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09. September 2019, 05:03 Uhr

Prognosefehler

Lehrermangel an Grundschulen gravierender als angenommen

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Bei den Prognosen zum Lehrerbedarf an Grundschulen haben sich einige Fachleute gründlich verrechnet, zeigt eine Studie. Sie seien von falschen Zahlen ausgegangen.

Deutschland befinde sich im "Bildungsnotstand", warnen Gewerkschaften bereits und meinen damit vor allem Personalnot: An zahlreichen Schulen herrscht akuter Lehrermangel. Und der dürfte an Grundschulen in Zukunft noch dramatischer werden als bisher angenommen. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die an diesem Montag vorgestellt wird - und einen Rechenfehler aufgedeckt hat.

Die Autoren überprüften eine Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK), wonach im Jahr 2025 voraussichtlich 15.300 Lehrer allein an Grundschulen fehlen werden. Das Ergebnis: Die Zahlen liegen weit unter dem tatsächlichen Bedarf. Der Bertelsmann-Studie zufolge werden insgesamt 26.300 zusätzliche Lehrer an Grundschulen gebraucht - also 11.000 mehr als von der KMK prognostiziert.

Dirk Zorn, Bildungsforscher und Mitautor der Studie, warnt: "Auf Grundlage der zu niedrigen Zahlen werden zurzeit planerische Weichenstellungen vorgenommen, die bis weit ins nächste Jahrzehnt reichen", sagte er dem SPIEGEL. "Die Tragweite solcher Entscheidungen ist daher erheblich."

Zorn und seine Kollegen beziehen sich bei ihren Berechnungen zum Lehrerbedarf auf aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts zur sogenannten Bevölkerungsvorausschätzung.

3,232 Millionen Schülerinnen und Schüler werden demnach im Jahr 2025 eine Grundschule in Deutschland besuchen. Die KMK dagegen sei von nur 3,064 Millionen Schülerinnen und Schülern ausgegangen - 168.000 weniger. Auch im Jahr 2030 werden laut der Studie mehr Lehrer gebraucht als von der KMK eingeplant: Dann dürfte sich eine Differenz von 172.000 Schülerinnen und Schülern ergeben.

KMK rechnete mit veralteten Daten

Bei der Kultusministerkonferenz räumt man ein, mit veralteten Daten gearbeitet zu haben. "Die Vorhersagen des zukünftigen Lehrerbedarfs beruhen auf amtlichen Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung, die bisweilen von unvorhersehbaren Veränderungen überholt werden können", sagte Pressesprecher Torsten Heil dem SPIEGEL.

Für die Berechnung im vergangenen Jahr habe man mit einer Bevölkerungsprognose kalkuliert, die noch von einer geringeren Geburtenrate ausgegangen sei. Heil sagte, die KMK wolle von nun an jährlich einen Bericht erstellen, der den künftigen Bedarf an Lehrern abschätze. Der nächste werde voraussichtlich im November erscheinen. Heil: "Die Vorbereitungen dazu laufen derzeit."

Unwägbar: Folgen von Schulreformen

Bildungsforscher Zorn sagt, der künftige Bedarf an Lehrkräften lasse sich eigentlich mit relativer Sicherheit vorhersagen. Als Grundlage diene zum einen der Geburtenstand eines Jahrgangs, zum anderen der Ersatzbedarf für Lehrer, die aus dem Dienst ausscheiden - etwa aufgrund von Krankheit oder weil sie in den Ruhestand gingen.

Andere Faktoren dagegen seien schwer abzuschätzen. "Wanderungsbewegungen können wir nur schwer vorhersagen", sagte Zorn. Im Normalfall hätten die aber nur einen geringen Einfluss auf Schülerzahlen. Auch Schulreformen schafften Unsicherheit. Wenn etwa innerhalb weniger Jahre vom neunjährigen aufs achtjährige Gymnasium umgesattelt würde und wieder zurück, müsste jedes Mal die Zahl der benötigten Lehrkräfte angepasst werden.

Um den Mangel an Lehrern abzumildern, empfiehlt der Bildungsforscher mehrere Maßnahmen:

GEW fordert Abschaffung des NC

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte angesichts der neuen Daten zum Lehrermangel, den Numerus clausus (NC) für das Lehramtsstudium abzuschaffen und die Zahl der Studienplätze deutlich auszubauen. Es sei eine "Schande", dass junge Menschen keinen Studienplatz bekämen, sagte die Vorsitzende Marlis Tepe.

Statt eine Ausbildungsoffensive zu starten, gebe es in einigen Bundesländern immer noch einen NC für das Grundschullehramt. Wegen der Versäumnisse der Vergangenheit seien die Grundschulen jetzt auf Jahre hinaus auf Seiten- und Quereinsteiger angewiesen, kritisierte Tepe. Diese müssten jetzt jedenfalls eine "gute pädagogische Weiterbildung" erhalten. Die Sparmaßnahmen für Fortbildungsangebote müssten gestoppt werden.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kritisierte die Prognosefehler der KMK und sprach von einem "Armutszeugnis". "Jeder Lehrkraft würde man Vorwürfe machen, wenn sie nur für 18 Schülerinnen und Schüler einen Ausflug plant, obwohl 19 Kinder in der Klasse sind. So ähnlich verhält sich die Kultusministerkonferenz (KMK) mit ihren Prognosen, wenn sie sich um 5,5 Prozent verschätzt", hieß es in einer Mitteilung.

Der VBE kritisiert außerdem, dass die Prognosen nur den Status Quo fortschreiben. Wenn die Politik jedoch Innovation einfordere, solle sie dies auch möglich machen und "nicht an alten Vorstellungen der alleinkämpfenden Lehrkraft festhalten", wie der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann mitteilte. Ehrliche Prognosen rechneten unter anderem ein bedarfsgerechtes Zwei-Pädagogen-System und die Herausforderung ein, den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2025 einzulösen. Beckmann: "Davon sind wir weiter entfernt denn je."

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