Ganz harte Schule Ein Ranzen für Willi

Erstklässler präsentieren stolz ihre neuen Schulranzen. Doch was ist mit einem schwerbehinderten Kind? Braucht es einen Ranzen, obwohl es keine Hefte oder Bücher darin tragen wird? Auf jeden Fall!

Endlich Erstklässler!
Birte Müller

Endlich Erstklässler!


  • Hier schreiben abwechselnd Birte Müller, Silke Fokken und Armin Himmelrath über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Ich weiß noch genau, wie mein Ranzen ausgesehen hat, mit dem ich 1979 in die erste Klasse eingeschult wurde. Er war dunkelblau, sehr quadratisch, mit vielen Reflektoren beklebt. Als ich ihn neulich auf dem Dachboden meiner Eltern entdeckte, war er allerdings stark eingeschrumpft, so wie der Grünstreifen vor unserem alten Mietshaus, der früher eine richtig große Wiese war.

Als unser Sohn Willi genau vor drei Jahren auf einer Förderschule eingeschult werden sollte, bekamen wir von dort die enttäuschende Nachricht, er bräuchte gar keinen Ranzen. Er müsse ja keine Bücher und Hefte transportieren. Ein kleiner Rucksack würde reichen.

Willi selber konnte sich unter dem Wort "Schule" überhaupt nichts vorstellen, unter "Ranzen" schon gar nicht. Und da er alles Neue grundsätzlich ablehnt, hätte er, selbst wenn er sprechen könnte, ganz sicher gesagt, dass er so ein Ding NICHT haben wolle.

Willi ohne einen Ranzen einzuschulen, kam für uns aber nicht infrage, das hätte mich wirklich traurig gemacht. Bei allem, was mein Mann und ich selber als Kind hatten, sind wir ausnahmsweise mal nicht so geizig. Egal ob unser Sohn ihn brauchte oder nicht, egal ob Sonderschule oder nicht, er sollte einen blauen Scout haben, wie wir früher. Der Ranzen bedeutete für uns ein bisschen Normalität in einem ansonsten ziemlich umgekrempelten Leben.

So kauften wir für Willi (na ja, genaugenommen also für uns) kurz vor Schulbeginn bei Ebay einen günstigen, nagelneuen Ranzen, Federtasche und Turnbeutel mit Fischen drauf - da Willi in der Zeit ein großer Aquarium-Fan war.

Der Ranzen steht für Schule

Von meiner Schwiegermutter bekam ich unauffällig - mit dem Hinweis, dass es sich nicht um eine Einmischung handeln sollte - eine Broschüre zum Thema "Richtiger Ranzenkauf" überreicht. Aber nachdem gleich im ersten Absatz stand, dass der Ranzen UNBEDINGT vom Kind vor den Augen eines Fachverkäufers probegetragen werden müsse, schmiss ich sie sofort in den Müll. Was für eine Horrorvorstellung: Ein überforderter Willi in einem Schreibwarenladen, zwischen Regalen mit Unmengen von griffbereitem Kleinscheiß, wo er gegen seinen Willen einen unbekannten Gegenstand auf den Rücken nehmen soll! Er würde sich mit aller Kraft und Lautstärke wehren. Diese Tortur ersparten wir Willi, uns und dem Fachverkäufer.

Willi schien durch seinen Schulranzen damals zwar wenig beeindruckt, aber es ist gut, dass wir ihn haben. Ein Ranzen steht fast überall als Symbol für Schule. Ein Symbol, welches Willi jetzt verstehen gelernt hat. Wenn er in den Ferien findet, dass die Schule wieder losgehen könne, kramt er seinen Ranzen aus der Abseite und stellt ihn mir samt Brotdose vor die Nase. Hat er morgens mal keine Lust, zur Schule zu gehen (was zum Glück selten ist), wirft er den Ranzen in hohem Bogen in den Flur und knallt die Tür zu.

Tatsächlich nutzen wir den Ranzen gut aus. Es sind zwar keine Bücher drin, aber er ist täglich vollgestopft mit Unmengen Wechselklamotten, Windeln, der gigantischen Brotdose und Willis Sprechcomputer.

Die Anschaffung des Ranzens haben wir nie bereut. Willi nimmt ihn zwar keinesfalls selbst auf den Rücken, sondern lässt ihn sich schön bequem von uns zum Bus und am Nachmittag wieder zurück ins Haus tragen. Aber in dem Punkt verhält er sich immerhin mal genauso normal wie seine Schwester.

Zur Person
  • Birte Müller, Jahrgang 1973, ist Kinderbuchautorin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern Willi, 9, (Down-Syndrom), und Olivia, 7, (Normal-Syndrom), in Hamburg. Ihr Lebensmotto: It's not a bug, it's a feature.


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