In den Verlagen gibt es zu wenige Experten, die sich mit einer breiten, sprachwissenschaftlich fundierten Analyse von Texten auskennen", monierte Detmar Meurers, Professor für Computerlinguistik an der Uni Tübingen. Da nicht jeder Schulbuchautor auch ein Sprachexperte sein könne, sollten Verlage sich von Software unterstützen lassen, wie sie auch für die Studie verwendet wurde.

Wie schwer der optimale Schulbuchtext allerdings jeweils sein muss, konnten die Forscher nicht sagen. Es gebe schließlich keine festgelegten Kriterien oder Standards, über welche sprachlichen Fähigkeiten Schüler in den einzelnen Klassenstufen und Schulformen verfügen sollten. Die Studie solle deshalb als "Weckruf" verstanden werden, um solche Standards zu entwickeln, sagte Trautwein.

lov
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