Appell eines Lehrers Vergesst Powerpoint

Digitalisierung, das klingt für viele nach besserem Unterricht. Doch oft vermiesen bunte Präsentationen ein Schülerreferat, findet Lehrer Arne Ulbricht. Er sehnt sich nach freier Rede und Karteikärtchen.
Wenn Powerpoint alles überstrahlt: Die Krawatte sitzt, das Wissen nicht

Wenn Powerpoint alles überstrahlt: Die Krawatte sitzt, das Wissen nicht

Foto: Corbis

Wenn sich ein Oberstufenschüler aus den Achtzigern in einen x-beliebigen Kurs von heute beamte, dann würde er vor allem über zwei Phänomene staunen. Erstens: über die Handys, auf die die Schüler ständig schielen. Und zweitens: darüber, dass vor der Klasse oft kein Lehrer, sondern ein Schüler steht, der ein Referat hält, unterstützt mit Powerpoint.

Ich selbst bestehe, im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen, nicht auf Powerpoint oder andere Präsentationsprogramme. Ich ziehe die analoge Variante als Karteikartenreferat vor.

In Geschichte habe ich zum Beispiel ein Powerpoint-Referat über Konrad Adenauer ertragen müssen. Was ich sah, waren viele Bilder, Daten, Pfeile, Verweise, Stichworte, manchmal auch ganze Sätze, und all das leuchtete im Zehn-Sekunden-Takt nacheinander auf - während die Schüler ans Whiteboard starrten und gar nicht sahen, dass der referierende Schüler ebenfalls ans Whiteboard starrte und nicht in Richtung Klasse sprach. Ich stellte anschließend Fragen, die der Schüler nicht beantworten konnte.

Opa erzählt vom Krieg, und alle Augen leuchten

Nicht alle, aber viele Powerpoint-Präsentationen waren lahme Veranstaltungen, weil es nie um den Vortragenden und selten um die Inhalte ging, sondern nur um die Anzahl der Projektionen. Das Wissen war in der Regel auf dem Stick, der Inhalt mit Copy&Shake&Paste aus dem Netz zusammengeklaut.

In meinen Augen sind Karteikartenreferate nicht veraltet, sondern sie bieten eine inzwischen unterschätzte Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass das Wissen auf der menschlichen Festplatte - also dem Gehirn! - gespeichert bleibt. Vor allem dann, wenn die Schüler mithilfe von handschriftlichen Notizen referieren. Selbst wenn sie die Notizen nicht einem Buch, sondern Wikipedia entnommen haben, müssen sie sie notiert und sich intensiver damit beschäftigt haben.

Auch die freie Rede wird besser geschult, wenn der Referent ohne Bilder erzählt und mehr erklären muss. Und auch aktives Zuhören lernen die Mitschüler besser, wenn ein guter Referent vorträgt. Sonst unterscheiden sich die Flimmerbilder wenig von jenen, welche die Schüler in den Pausen auf ihren Handys ablaufen sehen.

In den zurückliegenden Monaten habe ich echte Sternstunden erlebt: Vermutlich werde ich das Referat eines Schülers nicht vergessen, der seinen Großvater stundenlang interviewt hatte und dann aus dessen Erinnerungen vom Krieg erzählte. Das Referat war unglaublich informativ und spannend, weil es Persönliches mit geschichtlichen Hintergründen verwob. Die Schüler klebten an den Lippen des jungen Referenten, der ganz auf Bilder von Opa in Uniform und buntes Kartenmaterial verzichtete. Alle Augen leuchteten, meine auch.

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Zum Autor
Foto: Daniel Schmitt

Arne Ulbricht, Jahrgang 1972, unterrichtet an einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen Französisch und Geschichte. Der Lehrer ist Autor mehrerer Bücher. Soeben ist sein Erzählband "Vatertag!" erschienen. Hier geht es zu seiner Website .