Schule Direkter Weg ins Abseits

Die Zahl der Schwänzer nimmt dramatisch zu, viele von ihnen driften in die Kriminalität ab. Mit zunehmend rabiaten Methoden versuchen die Behörden, Schulverweigerer zu disziplinieren.

Erst 13 Jahre alt war Sandra, als sie der Schule die Gefolgschaft aufkündigte. Jeden Morgen stand das zarte blonde Mädchen pünktlich auf, tat so, als machte es sich für den Unterricht fertig - und blieb dann, während Vater und Mutter ihren Geschäften nachgingen, in seinem Zimmer. Allein, ratlos, aber auch von einer Last befreit.

Von ihren Mitschülern fühlte sich Sandra verspottet. Mit den Lehrkräften an ihrem Gymnasium kam sie überhaupt nicht zurecht.

Anfangs, erinnert sich das Mädchen aus Düsseldorf, riefen die Pädagogen noch alle zwei Wochen bei ihr zu Hause an, um zu hören, wo sie bliebe. Besorgt klangen sie und manchmal auch verärgert. Sandra nahm die Telefonate regelmäßig selbst entgegen und schaffte es, die sie nervenden Frager abzuwimmeln.

Danach hatte sie wieder Ruhe. Die Lehrer resignierten, die Eltern schienen die Krise ihrer pubertierenden Tochter lange Zeit nicht einmal zu bemerken. Zwei Jahre versäumte die Jugendliche so jeden Unterricht.

In einem Land, das sich dem Pisa-Schock zum Trotz noch immer einiges auf seine Bildungsstandards zu Gute hält, sind Schulschwänzer zu einem erschreckenden Massenphänomen geworden. Etwa eine halbe Million Schüler, hat jüngst die Bertelsmann Stiftung geschätzt, meidet regelmäßig den Unterricht. Schon sehen die Experten ein "gesellschaftliches Problem massiven Ausmaßes".

Zwar bleiben nicht alle Drückeberger gleich wie Sandra jahrelang weg. Aber dass die Schwänzerei an Deutschlands Schulen kein harmloser Kinderstreich mehr ist, zeigt auch eine aktuelle Befragung aus Berlin. Dort hielt sich im vergangenen Schuljahr fast jeder fünfte Hauptschüler mehr als 20 Tage vom Unterricht fern.

Schwänzen ist - besonders in den Hauptschulen - zu einer Art Epidemie geworden, und das Ohne-mich-Virus breitet sich offenbar ständig weiter aus. An zahlreichen Lehranstalten, sagt Maria Schreiber-Kittl, die für das Deutsche Jugendinstitut die Flucht aus den Klassenzimmern erforscht, sei "ein reibungsloser Schulbesuch wohl eher die Ausnahme".

Die Folgen sind dramatisch. Fast zehn Prozent aller deutschen Schüler schaffen keinerlei Abschluss - und so haben sie nur noch minimale Chancen, überhaupt jemals den Einstieg ins Berufsleben zu packen.

Viele Bundesländer versuchen bereits, Problemkinder mit speziellen Hilfsprogrammen zur Umkehr zu bewegen. Doch so richtig scheint das Schulschwänzen in den Kultusministerien erst jetzt als das wahrgenommen zu werden, was es für immer mehr junge Leute tatsächlich ist: ein direkter Weg ins gesellschaftliche Abseits.

Aufgerüttelt hat viele der Fall des 19jährigen Robert Steinhäuser aus Erfurt. Der notorische Schulschwänzer, der schließlich von seinem Gymnasium geflogen war, erschoss vor einem halben Jahr 16 Menschen und sich selbst.

Nun überschlagen sich die Kultusbürokratien der Länder mit Vorschlägen, wie gefrusteten Schülern, nachlässigen Eltern und resignierten Lehrern beizukommen ist:

  • Bremen prüft, ob Vätern und Müttern, die ihre Kinder nicht regelmäßig in die Schule schicken, das Kindergeld gekürzt werden kann;
  • Hamburg will den Eltern ebenfalls verstärkt ans Portemonnaie, wenn es beim Schulbesuch der Sprösslinge hapert. "Spätestens bei 50 bis 80 Euro Strafe achten die dann plötzlich sehr genau darauf, ob ihr Kind zur Schule geht", glaubt Hendrik Lange von der Schulbehörde;
  • Berlin setzt auf zusätzliche Lehrerbesuche in den betroffenen Elternhäusern;
  • in Niedersachsen soll künftig - wie im bayerischen Nürnberg bereits seit September 1998 praktiziert - auch die Polizei beim Aufgreifen von Schulverweigerern helfen.

In dem norddeutschen Bundesland startet im Februar nächsten Jahres ein Pilotprojekt mit dem umständlichen Namen "Programm zur Vermeidung von unentschuldigter Abwesenheit vom Unterricht".

So genannte Helferteams, bestehend aus Lehrern, Psychologen und Sozialarbeitern, sollen Aussteiger umdirigieren. Eltern werden per Vertrag zu beherzterem Einschreiten gegen die Bummelei ihres Nachwuchses verpflichtet.

Mit polizeilichen Kontrollen in Spielhallen, Kaufhäusern oder auf Bahnhofsvorplätzen hoffen die Initiatoren, jugendliche Drückeberger beeindrucken zu können. Greift eine Polizeistreife morgens schulpflichtige Jungen und Mädchen auf, informieren die Beamten umgehend die zuständige Schule.

Anstoß für das Projekt gab eine Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, dessen Leiter lange Zeit der jetzige niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer (SPD) war. Die Studie, die nun veröffentlicht wird, widerlegt alle, die meinen, massives Schulschwänzen tatenlos hinnehmen zu können*.

Die niedersächsischen Forscher haben einen deutlichen Zusammenhang zwischen notorischem Schwänzen und Jugendkriminalität festgestellt. Solche Kinder fallen danach dreimal häufiger durch Ladendiebstähle auf als andere. Wer innerhalb eines Schulhalbjahres mehr als zehn Tage geschwänzt hatte, war an Gewaltdelikten sogar viermal sooft beteiligt wie Jugendliche, die regelmäßig am Unterricht teilnehmen. Schwänzen, so die Wissenschaftler, sei "ein wichtiger Risikomarker drohender Fehlentwicklungen".

Gefährdet sind dabei nicht nur Söhne und Töchter von Familien in sozialen Nöten. Auch verwöhnte Mittelstandskinder kehren der Schule immer häufiger den Rücken.

"Kümmert sich ja niemand drum" - wie die Eltern zur Schulverweigerung beitragen

Lesen Sie im zweiten Teil:

Denn viele Eltern - egal, wie gebildet oder begütert sie sind - nehmen es mit der Schulpflicht ihrer Sprösslinge nicht mehr so genau. Manche schicken ihre Kinder nach ausgedehnten Ferien einfach ein paar Tage später in die Schule ("Wir haben den Flieger nicht gekriegt"), andere kümmern sich überhaupt nicht darum, ob ihr Nachwuchs wieder mal keine Lust auf die Schule hatte, oder sie decken sogar dessen Fernbleiben. "Die finden das gar nicht schlimm", sagt die Darmstädter Lehrerin Uli Steck. Auch Entschuldigungen kommen immer mehr aus der Mode.

So weite sich, klagt Steck, manche kleine Schwänzerei schleichend zu einer handfesten Schulverweigerung aus - "nach dem Motto, jetzt war es ein Tag, nun bin ich mal eine Woche krank. Kümmert sich ja niemand drum."

Experten sprechen sogar von Wohlstandsverwahrlosung. In der Schule werden gerade Kinder aus so genannten besseren Kreisen jedoch häufig gar nicht als chronische Schwänzer wahrgenommen. Die Gymnasien reichen ihre Sorgenkinder meist an Real- oder Hauptschulen weiter. "Die vertuschen das Problem gern", weiß Karlheinz Saueressig vom Düsseldorfer Schulamt.

Saueressig ist Spezialist für Schulschwänzer. 1996 gründete er in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt gemeinsam mit anderen das "Rather Modell". Wer hier in einem der vier Schulverweigererprojekte landet, bei dem haben alle anderen Mittel bereits versagt. Das Aufgreifen der Jugendlichen von einem speziellen Ordnungsdienst beispielsweise hilft nur in den harmloseren Fällen, in denen das Schwänzen nicht mehr ist als eine vorübergehende Mutprobe. Die wirklich hartnäckigen Schwänzer schlüpfen meist, kaum sind sie am Schultor abgeliefert worden, zur Hintertür wieder hinaus.

Bußgelder wiederum werden von vielen Familien, vor allem, wenn sie ohnehin nur von Sozialhilfe leben, einfach ignoriert und sind zudem sinnlos bei Eltern, die auch so schon nicht mehr ein noch aus wissen.

Die Mutter der 17-jährigen Dana etwa. Monatelang war das Mädchen nach der Scheidung der Eltern mit ihren Freunden rumgezogen. "Ich bin mit der Trennung nicht klargekommen", sagt Dana, "da hat mich die Schule überhaupt nicht mehr interessiert."

Die Mutter tat, was besorgte Mütter tun können, wenn ihr Kind plötzlich außer Kontrolle gerät. Sie redete mit ihrer Tochter, holte den Vater zu Hilfe, beriet sich mit dem Schulpsychologen - alles vergebens. "Meine Mutter", bestätigt Dana, "wusste überhaupt nicht mehr, was sie machen sollte."

Der Umschwung kam erst, als sich das Mädchen - von der Mutter überredet - das Schulverweigererprojekt in der Düsseldorfer Gerricusstraße ansah. "Hier bin ich total gern", sagt Dana, "und das Lernen macht Spaß."

Das wohl auch, weil die Einrichtung im Stadtteil Gerresheim für die maximal 16 Teilnehmer eher ein Zuhause als eine Lehranstalt ist. Es gibt einen Clubraum, eine Werkstatt, eine Küche und - am allerwichtigsten - immer jemanden, der zuhört, wenn die Kinder Kummer haben.

Und die meisten hier haben jede Menge Kummer. Die 14-Jährige etwa, deren Mutter Alkoholikerin war. Der Junge, der allein mit seiner schwer krebskranken Mutter lebte. Das drogenabhängige Mädchen, das bei seiner Oma wohnte und mit dem die Lehrerinnen morgens erst mal zur Drogenberatung gehen mussten. Oder schließlich die 16-Jährige, die von so ausgeprägten Phobien gequält wurde, dass sie es allenfalls bis zur Schultür schaffte und dann schreiend wieder abdrehte.

"Zu der sind wir nach Hause gegangen und haben sie dort unterrichtet, bis sie irgendwann doch im Stande war, zu uns zu kommen", sagt Roland Kühler, der im Düsseldorfer Stadtteil Flingern einen 400 Quadratmeter großen Werkhof leitet. Außer Englisch, Deutsch und Mathematik lernen seine Problemkinder hier auch zu werkeln, zu malen und in einem schuleigenen Catering Service ein wenig für den Ernstfall Berufsleben zu proben.

"Viel wichtiger als alle Unterrichtsangebote", sagt Lehrer Kühler, "ist es, ihnen immer wieder Kontakte anzubieten, damit sie Vertrauen fassen." Das nämlich sei es, "was die Schule nicht kann, und deshalb fallen die raus".

Eine Beobachtung, die viele Wissenschaftler teilen. Nach einer Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts etwa berichten 23 Prozent der Schwänzer, dass weder die Schulleitung noch die Lehrer auf ihre Abwesenheit irgendwie reagierten oder sich nach der Rückkehr in die Schule dafür interessierten.

Wie sehr Pädagogen oftmals das Problem ausblenden, hat auch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen herausgefunden. Quer durch alle Schulformen, so die Studie, gäben Schüler deutlich häufiger zu, geschwänzt zu haben, als dies ihre Lehrer registriert hätten. Während beispielweise in Hamburg nur 9,2 Prozent aller Lehrer glaubten, ihre Schüler hätten fünf Tage und mehr unentschuldigt gefehlt, räumten das 15,7 Prozent der hanseatischen Schüler auf Befragen ein.

Für die ohnehin oft unter Schulmisserfolgen leidenden Jungen und Mädchen ist die fehlende Reaktion ihrer Lehrer meist ein weiterer Beweis dafür, dass sich sowieso niemand für sie interessiert. "Manche Schülerinnen und Schüler", sagt Expertin Schreiber-Kittl, "versuchen, durch Fehlzeiten die Erwachsenen auf ihre schwierige Situation aufmerksam zu machen."

Und die Lehrer? Die sind gelegentlich wohl gar nicht so böse, einen ihrer Quälgeister mal eine Weile los zu sein. Oder aber sie sind, bei 25 Schülern in der Klasse und immer mehr zerrütteten oder desinteressierten Elternhäusern, schlichtweg überfordert.

Engagieren sie sich aber doch, bleiben von ihren Bemühungen, die säumigen Schüler wieder einzufangen, häufig nur Berge Papier, auf dem sie ihre Anstrengungen protokolliert haben: Die Eltern angerufen - die notierte Handy-Nummer stimmte nicht mehr; ihnen einen Brief geschrieben - keine Antwort; das Elternhaus aufgesucht - die Tür wurde nicht geöffnet; das Jugendamt eingeschaltet - der Sachbearbeiter war nicht da oder für den Fall gerade nicht mehr zuständig. "Bis wir herausgefunden haben, wer das jetzt macht, ist schon viel Zeit vergangen", sagt die Deutschlehrerin Mechthild Ollrog von der Mornewegschule in Darmstadt.

Dort helfen seit acht Monaten die Mitarbeiter von KOMM, einer Einrichtung des Christlichen Jugenddorfwerkes, der Hertie-Stiftung und der Stadt Darmstadt, Schulverweigerung zu verhindern. Margit Simon und Mark Schwerdt sind Experten für alles, was in einem Schülerleben schief gehen kann. Sie fahnden nach Schwänzern, reden mit Lehrern, besuchen Eltern, auch am Wochenende oder am Abend, schlichten Kinderstreit.

Ihr Arbeitsplatz ist ein quietschgelb gestrichener Raum im Parterre der Mornewegschule. Hier sitzen die Sozialarbeiterin und der Pädagoge an einem Dienstagmorgen, schnipseln Obst und erwarten ihre kleine Kundschaft. Lange dauert es nicht, bis sich die Zehn- bis Zwölfjährigen um sie drängeln.

Dabei wird auf den ersten Blick nichts geboten, was Kinder besonders faszinieren könnte. Lediglich ein paar Spiele, mehrere Jugendmagazine - und zwei Erwachsene, die keine Zensuren geben, sondern einfach nur für sie da sind.

KAREN ANDRESEN