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15. September 2005, 11:09 Uhr

Schule in China

Die Kung-Fu-Kids von Shaolin

Aus Henan berichtet

Neben dem chinesischen Kloster Shaolin steht die größte Kampfsportschule der Welt. Als einer von 14.000 Schülern lebt hier Liu Jianwen und trainiert jeden Tag hart. Der Achtjährige hat nur ein Ziel: Weltmeister werden.

Kung-Fu-Schüler Liu Jianwen: Entschlossen in den Spagat
Carola Padtberg

Kung-Fu-Schüler Liu Jianwen: Entschlossen in den Spagat

Um neun Uhr abends ist Liu Jianwen an der Reihe. Der Achtjährige trägt ein rotes Stirnband, das lässt ihn älter aussehen und martialisch, wie einen kleinen Rambo. Seit einigen Minuten wartet Jianwen mit fünf Mitschülern am Rand des staubigen Sportplatzes und beobachtet die letzten Bewegungen der Kampfgruppe vor ihm. Dann holt Jianwen noch einmal tief Luft. Er reckt sein Kinn und stürmt mit einem Schrei den Kampfrichtern entgegen.

Auf Jianwen folgen fünf Jungen mit todernsten Mienen und wirbeln über den Kampfplatz. Mit Füßen und Fäusten wehren sie imaginäre Feinde ab, sie springen im Flickflack durcheinander, stoßen ihre Lanzen in die Luft und drehen Pirouetten. Jede Bewegung ist einstudiert, die Kür sitzt perfekt. Die Kinder kennen da keinen Spaß. Und während die anderen kleinen Akrobaten zu einer Pyramide behende übereinander klettern, führt Jianwen mehrmals langsam eine Eisenstange zu seinem geneigten Kopf. "Ha!", mit einem heftigen Schrei lässt er sie auf seinem Kopf zerbrechen.

Shaolin Kung Fu - das sind nicht nur die sonderbaren Praktiken der Show-Kampftruppe, bei der die Mönche Ziegelsteine an ihre Hoden binden und sie hoch heben. Dafür muss ein Kämpfer sein Gemächt von frühester Jugend an stählen und sehr, sehr willensstark sein. Shaolin Kung Fu ist auch der Lebensmittelpunkt von 14.000 Schülern der Tagou Schule in der Provinz Henan in China.

Jianwen kam vor einem Jahr von Sichuan nach Shaolin. Dort besucht er die dritte Klasse der Tagou Akademie, der größten und berühmtesten Kung-Fu-Schule Chinas. 1000 Kilometer von zu Hause entfernt sieht Jianwen seine Eltern nur noch dreimal im Jahr: wenn er im Winter einen Monat Ferien hat und wenn, wie jetzt, die halbjährlichen Schulmeisterschaften stattfinden. Dann reist seine Mutter nach Shaolin und kocht zwei Wochen lang für ihren Sprössling.

180 Euro kostet Jianwens Eltern die Kung-Fu-Ausbildung im Monat, das ist viel Geld für eine Bauernfamilie. Doch Familie Liu hat gespart, weil Tagou die beste Schule im Reich der Mitte sein soll. Sie ist die einzige, die auf dem Berg Song Shan stehen darf, nur ein paar hundert Meter entfernt vom Kloster Shaolin, in dem Buddhas Nachfolger Kung Fu erfunden haben.

Nun trainiert Jianwen sechs Stunden täglich und lernt in der restlichen Zeit Schreiben, Rechnen, Naturwissenschaften und ein bisschen Englisch. Wenn er zehn Jahre alt ist, wird er in die buddhistische Philosophie eingeführt. Wer in Tagou die Prüfung absolviert, wird von der chinesischen Polizei oder der Armee gern genommen, auch eine Karriere als privater Bodyguard kommt in Frage.

Kung Fu soll Körper und Geist stark machen

Weil der Name "Shaolin" so werbewirksam ist, siedelten sich in den letzten Jahrzehnten mehr als 30 Schulen auf dem Berg an, große und kleine, die sich "Shaolin" nannten und mit Buddhismus und Meditation wenig am Hut hatten. Doch Shi Yungxing, der Abt des Klosters, ließ sie alle abreißen. Er will das Shaolin Kloster auf die Weltkulturerbeliste der Unesco bringen. Zig Sportschulen störten dabei die Besinnlichkeit des 500-Seelen-Dorfes. Nun stehen die Kampfakademien ein paar Kilometer entfernt in der Stadt Dengfeng.

Kids auf dem Schulhof: Kämpfen für Gerechtigkeit
Carola Padtberg

Kids auf dem Schulhof: Kämpfen für Gerechtigkeit

Nur die Tagou Akademie von Liu Baoshan durfte bleiben. Der Gründer der Schule sieht Kung Fu nicht als Kampfsport, sondern als Lebenskunst, die eine reine und höhere Persönlichkeit bildet. "Geduld und hartes Training" ist für den Gründer das Erfolgsrezept des Kung Fu. Doch neben dem sportlichen gebe es auch einen moralischen Aspekt. "Meine Schüler müssen lernen, ihr Können nur zu guten Zwecken einzusetzen." Deswegen verteilt Liu ein Heft mit moralischen Ratschlägen an jeden Schüler. Darin steht: "Handele nach hohen Idealen. Strebe nach Weisheit und trainiere den Körper. Fürchte niemals das Böse. Kämpfe stets für Gerechtigkeit."

Kung Fu soll stark machen, geistig wie körperlich, und deswegen ist der Sport so populär wie nie. Lange war die Kampfkunst im kommunistischen China verboten. Dann entdeckten Europa und die USA dieses Vermächtnis der buddhistischen Mönche. Es kamen Kung-Fu-Filme mit Bruce Lee, später mit Jackie Chan und heute mit Jet Li in die Kinos. Carl Douglas sang den Riesenhit "Kung Fu Fighting", und die HipHop-Combo Wu Tang Clan rappte in den Neunzigern über Shaolin-Schwerter. Da begriffen die Kommunisten, dass die Mönche Shaolins für sie keine Gefahr bedeuten - sondern im Gegenteil ein todsicheres Geschäft. Sie veränderten das traditionelle Kung Fu und nannten es fortan "Wushu".

Heute reisen Menschen aus Europa und den USA nach China, um den Jahrtausende alten Kampfsport zu erlernen. Besonders in den Sommermonaten fallen die Ausländer in Tagou ein. Für einen Monat Unterricht in kleinen Gruppen plus Unterkunft in feuchten Mehrbettzimmern zahlen die Ausländer 690 US-Dollar oder 24 Dollar am Tag, wenn sie kürzer bleiben wollen. Sie wohnen im separaten Fremdenhotel, sie essen und trainieren getrennt von den Kinder, und doch atmen sie die Luft Shaolins.

Die Trainer kennen kein Erbarmen

Die Trainingsbedingungen allerdings ändern sich für die Westler nicht. Reto Felber, Kunststoffingenieur aus der Schweiz, wollte für ein paar Tage mittrainieren. Zwar übt der 32-Jährige auch zu Hause Taichi und Kickboxen und müsste die Bewegungen eigentlich kennen, doch in Tagou verstauchte er sich prompt im ersten Training den Knöchel. Seine Kung-Fu-Lanze dient jetzt nur noch als Stütze beim Humpeln. "Ich war wohl etwas zu euphorisch", seufzt Felber und schaut sehnsüchtig den gelenkigen Kindern zu, die geschmeidig ihre Kür mit dem Schwert einüben.

"Gong Fu" kann man mit "harte Arbeit" übersetzen, und im sogenannten Shaolin-Stil wird besonders viel Wert auf die Abhärtung des Körpers gelegt. Das erkennt man sofort beim Training in Tagou, sechs Stunden täglich. Im Morgengrauen beginnt um kurz nach sechs der Unterricht im Innenhof der Schulanlage. Irgendwo kräht ein Hahn, und im Gleichschritt trabt eine Klasse in roten Trainingsanzügen in Richtung Sportplatz. Der elfjährige Teng Rui Wen versucht einen Spagat, doch seine dünnen Beinchen liegen nicht schnurgerade auf dem Pflaster aus Wackersteinen.

Der Trainer Cao Shu Yong kennt kein Erbarmen. Er war selbst einmal Schüler in Tagou und hat das Glück, nun als einer von 1300 Sporttrainern seine Erfahrungen weitergeben zu dürfen. Cao hat es geschafft: Er bekommt hin und wieder Einladungen nach Kanada, und manchmal ruft ihn auch eine Pekinger Filmproduktionsfirma an und bittet ihn, in einer Seifenoper eine Nebenrolle zu übernehmen.

Schauspieler und Trainer - der Traum aller kleinen Kämpfer. Cao drückt die Knie von Rui Wen in die korrekte Position, und Rui Wen unterdrückt einen Schrei. Wushu-Kämpfer kennen keinen Schmerz.

In Shaolin hoffen alle darauf, dass auch Wushu eines Tages olympische Disziplin werden könnte, wo doch China 2008 die Spiele ausrichten darf. Vielleicht geht dann auch Jianwens größter Wunsch in Erfüllung: "Weltmeister werden!"

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