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15. Januar 2018, 10:46 Uhr

Lehrer im Himalaya

Schule auf dem Dach der Welt

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Wenn im Himalaya die Schulferien zu Ende gehen, beginnen die Lehrer der Lamdon Model High School den gefährlichen Marsch zurück zu ihrer Schule - über Eis und Felsen, durch eine spektakuläre Landschaft.

Es herrschen minus 35 Grad, und die Wanderung dauert mehrere Tage: Jedes Jahr wagen sich die Lehrer der Lamdon Model High School nach den viermonatigen Winterferien über den gefrorenen Fluss Zanskar oder die Felsen an seinen Ufern auf den Rückweg zu ihrer Schule.

Die abgelegene Region Zanskar liegt im Himalaya, im indischen Jammu und Kaschmir. Im Winter ist die einzige Zufahrtsstraße verschneit und unpassierbar, die Einwohner vollkommen isoliert. Doch im Januar gefriert der sonst reißende Fluss. Die Menschen nutzen ihn nun als Pfad in die Welt hinaus - zu Fuß über das Eis. Chadar Trek nennen sie den Weg hier.

Rund ein Dutzend der 20 Pädagogen an der Lamdon Model High School stammt aus anderen Regionen Indiens. Sie verlassen die Schule in den Winterferien, um bei ihren Familien zu sein. In den kältesten Monaten von Anfang November bis Anfang März bleibt die Schule vier Monate lang geschlossen. Die Lehrer kehren meist Mitte Februar zurück.

Lagerfeuer im Eis

Der italienische Fotograf Bruno Zanzottera hat eine Gruppe von ihnen fünf Tage lang auf ihrer anstrengenden Reise begleitet: "Ich will zeigen, welche Schwierigkeiten und Gefahren manche Lehrer auf sich nehmen, um den Schülern einer der entlegensten Gegenden der Welt die Chance zu geben, eine Ausbildung zu erhalten."

Er zeigt die Lehrer in der verschneiten Landschaft, wie sie an Felsen entlangkraxeln, das Eis unter dem Gewicht ihrer Schritte zu knarzen scheint und sie bei eisigen Temperaturen um ein Lagerfeuer sitzen. Seine Fotos erzählen aber auch vom Schulalltag wenige Monate später: Schüler lauschen aufmerksam dem Lehrer, werden nach Unterrichtsende von einem orangefarbenen Schulbus abgeholt oder verbringen ihre Pause vor einem buddhistischen Denkmal.

Rund 300 Kinder und Jugendliche vom Kindergarten bis zur 10. Klasse besuchen derzeit die Schule. Sie kommen aus Padum, der größten Stadt der Region, und aus kleinen Dörfern des Tals. Jedes Jahr werden circa 30 neue Jungen und Mädchen aufgenommen. Sie werden per Los ausgewählt, denn es gibt immer mehr Anwärter als Plätze.

Genügend Lehrpersonal für die Schule zu finden, ist schwierig. Denn abgesehen von der abgeschiedenen Lage der privaten Schule ist an staatlichen Schulen die Arbeitszeit kürzer und die Bezahlung besser. Die Lamdon Model High School wird von einer gemeinnützigen Organisation finanziert.

dbate-Reportage über Todeszone Himalaya

Einen besonderen Schwerpunkt legt die Schule auf den Erhalt lokaler Traditionen. Neben Mathematik, Geschichte, Hindi und Englisch lernen die Kinder auch Bodhi, einen tibetischen Dialekt, der in Ladakh und Zanskar gesprochen wird, und Urdu, die Verwaltungssprache von Jammu und Kaschmir.

Mittlerweile wird eine Straße gebaut, um Zanskar eines Tages auch im Winter erreichen zu können. Bis sie allerdings fertig ist, wird es noch Jahre dauern - und so lange müssen die Lehrer weiter ihren gefährlichen, aber spektakulären Weg durch den Himalaya nehmen.

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