Schule für Hochbegabte Kleine Köpfe, großes Chaos

Max Bauer lebte in seiner eigenen Welt, still und schweigsam, bis er sitzen blieb. Amelie H. rannte weg und fragte: "Was soll ich auf dieser Welt?" Schwer erziehbar? Nein, nur hochbegabt. Eine Hamburger Schule fängt Sorgenkinder mit einem IQ über 130 auf. Von Klaus Brinkbäumer

Warum Hochbegabte zwar Talent, aber auch ein Chaos im Kopf haben und leicht zu erschüttern sind. Und wieso hochbegabte Mädchen seltener auffallen

Ein winziges Boot aus Styropor liegt träge in einer Plastikschüssel, aber wenn man Zahnpasta hinter das Heck spritzt, schießt das Boot nach vorn. Warum? In einer weißen Porzellantasse, über den Rand voll mit Wasser, haben 13 Münzen Platz, aber bei der 14. läuft das Wasser über. Wieso? Die Kochplatte ist heiß, und wenn die Kinder nun Wasser ... "Als ich klein war", ruft Friedrich Kunst, 10, "wollte ich meiner Mama beim Kochen helfen." "Ja?", fragt Petra Heilmann, die Lehrerin. "Ja, und dann spritzte Wasser auf die Platte, und es wurde in ganz viele kleine Bläschen zerteilt, und die sind dann wie auf einer Tanzfläche herumgehüpft." "Das ist so, wie wenn Quecksilber auf den Boden fällt", ruft Max Bauer, 11, "dann formen sich kleine Kügelchen und rollen herum. Das sieht geil aus." "Du immer mit deinem Quecksilber", sagt Petra Heilmann, die Lehrerin, "also, probiert es aus." Nun stehen sieben Kinder um die Versuchsanordnung herum und klecksen und spritzen; das heißt, sechs Kinder stehen da, denn Max Bauer, weite Jeans, weites Sweatshirt und strubbelige Haare, dreht dem Geschehen den Rücken zu. "Max macht nicht mit", ruft Ronja Rituper, 9. "Aber Max hört zu, Max hört immer zu, nicht wahr? Max?", fragt Petra Heilmann, die Lehrerin. "Ja", sagt Max. Und dann erklärt er den anderen, was Oberflächenspannung ist und was Wasserstoffmoleküle sind und wie die Kohäsions- und die Adhäsionskräfte des Wassers wirken. Und noch immer sind die anderen sechs fasziniert, seit einer halben Stunde schon, denn wie immer sind sie genau so lange fasziniert, bis Petra Heilmann sagt: "So, und morgen schreibt ihr bitte das Versuchsprotokoll." "Och, nee", rufen die sieben Hochbegabten der Hamburger Brecht-Schule. "Sie haben bitte gesagt", sagt einer, "also müssen wir nicht." Ist das elitär? Die Zucht künftiger Leistungsträger? "Es ist der Versuch, Schülern, die nicht den geraden Weg gehen, zu begegnen und ihnen entdeckendes Lernen zu ermöglichen. Kreatives Lernen. Projektbezogenes Lernen", sagt Klaus Nemitz, der Schulleiter. Es sei genau das, was man tun müsse, um hochbegabte Kinder vor dem Absturz zu bewahren, davor, dass sie sich irgendwann allen Anforderungen verweigern und sitzen bleiben, davor also, als Haupt- oder Sonderschüler zu enden. Seit einem Dreivierteljahr sammelt die Brecht-Schule am Holzdamm in Hamburg-St. Georg norddeutsche Kinder mit einem Intelligenzquotienten von über 130 ein und schleust sie durch ihr neues Programm. "Separation" und "Integration" heißen die Zauberwörter, die sich theoretisch natürlich widersprechen, aber hier gemeinsam zum Konzept werden sollen: Damit die sieben Hochbegabten gefordert und gefördert werden können, lernen sie Naturwissenschaften, Englisch, Mathe und Deutsch unter sich in der winzigen Klasse 5b ­ und damit sie keine kleinen Spinner werden, die irgendwann Zahlenreihen ausspucken, aber keine Freunde mehr haben, die ihre Zahlenreihen hören wollen, werden sie für Kunst, Musik, Sport und vor allem für das hier an der Brecht-Schule konzipierte Fach namens "Soziales Lernen" mit den 16 ganz normalen Kindern aus der Klasse 5a zusammengeführt. Manche Eltern gönnen ihren kleinen Einsteins
alles, nur nichts Fröhliches
Es gibt Eltern, die damit nicht besonders gut leben können, da ihnen das Ganze zu spielerisch ist und zu sozial, zu wenig Drill und zu wenig Disziplin. Eltern sind das, die ihre Kleinen mindestens für neue Einsteins halten und ihnen deshalb alles gönnen, nur nichts Fröhliches; Eltern also, für die wohl auch die Brecht-Schule nur eine Durchgangsstation auf dieser endlosen Suche nach der passenden Lernanstalt fürs hochbegabte Kind sein wird. Es gibt aber auch Eltern wie die Bauers aus Reinfeld in Schleswig-Holstein. "Max spricht wieder", sagt Patricia Bauer. Und dann zeigt sie den Pappteller, den Max vom Sozialen Lernen mit nach Hause gebracht hat. "Aufbauer" stehen darauf, Komplimente, die ihm die anderen Kinder gemacht haben: "Coole Hose und Pullover", "Du bist im Ganzen nett", "Coole Frisur". Als er noch aufs Gymnasium ging, kurz bevor er dort sitzen blieb, hatte Max noch gesagt: "Ich bin doof, ich kann nichts." Max, immer schon korpulent, immer schon schweigsam, spielte bereits im Kindergarten ganz allein, und wenn er heimkam, setzte er sich ans Schlagzeug und trommelte. Zornig war er, aggressiv, und in der Grundschule fiel er auf, weil er auf einmal den Klassenclown gab. Patricia Bauer, die ihr Kind als "sehr anstrengend" erlebte, fuhr mit Max zu einer Psychologin, wo er einen Test machte, ein so genanntes Adaptives Intelligenz-Diagnostikum. Über die Aussagekraft solcher Tests in solch frühem Alter streiten die Gelehrten, aber Max erreichte eine ziemlich aussagekräftige Punktzahl über 130, jenem Intelligenzquotienten der Hochbegabten, den zwei Prozent der Bevölkerung haben. Und die Mutter bekam Angst. "Man kann das eigene Kind nicht abstürzen sehen" "Je dünner die Luft, desto einsamer bist du", sagt sie, "ich sah große Probleme auf uns zukommen." Was tun mit einem Kind, das so klug ist und zugleich derart eigenwillig, dass Lehrer es für dumm und störrisch und daher für "nicht beschulbar" erklären? Wohin mit Max? Die Bauers ließen ihn eine Klasse überspringen, dann bekam er eine Realschulempfehlung, aber sie schickten ihn aufs Gymnasium. Wo er der Jüngste war und allein. Wo er scheiterte. "Dieses Kind passt überhaupt nirgendwohin", sagte der Klassenlehrer. Und heulend saß Patricia Bauer vor Schulleitern und bat darum, dass sie ihren Sohn aufnehmen würden. Und wenn sie dann sagte, ihr Kind sei hochbegabt, es könne doch nichts dafür, stieß sie auf das alte, nicht zu tötende Vorurteil: So ein Unfug, sie sei bloß eine dieser hyperehrgeizigen Mütter; anpassen müsse der Junge sich, Regeln lernen, gruppenkompatibel müsse er werden wie alle Mitglieder der Gesellschaft. Lehrer und Eltern sagten so etwas; es waren Sprüche jener Sorte, mit der alle zu kämpfen haben, die aus irgendeinem Grund als befremdlich und bedrohlich gelten. "Dabei ist es doch so einfach: Man kann das eigene Kind nicht abstürzen sehen", sagt Patricia Bauer. Ausschneiden ist Kinderkram, findet Max Denn hochbegabte Kinder sind neugierig und phantasievoll, sie sind selbstbestimmt und willensstark, sie sind empfindlich und ­ das macht sie so anstrengend ­ von einer Beherrschungswut gleichsam besessen. Anpassen? Auswendig lernen? Warten? "Man kann ihnen das vermitteln, doch man darf das nicht voraussetzen", sagt Klaus Nemitz, der Schulleiter. In Mathe zum Beispiel mussten die Hochbegabten aus der fünften Klasse gestern Trapeze ausschneiden und zu Rechtecken zusammenlegen und aufkleben. Max Bauer tut so etwas nicht. Ausschneiden ist Kinderkram, und er ist hochbegabt, und das weiß er. Und als hätte er einen Ruf zu verlieren, hat er deshalb zu Rechtecken zusammengebaute Trapeze in gestrichelten Linien in sein Heft gemalt und eine kleine Schere oben an den Rand ­ zum Selber-Ausschneiden für den Lehrer, wie auf einem Bastelbogen. Im Gymnasium hätte er die Aufgabe damit vermasselt und wiederholen müssen ­ hier loben sie ihn für seine komische Idee. Lesen Sie im zweiten Teil: Die Brecht-Schule, 450 Schüler, 53 Lehrer, ist eine GmbH, getragen vom Kollegium, und ein Sammelbecken für gestrandete Kinder. 215 Euro im Monat (plus 31 Euro für die freiwillige Hausaufgabenbetreuung) zahlen die Eltern dieser Kinder, die anderswo nichts lernen wollten oder konnten, Kinder aus der Bahnhofsszene, vorbestrafte Kinder, Kinder, die auch mit zwölf nicht lesen und nicht schreiben können. Dass auch Hochbegabte Sorgenkinder sein können, ist zumindest in den alten Bundesländern ein neuer Gedanke. Im Osten, wo Eliteausbildung, im Sport etwa, selbst zu Honeckers Zeiten gewünscht war, gibt es eine Menge Förderprogramme wie jenes des Gymnasiums St. Afra in Meißen. Im Westen gibt es Schulen in Geseke (Nordrhein-Westfalen) und Braunschweig, aber ansonsten nicht viel. Bis Mitte der Neunziger war das Thema seltsam belastet, fast so, als wollten die Pädagogen sich vor dem Verdacht schützen, ein zweites Mal bei der Zucht von Übermenschen mitzuwirken. "Aber es geht um Kinder, die Hilfe brauchen", sagt Klaus Nemitz. Hochbegabte sind ja keine Hochleister, zumindest viele Jahre lang nicht; sie haben nur mehr Talent und mehr Interessen als andere, aber auch ein Chaos im Kopf, und deshalb sind sie leicht zu erschüttern. Nicht alle von ihnen sind exzellente Schüler: Sie haben ein fotografisches Gedächtnis und entwickeln mathematische Formeln, doch sie vergessen, ihre Vokabeln zu lernen. Aber hier, in zwei fünfstöckigen Altbauten mit engen Gängen, treffen sie auf Lehrer, die Angestelltenverträge haben und sich deshalb als Trainer verstehen, "Begeisterte, die Wärme ausstrahlen sollen", wie Nemitz sagt. Die kleinen Kniffe der Pädagogen Arne Blohm-Sievers, der Klassenlehrer der 5b, ein Mann mit hochgekrempeltem Strickpulli, Brille und Dreitagebart, ist jedenfalls einer, der sich verliebt hat in das neue Projekt. Man müsse, sagt Blohm-Sievers, die Hochbegabten-Förderung mit einem Projektunterricht beginnen, einer Entdeckungsreise, damit sich eine Gemeinschaft bilde. Als damals, im Sommer 2001, der stille Max Bauer das Thema hörte, "Fledermäuse", sagte er, was er immer sagt: "Keine Lust." Dann zeigte Blohm-Sievers betont beiläufig auf ein Buch, das auf dem Schreibtisch herumlag und sagte: "Das ist das schwierigste Buch, das es gibt." Klar: Das reizte den kleinen Max. Und am Ende stand er im Wildpark Schwarze Berge, es regnete, aber er hielt sehr erwachsen und sehr wichtig seinen Vortrag über Fledermäuse, und damit war er angekommen in der neuen Klasse. "Man muss diesen Kindern ein Ziel geben und eine Methode, und dann muss man sagen: Seht mal zu, wie ihr dieses Ziel erreicht", sagt Blohm-Sievers. In Deutsch lesen sie zum Beispiel die "Vorstadtkrokodile" von Max von der Grün. Alles, was mit Büffeln, mit Regeln, also mit Langeweile zu tun hat, lehnen Hochbegabte ab, und darum sagt Blohm-Sievers: "Legt einen Ordner an, mit acht Kapiteln. Ihr könnt Personen beschreiben, Geräusche aufnehmen, einen alternativen Schluss entwickeln. Macht etwas draus." Und natürlich macht Max Bauer etwas, was nicht vorgeschlagen wurde: Er zeichnet einen Bauplan zur Restaurierung der in den "Vorstadtkrokodilen" zerstörten Waldhütte. Einer wie er kann nur etwas Eigenes machen. Aber das kann er. Hochbegabte Mädchen sind braver, passen sich an Natürlich haben Jungen wie Max das Glück, dass sie irgendwann aufgefallen sind. Jungen trotzen, Jungen prügeln, Jungen werden zum Psychologen geschickt. Die Mädchen sind eher brav. Sie passen sich an, sie funktionieren. Vor allem daran liegt es, dass mehr als 75 Prozent der entdeckten Hochbegabten Jungen sind. Amelie H., 9, Intelligenzquotient deutlich über 130, ein blondes Mädchen aus Ahrensburg, das sich jeden Morgen kunterbunt anzieht, lernte in sechs Wochen Lesen und Schreiben, und dann las sie nachts ihre Sachbücher und ihre Krimis. Sie kam leicht durchs Leben, bis das alles zu leicht wurde und Amelie die Hausaufgaben einstellte. Und bis die anderen spotteten und sie ausschlossen. Amelie wurde krank, lief aus der Schule weg und fragte: "Was soll ich auf dieser Welt?" Ihre Eltern, er freier Finanzdienstleiter, sie gelernte Hotelfachfrau, waren ratlos wie alle Eltern von Hochbegabten. "Ich habe mich durch das Abitur gequält, ich fand es erschreckend, wie schnell meine Tochter begreift", sagt der Vater. "Was glaubst du, was du gut kannst?" Sie ließen Amelie die dritte Klasse überspringen, aber Freunde fand sie dadurch nicht. Amelie litt auch in der vierten Klasse; die Eltern wollten schon eine eigene Schule gründen, als sie von der Brecht-Schule hörten. "Natürlich müssen Kinder wie Amelie ihre Kindheit haben, aber sie brauchen Futter", sagt der Vater. Es ist Mittag in der Brecht-Schule, die fünfte Stunde, Soziales Lernen. Die Hochbegabten und die Normalen sitzen zu zweit an den Tischen. Sie sollen malen, zu zweit mit einem Stift, und dabei sollen sie kapieren, dass sie erstens mehr Spaß haben zu zweit und dass zweitens die Zusammenarbeit dann besser hinhaut, wenn ein Kind führt und das andere vertraut. Amelie, die Klassensprecherin, und ihre Partnerin malen ein Bild nach dem anderen; Max kichert vor sich hin und dreht allem den Rücken zu. "Aber er hört", sagt Arne Blohm-Sievers, der Lehrer. Dann sollen die Kinder Fragebögen ausfüllen. "Was glaubst du, was du gut kannst?", steht da und: "Was glaubst du, was andere an dir schätzen?" Die Hochbegabten trauen sich, nach neun Monaten in der Brecht-Schule, und schreiben ihre Blätter schnell voll; es gibt andere Sorgenkinder hier, Kinder, die alles frei lassen oder zweimal "gar nichts" hinschreiben. Traurige, einsame Kinder. Es gibt aber auch Momente, da ist das anders. Neulich war Wandertag, und die 5a und die 5b gingen zusammen Schlittschuh laufen. Weil die meisten der kleinen Genies diverse Klassen übersprungen haben und jünger sind als die anderen, weil sie ihre Körper ohnehin als eher lästig empfinden und mit Sport nicht viel anfangen können, stolperten sie übers Eis. Da nahmen immer zwei Normale ein hochbegabtes Kind in die Mitte und zeigten, wie man sich bewegt auf dem Eis. Und darauf sind sie in der 5a heute noch stolz.

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